Du musst es glauben – Frauke Finsterwalders «Finsterworld»

Das nicht mehr ganz junge Ehepaar Sandberg (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz) bestellt aus dem Hotel einen US-Wagen, da sie auf keinen Fall in einem deutschen Auto durch die Gegend fahren wollen. Ihr Sohn Maximilian (Jakub Gierszal) ist auf einem Ausflug ins KZ mit Lehrer Nickel (Christoph Bach) und seinen MitschülerInnen. Als Natalies bester Freund Dominik (Leonard Scheicher) sieht, wie Natalie (Carla Juri) Maximilian küsst, verabschiedet er sich – ohne Lehrer Nickels Wissen natürlich. Grossmutter Sandberg (Margit Carstensen) lässt sich unterdessen die Füsse von einem doch eher unorthodoxen Masseur pflegen…

Natalie und Dominik: Geeks unter sich? (Bild: zVg)

Natalie und Dominik: Geeks unter sich? (Bild: zVg)

Soviel zu den wichtigsten Handlungssträngen im ersten Spielfilm von Frauke Finsterwalder. Dass es sich dabei um eine Herzensangelegenheit handelt, zeigt schon der Titel, der sich (fast) nur durch zwei Buchstaben von Finsterwalders Nachnamen unterscheidet. Das Drehbuch hat sie mit ihrem Mann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht geschrieben. Natalie liest im Film «Ghost World» von Daniel Clowes, ein Comic, der auch die Irrungen und Wirrungen des Teenagerdaseins verhandelt. Ihr Freund liest unterdessen einen Comic von Hugo Pratt – so wird möglicherweise ein Bezug zur Shoah und zum 2. Weltkrieg hergestellt, hat Pratt doch eine Serie («Gli scorpioni del deserto») ganz dem 2. Weltkrieg gewidmet. Geschichte ist auf jeden Fall bei Pratt ein wichtiges Thema. Natalie fühlt sich offenbar aber nicht zu ihrem geekigen, comiclesenden (geschichtsbewussten?) Kollegen Dominik hingezogen (also ihrem alter ego?), sondern zu Maximilian, der die Shoah relativiert und schliesslich etwas absolut Unverzeihliches macht. Natürlich ist es aber nicht der smarte Maximilian, der den Preis dafür zahlt, sondern der ahnungslose Lehrer Nickel. Natalie kann dies aber nicht glauben – doch Maximilian sagt ihr: «Du musst es glauben». Die Wahrheit ist nämlich wohl so abgründig und so schrecklich, dass Natalie sie gar nicht erfahren sollte – vor allem im Interesse von Maximilian und dem Mitschüler, der ihm geholfen hat, Natalie einen so unverzeihlichen Streich zu spielen. Am Schluss sind beide, Dominik und Natalie, in einem gewissen Sinne tot, während die Grossmutter mit dem unkonventionellen Masseur zusammenzieht. Neben Christian Kracht und Carla Juri ist übrigens mit Dieter Meier (Yello) ein weiterer Schweizer mit von der Partie.

«Finsterworld».  Deutschland 2013. Regie: Frauke Finsterwalder  Mit Christoph Bach, Carla Juri, Margit Carstensen, Jakub Gierszal, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Michael Maertens, Leonard Scheicher, Dieter Meier u.a. Deutschschweizer Kinostart: 20.3.14.


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