The ultimate castle

Auch über sechzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Romans von Mervyn Peake mit dem Titel Titus Groan gehören die Bücher über Schloss Gormenghast und dessen exzentrische Bewohner zu den merkwürdigsten und faszinierendsten Werken der Weltliteratur. Zum hundertsten Geburtstag des Autors im Jahr 2011 ist bei Klett-Cotta nun eine Neuauflage seiner Bücher erschienen, in deren Rahmen zudem das lange verschollene vierte Buch von Gormenghast veröffentlicht wird.

 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Titus-Bücher seien nichts weiter als moderne Schauerromane: Sämtliche Handlungsstränge spielen sich innerhalb oder in unmittelbarer Umgebung des uralten Schlosses Gormenghast ab, das wie ein Unikum in der Literaturgeschichte dasteht. Sechsundsiebzig Generationen der Familie Groan haben über fast zwei Jahrtausende darin gelebt und unentwegt weitere Hallen und Türme bauen lassen, sodass das Schloss in ungeheure Dimensionen angewachsen ist. Längst ist alle Übersicht verloren gegangen, ganze Stockwerke sind seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden oder verschlossen, zahllose Gänge und Treppen sind im Laufe der Zeit eingebrochen und verschüttet – Gormenghast ist das ultimative Labyrinth, scheinbar grenzenlos erstreckt es sich über weite Landstriche. Wer darin lebt, ist nahezu gefangen, egal ob Herrscher oder Bedienstete.

Ein Schloss voller Regeln

Der erste Roman Titus Groan beginnt mit der Geburt des siebenundsiebzigsten Lord Groan, der einst Gormenghast mit all seinen Geheimnissen erben wird. Von Anfang an wird klar, dass Titus bereits als Baby Teil einer rigorosen und bis ins kleinste Detail ausgetüftelten Tradition ist, die alles Leben in- und ausserhalb von Gormenghast regelt und reguliert. Jeder Tagesablauf, jede Mahlzeit, jede Handlung muss zeremoniell beglaubigt sein, allmögliche Abweichungen akribisch dokumentiert in uralten Folianten. Gormenghast besteht demnach aus zwei Labyrinthen, eins aus Mauern und eins aus Regeln, denen sich sämtliche Bewohner beugen müssen. Bis auf einen, denn im kurzen Freudentaumel anlässlich von Titus‘ Geburt gelingt es dem Küchenjungen Steerpike, seiner Knechtschaft zu entfliehen und in höhere Regionen des Schlosses einzudringen. Schlau macht er sich die strengen Regeln von Gormenghast und naiven Mitglieder der Familie Groan zunutze und arbeitet sich so nach oben – seine Methoden werden dabei immer perfider, und schliesslich schreckt er auch nicht vor Mord zurück, um mehr Macht in die Finger zu bekommen. Steerpike entwickelt sich zum Antagonisten von Titus, der von Geburt an nichts lieber will als den Mauern von Gormenghast zu entfliehen.
Im Prinzip ist es das Gegenspiel dieser zwei Figuren, das die Haupthandlung der ersten beiden Titus-Bücher bestimmt – die Nebenhandlungen sind damit verknüpft oder leiten sich davon ab. Der Rest ist pure Atmosphäre. Vielleicht deshalb sind die Romane von Mervyn Peake im Verlauf der Jahrzehnte eher Geheimtipps geblieben. Peake war nicht nur Autor, sondern auch ein begnadeter Illustrator (u.a. von Carrolls Alice im Wunderland und Stevensons Die Schatzinsel), was zweifellos seinen Schreibstil beeinflusste. Um es in einem Wort zu fassen: Peake beschreibt nicht bloss, er bebildert. Lichteinfall, Mauerwerk, Kleider, Gesichter – alles nimmt plastische Formen an und wird kunstvoll detailliert, manche Nebensätze lesen sich wie feine Pinselstriche. Stellenweise wirkt das überbordend, zu üppig und strapaziert die Aufmerksamkeit, aber Peake übertreibt selten wirklich. Es stimmt, dass man anfangs ein wenig Geduld braucht, um sich auf die exzentrischen Charaktere und ihre Manierismen einzulassen, doch wer sich tiefer in die Gänge von Gormenghast wagt, wird mit einer Atmosphäre belohnt, die ihresgleichen sucht.

