Grimm, neu gelesen

Märchenfilme sind ja im Moment ziemlich im Trend. Pablo Bergers Stummfilm «Blancanieves» kann aber keiner das Wasser reichen.

Carmencita wächst bei ihrer Grossmutter auf, da ihre Mutter die Geburt nicht überlebt hat und ihr Vater, ein Torero, verunfallt ist. Nach dem Tod ihrer Grossmutter kommt Carmen ins Haus ihrer bösen Stiefmutter, die Antonio, den Vater, nur geheiratet hat, um an seine Moneten zu kommen. Nun hat die «madrastra» Encarna  (Maribel Verdú) nur einen Wunsch: Carmen aus dem Weg zu schaffen…

Pablo Berger ist bereits mit «Torremolinos 73» aufgefallen: einem Metafilm, einer wirklich witzigen Komödie über ein Paar im frankistischen Spanien, das edukative Heimpornos für Skandinavien schiesst. Nun ist der spanische Regisseur zurück – und zeigt seine wahre Meisterschaft. «Blancanvies» oder auf deutsch Schneewittchen ist ein absolut perfekt gemachter Stummfilm, eine Hommage an das Kino der Kindertage und viel mehr: ein modernes Märchen, das im Spanien der Zwanzigerjahre spielt; ein Film in erster Linie für ein erwachsenes Publikum, vielleicht mehr noch ein Anti-Märchen – dies als kleine Warnung an alle, die ein «happy ending» ohne Wenn und Aber erwarten.

Berger ist nämlich auch hier – wie schon in «Torremolinos» – ein Regisseur, der bei aller Fabulierlust, aller Freude (vor allem auch an der Technik) die realen Lebenswelten nie aus den Augen verliert. Schliesslich müssen wir alle Geld verdienen. Insofern ist «The Artist» das grössere Märchen als «Blancanieves». Zugegeben: erst sehr spät wird klar, dass es sich eigentlich um ein Anti-Märchen handelt. Aber gerade diese Ambivalenz macht auch die Stärke des Films aus; auch könnte Berger diese Geschichte ohne die technischen Kniffe wohl nicht oder nur als Farce erzählen. Last but not least ist die Wahl des Mediums Stummfilm auch die Wahl eines Mittels zur Verfremdung; anders als im Pastiche nach Fredric Jameson – der Parodie ohne parodistischen Impetus – versucht Berger, wirkliche Elemente des Realen aufzuzeigen. Elemente, die in den Zwanzigerjahren Jahren so aktuell waren wie heute, wo die Mängel des Kapitalismus wieder auf sich aufmerksam machen. Nicht auszuschliessen ist auch, dass der Film auf die autoritäre Herrschaft des Miguel Primo de Rivera, der Spanien von 1923 bis 1931 regiert hat, anspielen soll. Das passt auch zu «Torremolinos» – Berger versucht hier also auch, die spanische Geschichte auf unterhaltsame Art aufzuarbeiten…

«Blancanieves».  Spanien/Frankreich 2011. Regie: Pablo Berger. Mit Maribel Verdú, Antonio Villalta, Macarena García, Sofía Ora, Jose María Pou, Inma Cuesta u.a. Deutschschweizer Kinostart: 24.1.2013.


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