Macht und Ohnmacht von Musik und Literatur – «VARIATIONS» 20/12

«VARIATIONS» heisst die komparatistische Literaturzeitschrift der Universität Zürich. Ganz dem Diskurs in Sachen Literaturwissenschaft gewidmet, bietet sie eine dreisprachige, transdisziplinäre Plattform zu vordefinierten Themen.

variations

«Musik will mehr sein als nur das Ausklingen von Schallwellen im Raum, genau so, wie sich die Literatur nicht erschöpfen mag in dem von Tinte oder Druckerschwärze aufs Trägermedium Gebannten.»

Die aktuelle Ausgabe 20/12 verschreibt sich dem Thema «Musik und Literatur». Wie in allen Ausgaben der «VARIATIONS», finden sich auch in der aktuellen Nummer literaturwissenschaftliche Artikel zum Thema, gefolgt von Beiträgen zu aktuellen literaturwissenschaftlichen Diskussionen, die nicht thematisch gebunden sind. Im dritten Teil werden literarische Texte und Bilder vorgestellt. Abgerundet wird das Ganze von Rezensionen.

Mehr sein als nur sich selbst

Dem Klang der Musik entspricht die Bedeutung der Worte in der Literatur. Musik will mehr sein als nur das Ausklingen von Schallwellen im Raum, genau so, wie sich die Literatur nicht erschöpfen mag in dem von Tinte oder Druckerschwärze aufs Trägermedium Gebannten. Musik will mehr sein, als nur da sein im Augenblick ihrer Darbietung und dann gleich wieder weg in der Sekunde ihres Verklingens. Vorgelesene Literatur soll ja im Idealfall auch nicht nur auf die Momente ihrer Darbietung verweisen, sondern die Neugier der Zuhörenden so weit aufreizen, dass man das Gehörte hinterher selbst nachlesen will.

Verschiedene Wege vom Gehörten zur Lektüre

In ihrem Vortrag sind Literatur und Musik auditive Künste. Die Rivalität der Schwesterkünste gründet zum Teil darauf, dass bei der Literatur ein direkter Weg vom Gehörten zum Gelesenen führt, dass sie ohne Fachwissen gelesen werden kann, dass die Musik hingegen, obschon hörbar für die ganze Welt, bei Weitem nicht von allen gelesen, in ihrer Notation, ihrer Bannung, verstanden werden kann.

Allmähliches Anschwellen zum «Roman der Sinnlichkeit»

Die Texte der Ausgabe 20/12 der «VARIATIONS» widmen sich unter anderem der Eingemeindung musikalischer Elemente in die Literatur oder gehen dem Agon nach, den sich Musik und Literatur liefern, in dem es um die Frage geht, wer mehr Wirkung erzielt, wer mehr Ausdruck. Janine Firges widmet sich den Figuren der «Allmählichkeit» und des «Anschwellens» – dem crescendo! – die im 18. Jahrhundert sowohl in der Musik als auch in der Literatur an Bedeutung gewinnen. Auf der Seite der Literatur geht Firges auf Schillers «Die Räuber» ein: Sie zeigt, wie die bisherige «stufenweise» Steigerung mehr und mehr von anschwellender Allmählichkeit abgelöst wird. Amanda Baghdassarians nimmt sich Franz Werfels Leidenschaft für die italienische Oper an. Sie zeigt, wie sehr sich Werfels Wirkungsästhetik am sinnlichen Vergnügen orientiert, wie es ausgelöst werden kann durch Klang und Rhythmus. Werfels angestrebte «Romanform der Sinnlichkeit» liefert ihm 1924 die Folie für seinen Debütroman «Verdi: Roman einer Oper».

Diese und zahlreiche weitere Texte machen die «VARIATIONS» 20/12 zur spannenden und herausfordernden Lektüre, die neue Blicke auf zwei der vielleicht präsentesten Künste ermöglicht. Wenn man dazu auch noch eine gute Musik hört, steht einer gehaltvollen Lektüre nichts mehr im Wege.

Florian Bissig, Georg Escher und Franziska Struzek-Krähenbühl

«VARIATIONS: Literaturzeitschrift der Universität Zürich».

Ausgabe 20/2012 zum Thema Musik und Literatur.

Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2013. 314 S., 13 Abb.

Verlag Peter Lang, Bern.

Softcover. 45 CHF.


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