Langsam dräuende Spannung

Peake weiss durchaus, wie man Spannung erzeugt, und er baut sie allmählich, fast unsichtbar auf, bis sie sich in einem fulminanten Höhepunkt entlädt. Auf einmal kommt schreckliches Leben in die versteinerten Mauern von Gormenghast, das Schloss selbst beginnt zu atmen und jagt die Figuren durch seine Labyrinthe, während der Machtkampf zwischen Steerpike und Titus immer offener ausgetragen wird. Die ersten beiden Titus-Bücher sind Meisterstücke an Atmosphäre: Man fühlt sich förmlich in die Mauern des Schlosses versetzt, entdeckt verborgene Räume und lauscht an Türen, nur um schnell in die Schatten zu huschen, wenn plötzlich der spindeldürre Mr. Flay oder der fette Küchenchef Swelter auftauchen. Die Figuren sind karikiert, übertrieben, doch auch echte Persönlichkeiten mit Tiefe und Untiefen. Und über allem erhebt sich Gormenghast, der heimliche Hauptdarsteller der Romane.

 

zVg

Düster und majestätisch: Ausschnitt aus der BBC-Verfilmung von Gormenghast (zVg)

 

Tragischerweise litt Peake nach dem Erscheinen des zweiten Titus-Buches immer stärker unter den Folgen einer Parkinson-Erkrankung, was ihn sowohl als Maler wie auch als Autor zunehmend einschränkte. Das dritte Titus-Buch ist kürzer, Schloss Gormenghast nicht mehr länger dominant, was viele Leser dazu verleitete, Titus Alone als das letzte und letztlich gescheiterte Projekt eines ausgebrannten Mannes zu betrachten. Doch in vielerlei Hinsicht stellt der letzte vollendete Roman Peakes erst den Anfang von Titus‘ Abenteuern dar. Aus Notizen für ein viertes und ein fünftes Buch wird klar, dass Peake geplant hatte, das Leben des letzten Lord Groan von der Wiege bis zur Bahre zu beschreiben – einigen Quellen zufolge in bis zu zehn Büchern. Leider schwächte ihn seine Parkinson-Krankheit jedoch dermassen rapide, dass er zwischen Spitalaufenthalten nur noch ein erstes Kapitel für den vierten Titus-Roman schreiben konnte, bevor er 1968 im Alter von 57 Jahren starb. Seine Frau Maeve Gilmore setzte sich nach seinem Tod daran, das vierte Buch Titus Awakes zu vollenden, teils nach Notizen Peakes, teils nach eigener Inspiration. Das fertige Manuskript wurde erst 2010 im Estrich des Familienhauses entdeckt und erfuhr 2011 zum hundertsten Geburtstag Peakes seine Erstveröffentlichung.

Das verlorene Buch von Gormenghast

Titus erwacht besitzt nicht die Wucht und atmosphärische Dichte der früheren Titus-Romane, doch das Interessante am Buch ist, dass sich Titus auf seinen Irrreisen schlussendlich auf der Suche nach Mervyn Peake selbst befindet. Gilmores Idee, Titus in immer engeren Kreisen um seinen Schöpfer kreisen zu lassen, bis er ihm am Ende tatsächlich begegnet, entsprang gewiss auch dem Versuch einer Frau, sich mit dem tragischen und frühen Tod ihres Mannes literarisch auseinanderzusetzen. Entsprechend fehlen im vierten Buch der Humor und die Groteske, welche die ersten drei Romane auszeichneten. Dennoch ist Titus erwacht zumindest als Mischung aus Biographie und Fiktion lesenswert – vor allem, wenn man Einblicke in die letzten Monate im Leben des Autors erfahren möchte.
Letztlich sind Mervyn Peakes Titus-Bücher mehr als nur die ultimative gothic novel: Gormenghast ist die lebendige Vision eines Mannes, der seiner vielgestaltigen Fantasie freien Lauf liess und so einen Ort in der literarischen Landschaft erschuf, der bis heute zahllose andere Autoren inspiriert und fasziniert. Die weitläufigen Geheimgänge in Joanne K. Rowlings Zaubererschule Hogwarts, China Miévilles urbane Metropole New Crobuzon, George R. R. Martins verfluchte Riesenburg Harrenhall – sie alle wären ohne Peakes Vorbild wohl kaum entstanden. Nun bietet sich endlich die Gelegenheit, die Titus-Bücher auch in der grossartigen Übersetzung von Annette Charpentier im Klett-Cotta-Verlag auf Deutsch zu lesen, die dem englischen Original fast ebenbürtig gegenübersteht. Aber egal in welcher Sprache – die Lektüre lohnt sich!

 

zVg

 

Titus erwacht
Von Mervyn Peake und Maeve Gilmore
218 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ca. CHF 27.-
ISBN: 978-3-608-93924-8
Erschienen 2011 im Klett-Cotta Verlag

Kommentar verfassen


%d Bloggern gefällt das: