DWVEBDMSBHBEBDS #9

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Einige Worte zu den Worten. Es wird über Aufsätze gestänkert. Das Konzept «poetische Korrektheit».

«Ob nicht die Leiber der Polygraphen verdammt sind, zu Lettern geschmolzen oder zu Papier gewalkt zu werden, ewig nun unter dem Druck der Presse zu ächzen und den Unsinn ihrer Collegen verewigen zu helfen?»
Schiller, «Der Spaziergang unter den Linden»

Dass Worte Wirkungen haben, die sich in der Ausstossung von Luft nicht erschöpfen, und die über die physische Habhaftmachung artikulierten Schalls in Gehörgang und auf Trommelfellen hinausgehen, die sich auch nicht mit ihrer Habhaftmachung in Geist und Herz von Sprechern und von Hörern bescheiden, hat Leoluca Bissegger schon immer frappiert und fasziniert. Obschon sie offensichtlich nicht von hier sind, diese quasi-magischen Auf-eins-Setzungen von Klang und Sinn, sollen die Worte Wirkungen haben im und durch den Dösschlaf des Diesseits? Noch nie hat diese im Grunde genommen einfache Tatsache hinein wollen in Leolucas Schädel, und stattdessen hat es ihn seit jeher zu immer neuen, immer abwegigeren Klang-Sinn-Versuchsanordnungen beflügelt; er liess nichts unversucht, um das Diktum wann immer möglich zu falsifizieren. Niemals jedoch, und das fällt nun endlich auch ihm auf (nicht ohne den Anflug einer Rührung), ist es ihm gelungen, die erhoffte negative Beweisführung zu vollenden. Vielmehr steht ja gerade jetzt auch sein Vater, der Bisseggerhans, wohl nicht ohne zumindest so etwas wie einen triftigen Grund, ihm gegenüber, knöcheltief im Augenwasser.

Leoluca nimmt ihn in den Arm, den weinenden Vater, und so etwas wie Widerstand ist dabei auf keiner der zwei involvierten Seiten auszumachen. Ersticktes Schluchzen steigert sich, kellertief erst noch und dumpf, dann deutlich fast, zumindest klarer.

Hans Bissegger wähnt ein Bekenntnis in dieser Umarmung: Ein Bekenntnis seines Sohnes, dass er zu weit gegangen sei, dass er den vollen Umfang seiner emotionalen Widerlichkeit erkennt – etwas in der Art von: «Verzeih mir, Paps, weil, ich wusste nicht, was ich dir an den Kopf warf!»

Leoluca hingegen, der weiss, wie der Hase läuft, sieht in seiner Umarmung eine Art Bekennerschreiben: «Klar, Paps, krass, aber du wolltest es ja so – mach kein Aufhebens, es waren ja nur Worte!»

Oft schon, zu oft wohl, hat Leoluca Bissegger in vergleichbaren Lagen mit einer Umarmung den Vater umgarnt, sich sich halbpatzig einschleimend aus der Verantwortung gestohlen. Hans Bissegger weiss das: wer wüsste Leolucas Gefühlsterror besser auszudeuten. Entsprechend veranschlagt er die plötzliche Nähe seines Sohnes zu einem realistischen Marktwert.

Er löst sich aus Leolucas Umarmung und nimmt ihn in den Schwitzkasten. So schnell geht das alles vonstatten, und noch stets unter Schluchzen und Schniefen, dass der Sohn das Nachsehen hat. Hochroten Kopfes steckt er in der Armbeuge und er staunt, wie sehr der Vater den Schraubstock enger und noch immer enger dreht, den Sohn an seinen Oberkörper pressend, bis die Adern auf der Stirn hervortreten. Nach einer kurzen Zeit lockert er seinen Griff ein ganz kleines bisschen und lässt Leoluca zu Atem kommen. Kurz darauf donnert und drescht er ihm den zweifelhaften Aufsatz, den Grund für so viel morgendliches Ungemach, um die Ohren und, noch immer mit tränenerstickter, wenn auch zusehends aufklarender Stimme, brüllt er auf den Sohnemann ein:

«Wie kann man nur so dämlich sein! Wenn du schon zu faul bist, einen Aufsatz zu schreiben, du faule Sau, dann lass’ nächstes Mal gefälligst die Lehrerin aus dem Spiel! Hast du schon mal was von pokerface gehört?! Sich einen 6er zu verscherzen! Du hättest doch bloss ein bisschen was über das Aufsatzthema Mut aufschreiben müssen.»

