Aus dem Schatten von Dracula – ein Nachruf auf Sir Christopher Lee

Mit Sir Christopher Lee verlässt einer der letzten Schauspieler des Silbernen Zeitalters der Filmgeschichte die Weltbühne. «Zeitnah» erinnert an die Karriere und das Leben des legendären Charakterdarstellers.

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In über 280 Rollen prägte Sir Christopher Lee die Filmgeschichte von 1946 bis in die Gegenwart. zVg

Von Daniel Lüthi

Wer von Ikonen spricht, hebt meist vor allem ein Merkmal oder eine bemerkenswerte Errungenschaft dieser Personen hervor. Goethe wird so vor allem für seinen «Faust» gerühmt, Jules Verne für «In 80 Tagen um die Welt» oder Charles Dickens für «Oliver Twist». Dass dabei andere Werke in den Hintergrund treten, die sowohl für Autor wie auch für Kenner nicht weniger wichtig sein können, bleibt häufig als Fussnote hinter der Legende vermerkt.

Sir Christopher Lee (1922-2015) ist zweifelsohne eine dieser Legenden. In seiner über 60 Jahre dauernden Filmkarriere schlüpfte er in zahlreiche Rollen und Figuren, von Sherlock-Holmes-Verfilmungen der 1950er über Exploitation-Filme der 70er bis hin zu epischen Blockbustern des neuen Jahrtausends. Stets charismatisch und mit einer unverwechselbaren Bassstimme etablierte er sich als Charakterdarsteller in zahlreichen Genres. Dennoch überragt auch hier vor allem eine Rolle alle anderen, eine Darbietung, die Lee zeitlebens verfolgen würde: Die Rede ist von Graf Dracula.

Segen und Fluch des Blutsaugers

1957 erschien der erste Horrorfilm der Hammer Studios, «The Curse of Frankenstein», mit Peter Cushing als Viktor Frankenstein und Christopher Lee als Frankensteins Kreatur. Ein Jahr nach dem Erfolg dieser Verfilmung folgte die nächste Neuinterpretation eines Gruselklassikers, wieder mit Cushing und Lee in den Hauptrollen: «Dracula» präsentierte den Fürsten der Finsternis in neuem Gewand: Statt einer personifizierten Pest wie in Friedrich Wilhelm Murnaus «Nosferatu» (1922) oder Melodrama wie in Tod Brownings Umsetzung von 1931 wurde das Publikum 1958 mit einem charismatischen und durchaus erotisierten Vampir konfrontiert.

Insgesamt zehnmal schlüpfte Lee in die Rolle des Grafen Dracula und prägte die Figur bis in die Gegenwart. zVg

Mit dieser Darstellung gelang Lee der endgültige Durchbruch – sein Dracula wurde zur Ikone der 1960er- und 70er-Jahre und führte romantisierende Elemente in den Kanon des Vampir-Mythos ein, welche in den melancholisch-sexualisierten Blutsaugern von Anne Rice ihren Höhepunkt fanden. Der immense Erfolg des Films resultierte in Fortsetzungen und zunehmendem Fokus auf die sexuellen und blutrünstigen Aspekte – manche der späteren Dracula-Verfilmungen der Hammer Studios muten fast wie Softpornos an. Christopher Lee war sich der Popularität der Rolle bewusst und spielte in zahlreichen Sequels mit, fand sich jedoch bald in der Darstellung als Bösewicht und Blutsauger gefangen. In seiner Autobiografie «Lord of Misrule» spricht er sowohl seine Dankbarkeit für «Dracula» als auch die daraus später entstandenen Schattenseiten an:

In this my third annus mirabilis, or annus horribilis perhaps, my third strong story, my third classic remake, my third pair of second-hand shoes, was Dracula. It was the one that made the difference. It brought me a name, a fan club and a second-hand car, for all of which I was grateful. It also, if I may be forgiven for saying so, brought me the blessing of Lucifer, the third and final nail in my coffin. Count Dracula might escape, but not the actors who play him.

 

In diesem meinem dritten annus mirabilis, oder vielleicht besser gesagt annus horribilis, war «Dracula» meine dritte grosse Geschichte, meine dritte Neuverfilmung eines Klassikers, mein drittes Paar second-hand-Schuhe. Er war für den entscheidenden Umschwung verantwortlich. Er gab mir einen Ruf, einen Fanclub und einen Gebrauchtwagen, wofür ich allesamt dankbar war. Er brachte mir auch – man möge mir für die Worte vergeben – den Segen Luzifers, den dritten und endgültigen Nagel in meinem Sarg. Graf Dracula mag vielleicht entkommen, aber nicht die Schauspieler, die ihn darstellen.

(Übersetzung: Daniel Lüthi)

Wie Bela Lugosi, der Darsteller des Dracula in Tod Brownings Version der 1930er-Jahre, lief Christopher Lee Gefahr, als Klischee und Witzfigur zu enden. Dass es ihm gelingen würde, dieser Stigmatisierung und Sackgasse als Schauspieler zu entkommen, ist wohl seiner Wandlungsfähigkeit wie auch den richtigen Rollen zur richtigen Zeit zu verdanken.

Der zweite Frühling der Finsternis

Ein erster Erfolg ausserhalb von Dracula stellte sich 1973 mit «The Wicker Man» ein, für Lee seine persönliche Lieblingsrolle. In «The Man with the Golden Gun» (1974) spielte er die dunkle Gegenseite des Geheimagenten James Bond, doch der Schatten seiner Hammer-Zeit hing nach wie vor über ihm. Erst mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends, nach zahlreichen kleineren Rollen, begann für den mittlerweile beinahe Achtzigjährigen der zweite Höhepunkt seiner Karriere.

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Lees bekannteste Rolle der Gegenwart: Der Zauberer Saruman in Peter Jacksons Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Werken. zVg

Zwei Darstellungen zementierten Lee als Ikone für eine neue Generation: Count Dooku in der zweiten «Star Wars»-Trilogie und Saruman in Peter Jacksons «Der Herr der Ringe»- sowie «Der Hobbit»-Trilogie boten dem Schauspieler neue Möglichkeiten als lichtschwertschwingender dunkler Jedi-Ritter sowie als Magier. Der häufigen Rolle als Bösewicht entkam er damit nicht, doch ersetzte er das Klischee Dracula mit anderen Nuancen der Untiefen.

Es bliebe noch viel zu sagen über ein so langes und ereignisreiches Leben. Seine Freundschaften mit Kultregisseur Tim Burton und Schauspieler Johnny Depp. Lees Zweitkarriere als Sprecher zahlreicher Figuren in Trickfilmen (auf Deutsch und Englisch – nur zwei Sprachen, von denen Lee deren fünf beherrschte!), Hörbüchern und Computerspielen. Dass er als knapp Neunzigjähriger noch zwei Heavy-Metal-Alben aufnahm und 2010 den «Spirit of Metal»-Award verliehen bekam. Dass er während des Zweiten Weltkriegs für den britischen Geheimdienst in Südafrika und Italien tätig war. Vieles, das über ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte und fast ein Jahrhundert Lebensgeschichte unmöglich zusammenfassen kann. Das Einzige, was am Ende zu sagen bleibt, ist Folgendes: Rest in peace, Sir Christopher Lee, and thank you for everything.

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