Durchgenudelt

Nach zwei Wochen Lektüre von Jonathan Franzens Roman «Freedom» blieb mir kein Ausweg: Ich wurde zum Feministen und fühle mich durchgenudelt.

9780312576462

Während Schriftsteller Franzen in Interviews erklärt, er schotte sich beim Schreiben vollkommen ab und würde nie online gehen oder etwa Google benutzen, so erscheint «Freedom» geradezu zugekleistert von zusammengegoogelten Anspielungen.

Von Andy Strässle

Amerika, Amerika! Fitness-Wahn, Pillen- und Psychotherapie-Sucht, die Glaubwürdigkeit der Indie-Rocker, Immobilien-Boom, das Schicksal der Zugvögel und eine episch ausgelegte Familiengeschichte. Jonathan Franzen, Autor der Romane «The Twentyseventh City» und «The Corrections» und scharfsinniger Essaysammlungen. Da sind sechshundert Seiten doch kein Problem.

Freiheit von «Freedom», endlich. Dabei hat Jonathan Franzen eigentlich alles richtig gemacht: Eine ausgefeilte Konstruktion des Romans, einige absurde Ideen, wie etwa die Berggipfel-Entfernung oder die Diskussionen zwischen den Nachbarn, ob die Katze nun rausdürfen darf, da sie eigentlich ein Raubtier ist und die geliebten Zugvögel frisst.

Aber nichts war mit Freiheit von «Freedom», denn nun sitze ich hier und überlege, was schiefgegangen ist, warum ich «Freiheit» einfach nicht mag. An den Anspielungen kann es nicht liegen, so gentrifizieren die aufstrebenden Berglunds ausgerechnet die Innenstadt von St. Paul, Heimatort von F. Scott Fitzgerald.

Der erfolglose Rockerfreund Richard Katz stammt aus Hibbing, wo Bob Dylan aufwuchs. Während Schriftsteller Franzen in Interviews erklärt, er schotte sich beim Schreiben vollkommen ab und würde nie online gehen oder etwa Google benutzen, so erscheint «Freedom» geradezu zugekleistert von zusammengegoogelten Anspielungen.

Der «Spiegel» hat vor zwei Jahren in «Freedom» eine politische Bilanz der Bush-Jahre in den USA gesehen. Und dabei in der Familiengeschichte der Berglunds eine Versöhnung. Doch der Roman hinterlässt einen zutiefst seltsamen Nachgeschmack. Franzen baut die Berglunds als perfekte Familie auf. Sie bauen ihr eigenes Haus um, Mutter Patty hütet selbstlos das Nachbarsmädchen, kocht gesund und Vater Walter ist Umweltanwalt mit Prinzipien und Fahrrad.

So hegt der Lesende den «Bigotterie-, den zu-schön-um-wahrzusein-Verdacht», der sich alsbald auch erfüllt. Es hat Risse im Paradies. Sohn Joey redet nicht mit Vater Walter, Mutter Patty beschützt ihn, den Verhätschelten. Und schliesslich bekommen wir den ersten Teil von Pattys Autobiografie zu lesen, die «Mistakes were made» heisst und auf Vorschlag ihres Therapeuten geschrieben wurde.

In der Folge wird Patty in den Collegejahren mit einer Vergewaltigung, die wegen des politischen Ehrgeizes der Mutter nicht angezeigt wird und einer drogensüchtigen Stalkerin und gleichzeitig besten Freundin geschlagen. Verhängnisvollerweise ist Patty eine nicht allzugrosse, aber dafür umso ehrgeizigere Basketballverteidigerin. Unter allzu menschlichen Umständen bricht sie sich dann allerdings das Knie und unter allzu menschlichen Umständen will sie mit Bob-Dylan-Ersatz Richard Katz ins Bett, ohne dies allzugenau zu wissen. Hier trifft sie auf Krücken auf den soliden Walter. Damit ist die Voraussetzung für eine gruselige Moral geschaffen. Unter extrem verwickelten, aber akribisch erklärten Umständen heiratet Patty schliesslich Walter Berglund, der ebenso die Stütze des ewig pubertären Richard Katz ist. Und da ist es keine Ahnung mehr. Patty will von Richard durchgenudelt werden.