«Nie im Leben!», presst Leoluca hervor, dieweil er versucht, aus der misslichen Lage zu entkommen. «Das ist Willkür. Ich lass’ mir meine Sujets doch nicht aufoktryoieren! Sei nicht immer so kunstimmun, Mensch! Über Mut zu schreiben und Mut zu haben fällt doch viel zu selten zusammen! Das muss man ja zugeben! Meistens denkt man sich irgendwelche Geschichtchen aus, so von wegen Mut in dieser und jener Lebenslage, und am Ende kleistert man halbgare Gedanken mit halbrohen Worten zu … Ich meine … worüber haben denn die anderen geschrieben — ??? — verdammter Nudelkopf … — !!! —

‚Wie ich um Mitternacht in den Keller ging!’ —

‚Wie ich meinen Freund traf (und wir tanzten)’ —

‚Wie ich beim Radiowunschkonzert anrief’ –-

‚Wie ich dem Nachbar den Briefkasten in die Luft sprengte’ —

‚Wie ich bei Glatteis mit Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster ging’ —

‚Wie ich mein Handyabo vorzeitig kündigte’

‚Als ich einmal, es war nachts, in einer dunklen Unterführung einen fahren liess …’

… lauter solcher Kram — triviale Sachen – krampfhaft poetisch korrekt: poetisch korrekt. Poetische Korrektheit, hinlänglich bekanntes Geseider zwischen Publikumsbeschimpfung und Publikumsabsenzbedauerung, in träfe Worte gesetztes Tagebuch, kalkuliertes Aufwallen an einem Zeitgeist, den man verinnerlicht hat und dennoch mit Brio Konsumismus schimpft, poetisch korrekt, Anpassung und Anschmiegen feiern Urständ, da wird nur so aufgesogen, und abgetropft wird auch nur so, gleich reihenweise verwechseln sie Einfluss und Ausfluss, massenhaft, Paps, und was heute im privatesten Exotikgarten wächst, kauft man morgen beim Floristik-Grossisten oder in der Fundgrube irgendwelcher Einrichtungshäuser. Wenn einer sich einen abgefahrenen Autoreifen wie Pirelli um den Hals hängt, einmal das Jahr auf den Boden stampft und weinerlich von seinem weiterungsvollen Verhältnis zu allen Formen verbrennungsgetriebenen Fortbewegens klöhnt, klatschen sie und rufen Heissa! und sie schicken ihre kritischen Instanzen in die Heia, Heissa! rufend unentwegt, Gewächse heranzüchtend, zu exotisch zum Austilgen und gewachsen erst auch noch auf dem eigenen Mist, eine beklemmende Gewissheit, die Gefühle diffuser Verantwortlichkeit einimpft. Cleverness ist eine Marke, die man mit bebender Brust Originarität nennt oder von mir aus Authentizismus, es ist das Innesein von Marktnischen im künstlerischen Akt, vom Buch schreiben geht es direkt zum Buchhalten, bwuäh! und alles träumt von Einstieg und Aufstieg, alles soll und wird gelingen, der lift pitch gilt als hehrste Disziplin, und das Scheitern wird an die Ränder gedacht, es gilt als Makel von Anfängern, länger als zwei Wochen recherchiert keiner für einen Roman und geschrieben wird er in nicht mehr als sieben, keiner schreibt mehr länger als zwei Minuten an einem Satz, poetisch korrekt, das alles, und das alles schreit nach Profis, den Amateuren gibt keiner ein Taschentuch, alles muss recht fein und artig nach dem lebendigen Leben gezeichnet sein, Lebensabgreiferei, Lebensabschreiberei, Faktenhuberei, Recherchejournaille, Wikiatur greifen um sich; ist dann aber einmal etwas vom lebendigen Leben gezeichnet, durch Lebensvollzug als auch davon, wie gottverdammt alpengleich-unüberwindbar sich Schreibhemmnisse aufzubauen pflegen, dann heisst es, poetisch korrekt, es fehle einer Texttextur der Zauber, und dabei hat man zuvor gar nicht genug Petitessen und Tippeligkeiten und Schlaumeiereien von sich geben können, um den gleichen Text zu kritisieren – poetisch korrektes, eingemittetes Erzählen von Souveränität in Souveränität, Erzählen vom Erzählen vielmehr, Erzählen davon, dass man nun gleich erzählen werde, Erzählen als Aufschub, als asymptotische Näherung, und wenn dabei nichts herauskommt, baut man auf Auftrittskompetenz und performt das Erzählen (nur dass die Performance sich auf die Laferung, nicht die Lieferung [das heisst, Abfertigung], des Textes konzentriert), ein Erzählen, das sich in kalter, regloser Prosa, im ewig gleichen Rattern und Knattern und Flattern, äussert, dieses ewige Abrufen von und Abstellen auf die immer gleichen Gemeinplätze, kein Stereotyp zu monoton, kein Allgemeinplatz zu banal — pfui; verpönter nichts als die Sprachtüftelei und das Ringen um Worte (beides als drollig abgetan von denen, die, verkaufstechnisch, im Besitz der Zauberformel sind!) – die poetisch korrekte Zauberformel: Man nehme Weltschmerz, eine aus Weltschmerz und gerne auch aus Körper-, Hygiene-, Geistes- oder Charakterdefiziten resultierende Neigung zur gross ausgeteilten Abrechnung, menge einige Lektürefrüchtchen bei, in Stil und Haltung dessen, der den ganzen Plunder soeben zum erdallerersten Mal überhaupt auch nur gedacht, geschweige denn, zu Papier gebracht hat, man gehe in sich, stosse auf und kaue wieder, nun noch eine Prise Zynismus, handelsüblich, ja, aber bitte neongrün und gewitterviolett, auch nie fehlen, ganz klassisch, darf Selbst-Verachtung, wie sie einhergeht mit jeder auch nur leidlich ausgebildeten Beobachtungsgabe, nicht zu vergessen der Hang zum merkenswerten Spruch und träfen Bonmot als auch dazu, wild drauf los dem heimlich evaluierten Marktbedürfnis entgegen den eigenen Weltschmerz zu verallgemeinern, seinen eigenen Bauchnabel zum Weltmittelpunkt zu adeln, einhändig und mit nur einer Belegstelle, freilich ohne sich dabei die eigene, absolute Austauschbarkeit und Verzichtbarkeit einzugestehen, die man sich mit der poetisch korrekten Zauberformel auferlegte. Das ist der Nährboden von Karikaturen, alles mundet, brutzelt, sisselt, kitzelt, rein gar nix fordert, überfordert. Teufel Schreiben: Da hat man eben noch die perfekte poetisch korrekte Zauberformel sich aus den Rippen georgelt, sich hingesetzt, hat verdaut, geschissen, gepisst, geschrieben, und auf die Dauer des Prozesses wird einem bewusst, wie austauschbar und verzichtbar man sich hat werden lassen. Also walkt man, was nie falsch ist, auch noch die Aspekte ‚Betrauerung der eigenen Austauschbarkeit und Verzichtbarkeit’ in seine poetisch korrekten Textelmechtels, dem Publikum zuliebe und weil einer noch geht. Man sieht, wenn man nicht gerade mit der Chuzpe eines Rosenzüchters an die Sache herangeht, kann nichts schiefgehen: Nicht zuletzt, weil man ja auf Publikum, zumindest aber auf die professionelle Hinwendung einer eigens dafür bestallten und beamteten, entsprechend abgehärteten, leidlich meist nur dazu geeigneten Fachkraft zählen kann. So sind die Schreibenden bestenfalls verdammt, zu Lettern geschmolzen oder zu Papier gewalkt, zu Bits, Bytes, Pixeln, Blogs verwurstelt zu werden, ewig unter dem Druck der Presse als auch unter dem Regime funktional analphabetischer Rezensenten zu ächzen und den Unsinn ihrer Collegen verewigen zu helfen.

