Der andere Schnee

Zum Ausklang dieses Winters veröffentlicht «Zeitnah» eine Kurzgeschichte von Daniel Lüthi, in welcher der Schnee kritisch sein Verhältnis zum Menschen reflektiert.

Im Schnee steckt häufig mehr als bloss Kälte – man muss nur genau hinsehen oder hinhören. zVg

Von Daniel Lüthi

Der Schnee sass unter den Sternen und überlegte, wo er hinfallen sollte.

«Bist du etwa immer noch nicht gegangen?», staunte der Frost, der von seinem nächtlichen Treiben zurückkehrte. «Es sieht gut aus da unten. Die Winde haben eine dicke Kaltfront herbeigepustet und sagen, sie würde mindestens bis Ende der Rauhnächte halten.»

Er sponn ein paar feine Eisfäden zwischen zwei Sterne und setzte sich dann darauf.

«Du bist wieder nachdenklich, was?», fragte er gähnend.

«Warum wollen sie mich immer ausgerechnet nur zu Weihnachten?», knirschte der Schnee.

«Menschen lieben halt nun mal ihre Traditionen.»

«Eine kurze Liebe, wenn du mich fragst.»

«Wie meinst du das?» Der Frost legte sich der Länge nach hin und betrachtete die Sterne.

«Es ist doch jedes Jahr dasselbe», sagte der Schnee. «Komme ich zu früh, dann werden sie traurig, weil ich ihnen den Himmel grau färbe. Komme ich zu spät oder zu lang, dann beklagen sie sich über den Schneematsch in den Strassen. Aber in der kurzen Zeit dazwischen, wenn sie ihre Häuser mit Lichtern zubinden und überall Tannen aufstellen, dann wollen sie unbedingt, dass ich komme. Du hast es da einfacher.»

«Oh, wirklich?»

«Ja. Du kommst in der Nacht, wenn kaum noch jemand draussen ist, und streust ein paar Eisblumen an die Fenster –»

«Ha!» Der Frost setzte sich abrupt auf und wäre fast aus seiner Eismatte gefallen. «Und was ist mit dem Glatteis auf den Strassen? Den zugefrorenen Seen und Flüssen? Glaubst du etwa, das kommt alles von alleine?»

«Natürlich nicht. Aber du musst zugeben, dass du… unauffälliger bist als ich.»

«Und manchmal auch heimtückischer. Wie auch immer, wegen den Menschen solltest du dir nicht allzu viele Sorgen machen. Du weisst ja, wie sie sind. Sie haben vieles verlernt.»

Für eine Weile schwiegen beide.

«Ich hätte eine Idee», sagte der Frost schliesslich. «Du könntest ja den anderen Schnee benutzen. Du weisst schon, welchen.»

«Was?!», prustete der Schnee, dass die Eiskristalle nur so aus seinem Bart stiebten. «Der ist in den anderen Welten besser aufgehoben! Hier, wo die Leute viel zu beschäftigt sind und kaum jemand noch zuhört, würden die Schneeflocken verpuffen, noch bevor sie die Erde berührten!»

«Da liegst du falsch. Die Leute hören zu, wenn sie Zeit haben. Warte, bis sie schlafen.»

«Es ist guter Schnee. Ich möchte ihn nicht verschwenden.»

«Wirst du nicht. Aber warte, bis es wieder Nacht ist.»

«Du glaubst, dann könnten sie es hören?»

«Mit etwas Aufmerksamkeit hören sie es sogar auch tagsüber», sagte der Frost und legte sich lächelnd wieder hin.

 

Das Mädchen wachte auf, obwohl es noch mitten in der Nacht war. Seltsames Licht fiel durchs Fenster, schwächer als Mondschein, aber hell genug, um das ganze Zimmer sanft zu erleuchten. Sogar die Schatten unter der Kommode schimmerten. Das Mädchen hüpfte aus dem Bett und sprang zum Fenster. Der Himmel war milchfarben, ein mattes, wolkenloses Weiss. Dicke Schneeflocken stürmten an der Fensterscheibe vorbei, im klaren Licht der Schneenacht konnte man sie bis in weite Ferne wirbeln sehen. Unten waren die Strassen und Autos schon dicht eingeschneit. Das Mädchen horchte, dann öffnete es das Fenster einen Spalt breit. Kalt fuhr der Wind herein, vor dem Fenstersims kräuselte sich der Schnee. Was war das für eine Melodie? Es streckte die Hand aus und fing eine Schneeflocke, schloss das Fenster schnell wieder. Dann hielt es sich die Hand ans Ohr. Ein ganz leises Klingeln oder Bimmeln war immer deutlicher zu hören. Erstaunt sah es sich die Schneeflocke an. Sie schmolz trotz der Wärme im Zimmer kein bisschen. Sie funkelte und kribbelte auf der Handfläche, erzitterte und zersprang dann mit einem leisen, hellen Klang. Das Mädchen lächelte.

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