Kein Problem, kein Problem, denkt man sich so, denn wer hat die Schmetterlinge aus der Jugend nicht schon davonfliegen sehen. Aber eine gefühlte Million Seiten später will sie das immer noch. Ach ja, da liest zufällig auch – in der Abgeschiedenheit ihres Ferienhauses, auf dem Richard Katz pleite wie immer gerade die Veranda umbaut – Tolstois «Krieg und Frieden» und wer erinnert sich da nicht an die verhängnisvolle und unerfüllte Liebe von Natascha und Pierre.

Eine Anspielung (Dank an Autor Franzen), ein paar Flaschen Wein (wie viele amerikanische Hausfrauen trinkt Patty nun ab und zu zu viel) später und man denkt, es ist erledigt und nur Walter, der Gehörnte, er ahnt nichts. Und ja, Patty wurde nun von Richard durchgenudelt. Leidenschaftlich, schnell, dreimal. Bestens, denkt man, Gratulation, Leute.

Zu früh gefreut. Viel zu früh. Nun erfahren wir Walters Seite der Geschichte. Zwar wurde er nicht in der Jugend sexuell traumatisiert, aber die aus Schweden eingewanderte Familie hat sich nach der Eröffnung eines Motels dem Suff ergeben. Darum wurde Walter der Gute. Ein Idealist und ein Feminist. Einer, der es mit dem Durchnudeln nicht so hat. Der Idiot stellt sich Sex als gleichberechtigte Sache vor, bei der möglichst beide geben und nehmen. Ausser dem Vorwurf der Sanftheit und seinem  Verständnis für seine Frau Patty und der vorläufigen Treue zu ihr, wird uns aber Walters Feminismus nicht näher erklärt.

Für eine so fehlgeleitete Sicht hat Jonathan Franzen keinerlei Verständnis, wie nun schmerzhaft klargemacht wird. Offenbar riecht ein gleichberechtigtes Rollenverständnis schon nach «Political Correctness» und die Frauen bekommen nur Depressionen, wenn sie zuviel gefragt werden. Während wir jeden hobby-kinderpsychologisch zu deutenden Gedanken unserer Helden mitbekommen, kommt aber weder Walter noch Patty je in den Sinn, je einen Wunsch (in dreissig Jahren Ehe) an die Partnerin auszusprechen. Es kommt, wie es muss, schlimmer.

Während «Krieg und Frieden» als überdimensionierte Soap mit extrem langen Einschüben über Schlachten, die Kälte des russischen Winters und Kriegsführung durchgehen kann, so gründet die Beziehung von Pierre und Natascha auf Liebe, auf Leidenschaft (unerfüllter), zwar stellt sich auch die Frage, was denn das Richtige sei, das sie tun können. Doch in «Krieg und Frieden» geht es nicht ums «Durchnudeln», es geht um das Schicksalhafte der Liebe im Krieg.

Zurück zu «Freedom»: unterdessen ist Sohn Joey dran und Autor Franzen hat wiederum nicht Kinderpsychologie gegoogelt. Joey Berglund ist hübsch, charmant, intelligent und ein Republikaner, als solcher kennt er keine Feminismusprobleme. Fast keine: Als sich sein Traum erfüllt seine Ehefrau betrügen zu können, so ist dies auch sprachlich eine geglückte Sache:

«Even now, as long as he was confined by his pants, he had the impression of being as hard as the wood of the communal dining table …/…»

Ein bisschen weiter:

«She fooled around more brutally, less pliantly than Connie did –that was part of it.»

Hinter uns liegen zu dem Zeitpunkt die Telefonsex-Probleme Joeys mit Connie, um genau zu sein, die perfekte Verführung per Telefon und dabei gleichzeitig unangenehme Phantasien mit Exkrementen (eben Kinderpsychologie) und letztlich das  versehentliche Verschlucken des Eherings und nun – während der Verführung Jennas – das Warten auf dessen Wiederauftauchen. Keine Angst, Joey ist da gerade in Argentinien zwar noch Waffenhändler, aber er wird – nachdem Connie so depressiv geworden ist, wie seine Mutter – zu ihr zurückkehren und ein guter Kerl werden.