Nicht von Ungefähr erinnert der Betrieb an einen Durchlauferhitzer.

Wo schriftlich fixierte Authentizität ausgespielt wird gegen die schöne Fiktion der Literatur, die sich noch niemals abgab mit Haarspalterei, wo die Unterwerfung schriftlich fixierter Figuren unter schriftlich fixierte Verhältnisse alleinige Richtschnur ist und Understatement auf Faktenhörigkeit trifft, sing‘ der Literatur ein Schlaflied.

Biografismus!

Körperhygiene!

Anything goes!

Wikipediaismen!

Poetische Korrektheit!

Da tun sich Klüfte auf zwischen Aufsatz und Aufsatzthema! Der einzige Mut daran ist, solche Elaborate überhaupt abzugeben – wozu man freilich bis ans Deliktische grenzend kaltblütig sein muss, Mut allein es nicht richten kann! Kaltblütig, hörst du, Paps: aber ich bin ein Heissblut! Ich bemäntele doch nicht inexistenten Stil mit sklavischer Thementreue und Anschmiegen ans Publikum! Ich tröste mich nicht über die durchschlagende Wirklosigkeit der Literatur hinweg, indem ich mich hinterm Tagebuch verberge! Das Leben kann noch so gute Geschichten schreiben, es ist und bleibt ein beschissener Stilist! Bwuäh! Aber bei mir sind Aufsatz und Aufsatzthema eins, und damit basta, Paps, hörst du! Das ist Mut! Das muss, MUSS, MUSS, !!! ??? *** +++ === >>> <<< /// ||| {{{ ≠≠≠, doch honoriert werden!»

Stempel_KORR_Klein

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