Brasilianischer Klassenkoller – Anna Muylaerts «Une seconde mère»

Brasilien, Land der Gegensätze: die erwachsene Tochter Jéssica besucht ihre Mutter Val, die bei einer wohlhabenden Familie als Bedienstete arbeitet und lebt. Jéssica weiss aber davon nichts…

Mutter Val (Regina Casé) hat ihr ganzes Leben bei einer reichen Familie den Haushalt erledigt. Dort lebt sie und ist fast ein Mitglied der Familie – aber eindeutig ein subalternes. Tochter Jéssica (Camila Mardila) weiss aber nichts davon. Sie will einfach nur ihre Mutter besuchen und sich auf ihr Studium der Architektur vorbereiten. Dona Bárbara (Karine Teles) begrüsst die Tochter zuerst herzlich, bald schon aber merkt sie, dass sich Jéssica nicht an das brasilianische Klassensystem halten will. Sohn Fabinho (Michel Joelsas) und Vater Carlos (Lourenço Mutarelli) wiederum interessieren sich beide sehr für die junge Frau…

Val mit ihrem zweiten Sohn Fabinho. (Bild: zVg)

Val mit ihrem zweiten Sohn Fabinho. (Bild: zVg)

Nach «The Year My Parents Went on Vacation» («O ano em que meus pais saíram de férias») (Regie: Cao Hamburger; Buch: Muylaert) legt Anna Muylaert einen Film vor, in dem das brasilianische Klassenwesen ganz im Vordergrund ist. Darauf verweist wohl auch der Originaltitel, der sich mit «Um welche Zeit kommt sie zurück?» übersetzen lässt. Lange, zu lange ist die Mutter natürlich nicht nach Hause gekommen: sie musste Geld verdienen, hat so zwar ihre Tochter unterstützt, gleichzeitig war sie aber eher eine zweite Mutter eines anderen Kindes: die zweite Mutter Fabinhos.

Mit Witz und durchaus unterhaltsam bringt Anna Muylaert so ein wenig erbauliches Thema dem Publikum näher. In Berlin und Sundance wurde der Film denn auch zwei Mal ausgezeichnet, einmal vom Publikum, ein anderes Mal sogar von der Jury. Seltsam aber, wie einfach es sich der Film am Schluss macht: alle Probleme ökonomischer Natur scheinen plötzlich Schnee von gestern zu sein. Dies wirkt doch etwas aufgesetzt, doch das Klassenwesen in Brasilien ist vielleicht eben doch so stark ausgeprägt, dass sich der Film – der ja wohl doch Komödie sein will – nur mit einem geradezu märchenhaften Schluss retten kann. Auf der Internet Movie Database wird der Film aber als Drama klassifiziert, was dem Streifen sicher gerechter wird. Muylaerts Film ist aber – und dies ist sicher positiv – weniger verharmlosend als «Hoje eu quero voltar sozinho» («The Way He Looks»), in dem das Thema Klasse – das in Brasilien gerade jetzt ja prägend wirkt – völlig ausgespart wurde. In diesem Sinne also sicher ein Schritt in die richtige Richtung – denn erst wenn Brasilien es schafft, den weniger Privilegierten (wieder) Perspektiven zu bieten, erst dann wird Dilma Rouseff wieder ruhig schlafen können…

«Que horas ela volta?». Brasilien 2015. Regie: Anna Muylaert. Mit Regina Casé, Camila Márdila, Karine Teles, Lourenço Mutarelli, Michel Joelsas u.a. Deutschschweizer Filmstart am 13. August 2015.

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