Altes Europa
Michael Haneke wurde für seinen aktuellen Film bereits zum zweiten Mal in Cannes ausgezeichnet – der Maestro legt denn auch ein absolut unverzichtbares Werk über das Altern vor, mit Emmanuelle Riva und Jean Pierre Trintignant in den Hauptrollen.
Georges (Jean Pierre Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) sind ein Ehepaar um die 80; sie geniessen das Leben aber immer noch und erfreuen sich besonders über den Erfolg ihrer früheren Schüler. Nach einer einseitigen Lähmung Annes wird aber Georges‘ Liebe zu seiner Gattin auf eine schwere Probe gestellt. Das Zusammenleben hat nun eine fundamental andere Qualität. Ihre Beziehung verändert sich, auch ihre Rollen innerhalb der Beziehung, da Georges nun die Aufgaben übernehmen muss, die vorher Anne wahrgenommen hat.
Immer dort, wo es wehtut
Michael Haneke ist ein Regisseur, der immer dort filmt, wo es wehtut. Ob die deutsche («Das weisse Band») oder die französische («Caché») Geschichte, menschliche Abgründe verschiedener Natur («Funny Games», «La pianiste»), der Österreicher kennt keine Tabus. Bei aller politischer Dringlichkeit steht immer der fehlbare Mensch im Zentrum, nicht allein die gesellschaftlichen Strukturen. In «Amour» ist wohl genau das das Problem: Georges und Anne sind zu sehr auf sich selber bezogen; eine Einsicht, die Georges wohl erst nach Annes Lähmung langsam dämmert. «Amour» ist so wohl weniger ein Film über die Liebe selbst, sondern eher über die Folgen einer zu sehr auf sich selbst bezogenen Form der Beziehung, die vielleicht durchaus typisch ist für das «alte Europa». Abgesehen von einem früheren Schüler und der Tochter kommen denn auch kaum junge Menschen vor; Kinder werden zwar erwähnt, sind aber im Film nie zu sehen. Die Migranten im Film sind alle subaltern; eine Pflegerin wird von Georges wohl ohne Grund entlassen.
Ein starkes Stück Kino, in Cannes (wie schon «Das weisse Band») völlig zu Recht ausgezeichnet. Haneke ist zweifellos einer der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure – wer aber etwas Schönes erleben will, ist wohl mit einer Kanufahrt (um Lars von Trier zu zitieren) wohl besser bedient … (Lars von Trier macht ja wie Haneke immer wieder sehr sehr ungemütliche Filme.)

