Kommentatort 52: „Mein Revier“

Der neue Dortmunder Tatort „Mein Revier“ liefert vier triftige Gründe, ihn nicht zu schauen. Sie heissen: Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske). Der filmische Rückzug ins Ermittlerprivatleben zwecks Übertünchung von „plotholes“ nervt schon bei einem einzigen oder zwei Tatort-Ermittlern und führt nur zu unnötigen Ablenkungen.

 

Vier Gründe für einen tatortfreien Sonntagabend: Faber, Bönisch, Dalay und Kossik (von links nach rechts). Wenn Bönisch und Kossik Plätze wechseln, sind sie in aufsteigender Reihenfolge nach ihrer jeweiligen Nervigkeit sortiert, von Bönisch (geht grad noch so) bis Faber (Supernervensäge).

Tote Sendezeit garantiert

Die Mordkommissionskolleginnen Nora Dalay und Daniel Kossik steigen zusammen ins Bett. Sie haben ein paar schöne Nächte, nachher aber immer erstens einen Mord zu lösen und zweitens unter gegenseitiger Ignoranz zu leiden, die armen Herzchen (dräut ihnen etwa das Schicksal von Hauptkommissar „Eine krause Stirn ist geheimnisvoll“ Keppler und Hauptkommissarin „Ich muss meine Lippen amortisieren“ Saalfeld? – on verra). Dalays und Kossiks Leidenschaften sind nie gleich getaktet, sie balzen tüchtig aneinander vorbei: Das ist an sich schon bedauerlich, so auf der menschlichen Ebene. Wenn man es aber auch noch, wie hier, in jeder neuen Folge wieder ausagieren muss, ist es ein erster Garant für verlorene Sendezeit. Kommissar Faber fickt nicht rum im Kommissariat, tickt höchstens aus und zickt mit einem wie aus dem klinischen Lehrbuch abgeschauten Tourette seine Umgebung saudumm an. Er hat allen Grund dazu: hat er doch bei einem Autounfall Frau und Kind verloren, die ihn nun verfolgen, und die sich auch mit Medikamenten nur notdürftig auf Abstand halten lassen. Mehr muss man über diesen Kommissar nicht sagen, er ist sichtlich falsch besetzt und gefällt sich nur, wenn mit dem Baseballschläger drein hauen kann, sich so richtig ausdrücken und austoben darf. Das soll bedrohlich wirken und Zerrissenheit zeigen, – ist aber nur ein zweiter Garant für tote Sendezeit.

„Guter Tatort, schlechter Tatort“

Die einzige Figur, die nicht von Anfang an tote Sendezeit garantiert, ist Kommissarin Bönisch. Sie wünscht  sich der Kommentatort nach fünf, sechs Folgen dieses  als einzig verbliebene Dortmunder Ermittlerin (warum nicht Dalay und Kossik auf Elternurlaub schicken und Faber in den Ruhestand?). Bönisch fällt immerhin mit etwas Zurückhaltung auf, und so etwas wie ein Geheimnis lässt sich ihr mit nicht allzu viel gutem Willen attestieren, während die anderen drei bloss sichtbar überfordert irgendwelchen Drehbucheinfällen nachhecheln. Dieser positive Befund wird sogleich infrage gestellt: Hat Bönisch doch gegen ein übermächtiges Drehbuch zu kämpfen, welches ihr ebenfalls ein, ach! wie turbulentes, sorgenvolles Privatleben andichtet. Also steigt sie mit Strichern in Hotels ab und lässt Haarproben ihres Sohns auf Drogenspuren untersuchen. Natürlich hat es damit kein Bewenden, denn das Drehbuch, ganz „GTST“ („Guter Tatort, schlechter Tatort“) dichtet ihr einen schauderlichen Flirt mit dem Leichenschnibbler an. Nur im Gegenzug für ein Abendessen ist er bereit, die Haarprobe zu untersuchen. Sicherlich sehen wir in der nächsten Folge, wie die beiden essen gehen, er baggert wie blöd, sie mauert wie blöd, und am Ende – nein, wie blöd! – wird der Kellner vor ihrer Nase erschossen.

Viel Einfälle, wenig Fall

Weil das alles zwar schon sehr, sehr viel, aber eben immer noch nicht genug ist, bekommt Faber, der ein ganz armer, übel zugerichteter Zausel ist, eine weitere Komplikation verabreicht: Ein böser (gar nicht so) anonymer Kommissariatskollege legt ihm Mobbing-Briefe in die Schublade, voll von Fotos seiner toten Frau, seines toten Kindes. Das setzt ihm zu, lässt ihn, pünktlich gegen das Ende dieses Filmchens, zum Baseballschläger greifen, um sich auszutoben. Dieser Ausfall lässt sich in der nächsten Folge rückblickend aufgreifen, OK, doch dieses Geseider vom Privatleben der vier neuen Dortmunder Ermittler interessiert trotzdem nicht die Bohne.