Immerhin kennt einer Sex ohne Reue: Der Freund der Familie Richard Katz. Der Mann weiss wie’s geht, ist der Sache aber überdrüssig. Als Walter eine Zugvogelart retten will, sich Patty von Walter entfremdet hat, erkennt Richard, dass Walter auf seine indische Assistentin steht und legt ihm, um ihn zu befreien – wohlverstanden – Pattys Autobiografie hin. Walter liest das Werk über Nacht. Katz verschwindet im Morgengrauen, Patty trinkt eine Flasche Wein und Walter vergisst jetzt den Feminismus und er nudelt sie endlich durch:

«And he was sick of it, sick of all the reasoning and understanding and so he threw her on the floor and fucked her like a brute. They were both smiling like crazy.»

Und so weiter.

Kurz darauf bekommt Walter keinen hoch, da jetzt die Assistentin mit der Nudelei dran ist, er aber immerhin noch ein wenig verwirrt ist, weil ihn Patty gerade verlassen hat. Patty unterdessen zieht zu Richard nach New York und ist zwar nicht mehr deprimiert, aber Richard entpuppt sich als jugendliche Träumerei und sie entwächst nun diesen Durchnudelfantasien, emanzipiert sich und wird Lehrerin.

Immerhin das teilen Franzen und Tolstoi: Immer wenn du denkst, so jetzt geht es dem Ende entgegen oder in diesem Falle, denkt man eher, jetzt sind alle gehörig durchgenudelt worden, jetzt ist dann fertig, immer dann kommt noch etwas, in diesem Falle sind es die Grosseltern Berglund. Auch diese Familiengeschichte wird noch aufgerollt.

Es sähe aber nicht allzu schlecht aus: Zwar hat Joey noch manchmal das Bedürfnis den Ehering in den Mund zu nehmen, aber er ist immerhin kein Waffenhändler mehr. Patty arbeitet und schliesst Frieden mit ihrer Mutter (sie geht auch noch ins Fitness-Studio und sorgt dafür, dass sie mit Mitte vierzig noch eine Sex-Bombe bleibt).

«And the body for him was still very nice, not actively displeasing in any way: the product surely of many hours at her gym.»

Walter selbst unterdessen sorgt mit einem Rave gegen die Überbevölkerung für einen Youtube-Hit in Fundi-Öko-Kreisen (was einen alles so einfällt, wenn man nicht googelt).

Der Krieg ist zu Ende, der Russland-Feldzug vorbei, denkt man und hofft auf eine würdige Entlassung nach einer langen Lektüre. Zu früh gefreut. Nach einem Streit mietet sich Walters Assistentin selbst ein Auto – um an einer Zugvogel-Sitzung – oder wars wegen der Überbevölkerung – teilzunehmen. Und ja, sie ist das Bauernopfer. Sie baut einen – ungeklärten tödlichen Unfall – und vorbei ist die Hoffnung auf Freiheit von «Freedom». Um es kurz zu machen, am Schluss wird noch das Verhältnis Katzen/Zugvögel geklärt, die Verzinsungsprobleme im wildwuchernden Real-Estate-Markt, der ebenfalls nicht gerade gut für die Zugvögel ist und Patty und Walter erkennen, sie mögen sich doch.

Erst ganz am Schluss hat Jonathan Franzen Mitleid und erspart uns diesmal Details zu Patty und Walters Sexualleben. Scheinbar ist es jetzt OK. Bei mir hat «Freedom» Spuren hinterlassen. Ich bin zum Feministen geworden. Willig setze ich mich jedem Bigotterie- und Doppelmoral-Verdacht aus, denn Franzen hinter dem Versuch eine rücksichtsvolle, gleichberechtigte Sexualität zu leben sieht.

Mag sein, Sexualität verspricht keine Freiheit mehr – und tat es vielleicht auch nie. Mag sein, sie ist ein durchgestyltes Konsumgut, das hilft, Eiscrème und Waschmittel zu verkaufen, aber dass bei «Freedom» immer alles auf Sex hinausläuft und eine Dialektik des «Durchgenudelt-Seins» entsteht, hinterlässt einen widerlichen und reaktionären Nachgeschmack.

Autor Jonathan Franzen ist doch falsch abgebogen, kein Wunder.

Autor Jonathan Franzen ist doch falsch abgebogen, kein Wunder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.