Fremd im eigenen Land – Maha Hajs «Mediterranean Fever» und Kasi Lemmons’ «Whitney Houston – I Wanna Dance With Somebody»

Bei Maha Haj leidet ein angehender Schriftsteller an seinem Land. Kasi Lemmons erzählt die wahre Geschichte der viel zu früh verstorbenen Whitney Houston. Sowohl der (unbekannte, fiktive) Palästinenser als auch die (weltberühmte) Afroamerikanerin leben als Minderheit in ihrem eigenen Land.

Waleed ist angehender Schriftsteller, er leidet aber an Depressionen. Zwar geht ihm sein Nachbar Jalal, der dauernd laut Musik hört, auf die Nerven. Trotzdem nimmt er seine Einladung zum Tee an. Langsam freunden sich die zwei an … oder ist es nur ein verzweifelter Versuch von Waleed, seinen Schreibstau zu überwinden?

Waleed (Amer Hiehel) und Jalal (Ashraf Farah), ein ungleiches Paar. (Bild: zVg)

Geht es in Maha Hajs Film um Schreibstau, um Depressionen – oder einfach um Palästina, um ein Land, das kein Land ist, um ein Land, an dem alle verzweifeln, um ein besetztes Land?

Die (vermutlich russisch-jüdische) Ärztin vermutet zwar, dass Waleeds Sohn an einem Mittelmeer-Fieber (dem familiären Mittelmeerfieber) leidet, doch im Verlauf des Films stellt sich heraus, dass er – wie sein Vater – vor allem an Palästina leidet, an einem Land, in dem zwei nicht kompatible (bzw. viele verschiedene) Ideologien koexistieren, in dem unklar ist, ob Jerusalem wirklich die Hauptstadt Palästinas ist – oder vielleicht nicht doch eher die Hauptstadt Israels. (Für Waleed ist Jerusalem die Hauptstadt Palästinas, nicht aber für die Lehrerin seines Sohns.) Ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt – für die einen. Ein Land, das besetzt ist – für die anderen. In einem Land, in dem Waleed eine Strasse al-Jabal-Strasse nennt, während sein Nachbar von der Tsiyyonut-Strasse redet – ausgerechnet: der Zionismus-Strasse!

Man leidet mit. Und gerade weil Waleed ein Mensch ist und nicht ein Supermann, gerade deshalb ist es wohl auch für alle, unabhängig vom Politischen, einfacher, ihn so zu akzeptieren und auch seine Meinungen zu hören. Wenn er explodiert, wenn die Ärztin ihn nach seiner Religion fragt und er dann Palästinenser als Religion angibt – dann verstehen wir ihn, der sicher nicht besonders religiös ist. Tatsächlich spielt die Religion im ganzen Film überhaupt keine Rolle – ausser in dieser Szene …  

Die Regisseurin und Autorin Maha Haj hat diesen Stoff, der so unspektakulär klingt, mit viel Spannung und unerwarteten Wendungen umgesetzt. Mehr sei hier aber nicht verraten … ein Film, der mit viel Feingefühl und starker Charakterzeichnung glänzt.

Nicht nur Palästinenser:innen haben eine schwierige Vergangenheit. So schlimm der Kolonialismus osmanischer und dann britischer Prägung gewesen sein mag, so gross die Katastrophe der Nakba – die offenen Wunden, die die Sklaverei in Nordamerika hinterlassen hat, sind auch noch in Kasi Lemmons Whitney-Houston-Biopic spürbar.

Whitney Houston (Naomie Akie) wächst als Tochter der Soul- und Gospel-Sängerin Cissy Houston (Tamara Tunie) auf; ihre Eltern dominieren sie. Sie landet unter den Fittichen von Clive Davis (Stanley Tucci), der aus ihr einen grossen Pop-Star macht. Doch auch er kann nicht verhindern, dass sie einen mehr als problematischen Mann heiratet und immer mehr in die Drogen abgleitet.

Wenn Whitney Houston vorgeworfen wird, dass sie zu weiss sei, ist dies ja auch nur im spezifisch US-amerikanischen Kontext zu verstehen – deshalb hat sie wohl auch den rappenden R&B-Star Bobby Brown geheiratet. Ihre Liebe zu Robyn Crawford durfte sie nicht leben; zu stark war der Druck von Eltern und Gesellschaft.

Vielleicht war auch ihre eigene Angst vor dem Höllenfeuer zu stark . Doch es sind die Drogen und Bobby Brown, die sie wahrscheinlich umgebracht haben. Regisseurin Kasi Lemmons hat schon viele Filme gedreht, die sich explizit mit afroamerikanischer (Medien)geschichte auseinandersetzen, darunter «Talk To Me», «Black Nativity» und auch ihr Debüt «Eve’s Bayou» – und zuletzt natürlich «Harriet», über Harriet Tubman, die «bekannteste afroamerikanische Fluchthelferin der Hilfsorganisation Underground Railroad» (de.wikipedia.org).

Mit « Whitney Houston – I Wanna Dance With Somebody» legt Kasi Lemmons ein durchaus umfassendes Biopic vor, das die zerrissene Whitney Houston erfahrbar macht. Alle relevanten Themen aus Whitney Houstons Leben sind hier – das heisst natürlich nicht, dass das ein filmisches Meisterwerk ist. Aber das muss der Film ja auch nicht sein.

«Mediterranean Fever». D/F/Zypern/Palästina 2022. Regie: Maja Haj. Mit Amer Hiehel, Ashraf Farah, Anat Hadid u. a. Deutschschweizer Kinostart am 22. Dezember 2022.

«Whitney Houston – I Wanna Dance With Somebody». USA/Neuseeland 2022. Regie: Kasi Lemmons. Mit Naomi Ackie, Stanley Tucci, Ashton Sanders, Tamara Tunie, Nafessa Williams, Clarke Peters u. a. Deutschschweizer Kinostart am 22. Dezember 2022.

 

 


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