Twist tanzen, trotz allem – Jean-Jacques Zilbermanns «À la vie»

Nachdem er sich bis jetzt leichteren Stoffen gewidmet hat, verarbeitet der französische Regisseur Zilbermann nun das Trauma der Shoah, inspiriert vom Leben seiner Mutter.

Lange hat Hélène (Julie Depardieu) ihre Freundinnen Rose (Suzanne Clément) und Lily (Johanna ter Steege) gesucht. Oder genauer: nur ihre Freundin Lily – denn Rose, so meint sie, hat das Todeslager Auschwitz nicht überlebt. Im Bade- und Kurort Berck wird sie aber eines Besseren belehrt: nicht nur die Niederländerin Lily, auch Rose, die sich in Kanada ein neues Leben aufgebaut hat und ebenfalls einen Überlebenden geheiratet hat, weilt noch unter den Lebenden. Und wie!

Drei Überlebende, wiedervereinigt in Berck (Pas-de-Calais). (Bild: zVg)

Drei Überlebende, wiedervereinigt in Berck (Pas-de-Calais). (Bild: zVg)

Mit dem Leben des schwulen Klarinettistem Simon Eskenazy hat Jean-Jacques Zilbermann mit «L’homme est une femme comme les autres» das Publikum hervorragend unterhalten – mit «À la vie» wendet sich Zilbermann nun ernsteren Themen zu. Wie überleben? Wie weiterleben? Inspiriert vom Leben seiner Mutter und ihrer Freundinnen hat er zusammen mit Odile Barski und Danièle d’Antoni ein Drehbuch geschrieben, das zwischen Tragik und Humor changiert, nichts beschönigen will und folgerichtig am Schluss alles offenlässt. Da Hélènes Mann in Auschwitz kastriert wurde, erlebt sie die körperliche Liebe zum ersten Mal (auf traditionelle Weise) in Berck… und dies ausgerechnet mit einem jungen Twist-Lehrer!

Im Grunde genommen bleibt Jean-Jacques Zilbermann dann aber doch der leichten Muse treu, denn «À la vie» ist nun wirklich ein Holocaust-Film, der auch zarter besaiteten Gemütern keine schlaflosen Nächte bereiten dürfte. Zwar ist das offene Ende durchaus vieldeutig; aber ob Zilbermann mit diesem Film den Abgründen der menschlichen Seele – und den Abgründen der Todeslager – gerecht wird, muss wohl jede/r für sich selber entscheiden. Spannender gewesen wäre wohl die von Kubrick geplante Verfilmung von Louis Begleys «Wartime Lies» («The Aryan Papers»), die er eigentlich mit Johanna ter Steege verfilmen wollte, das Projekt dann aber beerdigte, da er nicht gegen Spielbergs «Schindler’s List» antreten wollte. Johanna ter Steege macht aber hier als angehende Rabbinerin einen sehr guten Eindruck und auch die anderen Rollen sind alle hervorragend besetzt. Zilbermanns neuer Streifen ist also auf jeden Fall sehenswert, zwar auch kein Must – aber nicht jeder Regisseur kann ein Kubrick sein…

«À la vie». Frankreich 2014. Regie: Jean-Jacques Zilbermann. Mit Julie Depardieu, Suzanne Clément, Johanna ter Steege, Hippolyte Girardot u.a. Deutschschweizer Kinostart am 13. August 2015.

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