Zitat der Woche – Burak Çopur, Wo Minderheiten als Gefahr gelten

Das heutige Zitat der Woche erinnert an den Genozid an den Armeniern vor hundert Jahren: Ein Kapitel des Ersten Weltkriegs, dessen Gräuel die Schatten späterer Völkermorde vorzeichneten.

Deportationen, Gewaltmärsche und gezielte Fehlversorgung forderten beim Armenischen Genozid Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen Opfer. zVg

Von Daniel Lüthi

Die Wurzeln des Ersten Weltkriegs lagen in der Industriellen Revolution. Erdöl und Elektrizität ersetzten Dampfkraft und Gas, Erfindungen wie Telegrafie und die Bessemer-Herstellung von Stahl vernetzten und beschleunigten das Leben im Europa des späten 19. Jahrhunderts mit immensem Fortschritt. Gekoppelt mit nationalistischem Expansionsdrang lieferte die industrielle Massen- und Fliessbandherstellung von Motoren und Propellern, aber auch von Munition und Granaten den Nährboden für einen Konflikt, welcher ab 1914 in einem bis dahin ungesehenen Ausmass wütete und nach dessen Ende 1918 das Wort «Krieg» neu definiert worden war. Angesichts der noch grösseren Dimensionen und Schrecken des Zweiten Weltkriegs rieten manche Historiker davon ab, den Vorgänger noch «La Grande Guerre» zu nennen – doch es bleibt unbestritten, dass der Erste Weltkrieg der Auslöser einer ganzen Reihe historischer Entwicklungen war, deren Folgen auch hundert Jahre später noch nachhallen.

Es ist ebenso ungewöhnlich, Völkermord mit dem Grossen Krieg zu verbinden – auch hier geschahen im Zweiten Weltkrieg weitaus horrendere Ereignisse in grösserer Anzahl, und andere Schlüsselmomente in den Jahren 1914 bis 1918 finden in Geschichtsbüchern mehr Echo. Nicht nur deswegen ist die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern, welcher am 24. April 1915 begann, umso schmerzhafter: Die türkische Seite weigert sich seit Jahrzehnten, den vom damaligen Osmanischen Reich durchgeführten Völkermord als das zu akzeptieren, was er ist – nämlich Mord. Armenien wird damit die Aufarbeitung erschwert, eine offizielle Anerkennung der Gräuel vonseiten der Türkei oder auch nur ein offenes Gespräch unter Partnern ist kaum zu erwarten. Europa versucht, sich soweit als möglich neutral zu verhalten; der bewusste Gebrauch des Begriffs «Völkermord» von Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck ist ein Novum und Tabubruch.

Dies sind jedoch nur die politischen Beiträge zum einem Thema, das vor allem aufgrund der runden Zahl im Tagesgeschehen ist. Das Kind beim Namen zu nennen ist ein wichtiger Schritt, doch werden Politiker in den Fallnetzen von Diplomatie und Bündnissen schlussendlich wenig ausrichten können, ohne Landesbeziehungen zu gefährden. Umso wichtiger ist der zivile Einsatz: Abseits von vorsichtigen Annäherungen unter Staatsmännern und -frauen setzt sich in der türkischen Gesellschaft langsam ein Umdenken durch. Es wäre noch zu früh, Ereignisse wie die folgenden als Umbruch zu bezeichnen – viele Fronten sind nach wie vor erhärtet. Bis zur Anerkennung des Völkermordes und der historischen Akzeptanz früherer Verfehlungen ist es in der Türkei noch ein weiter Weg. Die ersten Schritte dahin wurden dennoch bereits gemacht und machen Hoffnung für die Zukunft, wie der Politikwissenschaftler Burak Çopur feststellt:

Zu einer echten Zäsur wurde die öffentliche Trauer um den ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink 2007. Der den Toten begleitende Trauerzug mit rund 100.000 Teilnehmern war ein erstes Sinnbild für das Mitgefühl der türkischen Zivilgesellschaft mit den Armeniern. Im Jahr darauf initiierten türkische Intellektuelle eine vielbeachtete Unterschriftenkampagne Özür diliyorum (wörtlich: „Ich entschuldige mich“) als Entschuldigung für das Gewaltverbrechen an den Armeniern. Angespornt von diesen Gesten veranstalten Menschenrechtsorganisationen mittlerweile jedes Jahr am 24. April eine Gedenkveranstaltung für die armenischen Opfer am zentralen Taksim-Platz in Istanbul. Längst ist die türkische Zivilgesellschaft mit diesem vorbildlichen Engagement der wesentliche Träger der Geschichtsaufarbeitung.

 

Das verändert langsam auch die Sprache der offiziellen türkischen Staatsdoktrin: nämlich von einer aggressiven Leugnung des Völkermordes hin zur Anerkennung des Leides gegenüber den armenischen Opfern. In diesem Sinne ist auch die offizielle Kondolenzerklärung Erdoğans im April 2014 an die Adresse der armenischen Opfer zu verstehen. Das ist kein grosser, aber immerhin ein bemerkenswerter Etappensieg der Zivilgesellschaft. Der Geist der Versöhnung ist damit bereits aus der Flasche.

Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/armenien-voelkermord-genozid-tuerkei-aufarbeitung/seite-2

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