Mörder, vor die Kamera geschubst

Das Dilemma der Macher: Lassen sie auch nur einem der vier Ermittler ein weniger Sendezeit, ist öffentlich ausgetragener Knatsch programmiert. Lassen sie das Privatleben aller vier ganz weg und konzentrieren sich auf den zu lösenden Mordfall, ist der Mist in zwanzig oder dreissig Minuten geführt. Beides sind keine Tatort-Optionen. Also erinnert man sich des Krimis und gibt sich redlich Mühe, vor lauter „GTST“ auch noch den Mörder so plakativ wie möglich vor die Kamera zu schubsen. Der fällt dermassen auf, dass man sich, kaum wird man seiner ansichtig, zurücklehnt. Von nun an interessiert nur noch die an sich obsolete Frage, welche langweilige Ermittlerfigur wohl als nächstes wieder mit welcherlei hanebüchenen Tollpatschigkeit reanimiert wird. Zu allem Gedödel nervt auch die Kamera mit Hyperaktivität, die im Schnittraum überhöht wurde. Erst gegen Ende des Films kommt etwas Ruhe, wahrscheinlich, weil der Kameramann erschöpft war und die Ideen für weitere überraschende Schnitte ausgegangen waren.

Sonst noch was? Ach ja, ein Mord …

Das neue Dortmunder Team hat sich im Genre geirrt. Lieber als in einem Tatort sähe man sie in der „Lindenstrasse“ oder, wo auch dies zu hoch angesetzt sein sollte, in einer „scripted reality soap“. Von den vier scheint allenfalls Bönisch was drauf zu haben. Faber ist ein Totalausfall: Er strapaziert die Geduld mit seinen Mätzchen, mit seinem Ganzkörpertourette und dem Abgebrüht-sein-Wollen. Er soll „hard boiled“ und gebeutelt wirken, tut es aber nicht. Abgesehen vom Cliffhanger ganz gegen Ende der Episode, wo schon einmal die nächste Folge angedeutet wird, nervt und langweilt seine blutlose Figur.  Viele der verwendeten Elemente, mit denen man sich vom handelsüblichen Tatort abheben will, wirken lächerlich. Nur weil hier der Umgtangston so ruppig ist, die Leute einander an die Gurgel fahren und einander verfluchen, ändert das noch lange nichts daran, dass hier an einer „daily soap“ gebastelt wird, die man in homöopathischeren Dosen, viertel- oder halbstundenweise, gerade noch so ertragen könnte. Schleierhaft ist, warum vier Ermittler auf Augenhöhe agieren sollen. Noch schleierhafter ist, warum sie so verdammt viel Privatleben verabreicht bekommen. Klar, das sollen Menschen sein, die aus dem Leben gegriffen und nur wie durch Zufall in den Tatort geraten sind. Trotzdem wäre hier schon viel gewonnen, wenn man vermehrt auf Krimi hinarbeiten würde.

Klimbim und viel Törötörö

Leider, das muss man sagen, befolgt man in Dortmund aber auch nur Gepflogenheiten, die sich in anderen Tatorten längst durchgesetzt haben. Das überhandnehmende Privatleben der Ermittler wird hier bloss vervierfacht und so ad absurdum geführt: Man  stelle sich Borowski ohne seinen Chef vor, der immer wieder bei ihm wohnt, oder Lindholm ohne ihr Folge für Folge ganz am Anfang an der Garderobe abgegebenes Kind. Echt schade ist, dass die Dortmunder Tatortmacher, wenn sie schon mit einem so grossen Ensemble aufwarten, nicht mutiger waren und die vier ohne ablenkenden Klimbim und grosstuerisches Törötörö ermitteln lassen.

Was von „Mein Revier“ bleibt

Die ohnehin schon schlechte Note von „Mein Revier“ wird durch zahllose, vom Privatleben der Ermittler ablenkende Krimieinschübe zusätzlich nach unten gedrückt. Weiter unten gibt es in der Wahrnehmung des Kommentatorts nur noch einen sprechenden, singenden Tumor namens Lily. Man muss hoffen, dass dieses klägliche, unsägliche, in die sonntägliche Primetime verlängerte Dortmunder Casting bald redimensioniert wird und man sich künftig weniger an Seifenopern orientiert.

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