Amerikanische Stimmen – Marjane Satrapis «The Voices»

Marjane Satrapi überrascht mit ihrem vierten Spielfilm – ihrem zweiten in Alleinregie – einem grossartigen psycho-phantastischen Streifen über einen amerikanischen Serienkiller wider Willen. Für sehr viel Humor und sehr viel Blut ist gesorgt!

Milton, USA. Jerry (Ryan Reynolds) ist ein wirklich netter Typ, und ein sehr zuverlässiger Mitarbeiter in einer provinziellen Badewannenmanufaktur. Dazu ist er auch durchaus gutaussehend – ob er Chancen bei seiner englischen Kollegin Fiona (Gemma Arterton) hat? Nun ja – Fiona will die Provinz eher hinter sich lassen. Weniger provinziell ist zwar der Karaoke-Abend mit ihren Kolleginnen auch nicht, aber sonst gibt’s ja nicht viel zu tun – und immerhin ist die Musik dort ein bisschen moderner als im chinesischen Restaurant, in dem Jerry unterdessen auf Fiona wartet. Jerry mag aber den chinesischen Elvis-Performer, der dort für Unterhaltung sorgt. Aber ein bisschen einsam ist es schon… Doch das Glück scheint auf Jerrys Seite: Fionas Wagen startet nicht, und da es in Strömen regnet, ist sie froh, als Jerry auftaucht…

Hund Bosco, Herrchen Jerry (Rayn Reynolds) und Kater Mr. Whiskers. (Bild: zVg)

Hund Bosco, Herrchen Jerry (Rayn Reynolds) und Kater Mr. Whiskers. (Bild: zVg)

Jerry ist ein netter Typ. Nur ist er leider psychisch doch eher instabil: er redet mit seinen Haustieren, dem Kater Mr. Whiskers und dem Hund Bosco. Man kann sich gut vorstellen, was Marjane Satrapi unter anderem interessiert hat am Drehbuch des amerikanischen Drehbuchautors Michael R. Perry («Paranormal Activity 2») – schliesslich war ihre zweite Comicverfilmung «Poulet aux prunes» (nach ihrer eigenen Vorlage) auch ein sehr spielerischer Film mit phantastischen Elementen. Es mag zwar verwundern, dass Marjane Satrapi – die ihren grössten Erfolg mit ihren autobiografischen Comics («Persepolis») und der Verfilmung ebendieser feierte – nun einen so uramerikanischen Stoff gewählt hat. Schliesslich ist der Serienkiller ein genuin amerikanischer Mythos; Ed Gein, Ted Bundy, Charles Manson und die fiktiven Verwandten wie Norman Bates, Jame Gumb, Hannibal Lecter, Henry und Francis Dolarhyde sind alle in Europa oder Satrapis ursprünglicher Heimat Iran nur schwer vorstellbar. Im Karaoke-Schuppen, in dem Fiona und ihre Kolleginnen sich vergnügen, singt Fiona zuerst den Soul-Klassiker «Knock on Wood (Eddie Floyd, 1966) gefolgt von Alison, die Old Dirty Bastards «Shimmy Shimmy Ya» interpretiert. Aufhorchen lassen die Zeilen: «For any MC in any 52 states /I gets psycho killerrrr Norman Bates!»

Das sind leider nur allzu prophetische Worte. Denn auch wenn «The Voices» ein sehr witziger Film ist, handelt es sich natürlich auch um einen sehr tragischen Streifen über einen psychisch schwer gestörten jungen Mann. Und vielleicht ein nicht nur europäischer Blick auf die USA: ein Land, in dem das Recht auf Waffen schwerer wiegt als das Recht, von der Polizei nicht erschossen zu werden. Vielleicht ist es aber falsch, hier ein politisches Statement reinzulesen, auch wenn es doch bezeichnend scheint, dass sowohl der Sheriff als auch seine Therapeutin Jerry lange einfach gewähren lassen und nichts Böses ahnen (oder nichts sehen wollen oder einfach nicht reagieren). Manchmal ist eben zu viel Liberalismus einfach fehl am Platz – egal, ob es sich um Waffen oder Menschen handelt…

«The Voices». USA/Deutschland 2014. Regie: Marjane Satrapi. Mit Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Stanley Townsend u.a.  Basler Premiere am Freitag, den 14. August 2015 im Filmclub B-Movie. Spielzeiten: http://www.b-movie.ch

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