Von kleinen Fischen und einem toten Filmgott – Xavier Beauvois’ «La rançon de la gloire»

Basierend auf dem wahren Fall des Diebstahls von Charlie Chaplins Sarg erzählt Xavier Beauvois die herzerwärmende Geschichte von zwei Freunden, die in prekären Verhältnissen leben und versuchen, dank einer vermeintlich genialen Idee der Frau des einen eine lebenswichtige Operation zu ermöglichen.

Vevey, in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Osman (Roschdy Zem) hat soeben seinen Freund Eddy (Benoit Poelvoorde) aus dem Gefägnis abgeholt. Wenig angetan ist davon Osmans Frau Noor (Nadine Labarki), die aber zurzeit im Spital weilt. Die Tochter, die kleine Samira (Séli Gmach), freut sich aber über den lustigen Belgier. Ohne Job und ohne festes Domizil darf Eddy zumindest einige Zeit in einem Wohnwagen, der Osman gehört, bleiben. Als Eddy erfährt, dass die Krankenkasse die Kosten von Noors Operation nicht übernimmt, hat er einen genialen Plan: er will den Sarg des soeben verstorbenen Charlie Chaplin stehlen und ein grosszügiges Lösegeld einkassieren. Doch leichter gesagt als getan…

Familienleben der anderen Art. (Bild: zVg)

Familienleben der anderen Art: Samira, Papa Osman und Eddy. (Bild: zVg)

Xavier Beauvois, der Regisseur des preisgekrönten Films «Des hommes et des dieux», in dem von Mönchen in der algerischen Wüste erzählt wird, hat offenbar eine Vorliebe für historische Stoffe. Auch diesmal ist es wieder ein zumindest von einem historischen Ereignis inspirierter Stoff, den Beauvois gewählt hat – das Drehbuch hat er zusammen mit Etienne Comar («Des hommes et des dieux») und Marie-Julie Maille geschrieben. Der unterhaltsame Film ist nicht zuletzt eine Hommage an den Humanisten Chaplin. Und eine Hommage an weniger privilegierte Migranten und Flüchtlinge: als Charlie Chaplin vor McCarthy und seiner antikommunistischen Hexenjagd in die Schweiz flüchtete, war er ein grosser Star.

Der Algerier Osman und der Belgier Eddy hingegen haben sich in einem Heim für Flüchtlinge in Frankreich kennengelernt. Auf das Heim wurde ein Attentat verübt und nur mit Glück haben die zwei überlebt. Dass Eddy im Gefängnis war, hat wohl weniger mit seiner tatsächlichen kriminellen Energie, sondern eher mit der Abwesenheit von anderen Möglichkeiten zu tun. Immer wieder wird kolportiert, dass Ausländer öfter straffällig werden als Schweizer – aber wer ehrlich ist, muss sich doch eingestehen, dass viele Ausländer doch am Rande der Gesellschaft leben und deshalb nicht nur öfter kriminell werden, sondern immer wieder auch Opfer von Kriminalität werden – etwa die AusländerInnen, die schwarz als Haushaltshilfen arbeiten. Wer hier am meisten profitiert, ist ja klar. Und es sind nicht die Schweizer, die dann ins Gefängnis müssen, sondern die Ausländer (sofern sie nicht gleich ausgeschafft werden). Gerade deshalb ist ein Film wie «La rançon de la gloire» so wertvoll: weil er einen anderen Blick auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft wirft.

«La rançon de la gloire». Frankreich/Belgien 2014. Regie: Xavier Beauvois. Mit Benoit Poelvoorde , Peter Coyote, Chiara Mastroianni, Séli Gmach, Nadine Labarki u.a. Deutschschweizer Kinostart: 6. August 2015.

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