Obsessionen der Altmeister – Woody Allens «Rifkin’s Festival» und Paul Verhoevens «Benedetta»
In Woody Allens neuem Film sehen wir einen Filmprofessor, der der Nouvelle Vague nachtrauert und seinem Therapeuten alles erzählt. Auch ein anderer Altmeister zelebriert in seinem aktuellen Werk seine Obsessionen: In Paul Verhoevens neuem Film widmet er sich zum ersten Mal in erster Linie der Religion. Ein Triumph!
Filmfestival im Baskenland. In der Ehe zwischen Mort Rifkin (Wallace Shawn) und seiner Frau Sue (Gina Gershon) kriselt es. Sie interessiert sich in letzter Zeit vor allem für ihren Klienten, den gefeierten französischen Regisseur Philippe (Louis Garrel). Mort ist aber auch nicht untätig und verliebt sich in seine neue Kardiologin (Elena Anaya) …
Woody Allen erweist sich in seinem aktuellen Film als echter Meta-Regisseur, der Film wimmelt von witzigen Traumsequenzen und Hommagen, an «Citizen Kane», Bergmans «Das siebte Siegel», «Persona», «Jules et Jim», «À bout de souffle» … und mehr noch: der Film spielt am Filmfestival in Donostia (San Sebastián); Wallace Shawn spielt als Woodys Alter Ego einen natürlich jüdischen Filmprofessor aus der Bronx, Gina Gershon als seine Frau ist ebenso kongenial besetzt.
Hier sehen wir Woodys wichtige Themen: Beziehungen und Film, seine wirklichen Obsessionen. Nach dem eher schwachen Chalamet-Vehikel «A Rainy Day in New York» ist dies eine sehr willkommene Rückkehr des Meisters, er übertrumpft damit wohl den anderen Altmeister Clint Eastwood. Aber das ist wohl Geschmackssache.
Sicher legt Allen aber ein spielerischeres Werk vor, das im Formalen an frühere Filme erinnert, ja sogar sein Debüt «What’s New Pussycat», in dem er ja nur einen anderen Film verwurstet und neu synchronisiert hat. Auch «Rifkin’s Festival» ist in einem gewissen sinne eine Art Remix; eine Art Best of Woody fast, und dazu noch ein Best-Of an Hommagen und Referenzen an grosse europäische Klassiker und zumindest einen grossen Klassiker der USA, vielleicht der grösste aller Zeiten: Orson Welles‘ «Citizen Kane».
Dass Woody den Film bei einem Psychiater beginnen und enden lässt, ist möglicherweise eine Premiere; es ist aber nicht das erste mal, dass er eine Rahmenerzählung verwendet, das war z. B. bereits in «Melinda and Melinda» der Fall.
Seinen grössten Triumph feierte Woody Allen ja mit «Midnight in Paris», ebenfalls einer Komödie, die in Europa spielt. Also nur folgerichtig, dass sich Woody hier auf seine Stärken konzentriert. Was nicht heisst, dass er nicht auch ein Meister des Dramas ist … doch zumindest in kommerzieller Hinsicht hat ihm das Drama sicher weniger gebracht; auch wenn «Match Point» ja sein Comeback einläutete.
Wie für Paul Verhoeven hat es sich für Allen ausgezahlt, dass er in neuen Ländern Filme macht, Verhoeven kam zurück aus Hollywood und macht jetzt wieder in den Niederlanden und neu in Frankreich Filme, Woody Allen ist nun verstärkt in Spanien, Italien und Frankreich präsent. Und trotzdem bleiben sich beide Altmeister treu; es geht nach wie vor um ihre grossen Themen. Doch während sich Woody vor allem wiederholt, ist es bei Verhoeven so, dass er sich nun wieder verstärkt seinen wichtigsten Themen und Obsessionen widmen kann: Verhoeven wollte schon lange einen Film über Jesus machen; in seinem aktuellen Film «Benedetta» steht nun wirklich zum ersten Mal die Religion im Zentrum eines Films des niederländischen Meisters.
Die Nonne Benedetta (Virgine Efira) lebt im Italien der Renaissance. Sie hat immer wieder Träume, nicht unähnlich Rifkin. Allerdings sind sie etwas heftiger als die von Rifkin: schliesslich kommt sie zum Schluss, dass es sich um religiöse Visionen handeln muss. Die Mutter Oberin (Charlotte Rampling) wird abgesetzt, die jüngere Benedetta wird zum Oberhaupt des Nonnenklosters …
Macht, Religion, Frauen und Männer – in «Benedetta», einem Film, der auf wahren Begebenheiten basiert (bzw. von diesen inspiriert wurde) ist alles drin, was Paul Verhoevens Herz begehrt. Er ist zwar eigentlich von Hause aus Naturwissenschaftler, doch er war auch (als einziger Nicht-Theologe!) Mitglied in einer Vereinigung, die sich der historischen Jesus-Forschung widmete. Verhoeven wollte einen Film über Jesus drehen, dazu ist es nicht gekommen, seine Erkenntnisse hat er dafür in einem Buch über Jesus versammelt.
Dabei lässt Verhoeven, dieser Meister der Ambivalenz, natürlich alles offen: Ist «Benedetta» eine grosse Mystikerin? Oder einfach nur verrückt? Und: durch die Präsenz der Pest wird der Film verblüffend aktuell. Wobei: aktuell ist das alles so oder so, und so wird es auch noch lange bleiben. Vieles in der Welt hat sich eben doch gar nicht so radikal geändert, nicht zuletzt die Hierarchien zwischen Geschlechtern und Klassen.
Virgine Efira ist hervorragend in der Hauptrolle, sie war bereits in Verhoevens erstem französischem Film «Elle» zu sehen. Diesmal also nun in der Hauptrolle – und auch die Nebenrollen sind perfekt besetzt, von Charlotte Rampling über Daphne Patakia als junge Bartolomea bis zu Lambert Wilson als Nuntius.
Paul Verhoeven schafft es mit über 80 Jahren, einen seiner besten Filme zu drehen. Das soll ihm mal einer nachmachen!
«Rifkin’s Festival» USA/Spanien/Italien 2021. Regie: Woody Allen. Mit Wallace Shawn, Gina Gershon, Elena Anaya, Christoph Waltz, Deutschschweizer Filmstart am 30. Dezember 2021.
«Benedetta» Frankreich/Italien/Niederlande 2021. Regie: Woody Allen. Mit Virginie Efira, Daphne Patakia, Charlotte Rampling, Lambert Wilson u.a. DVD und Blu-ray-Disc erscheint am 24. Februar 2022.
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