gesichtet #115: Abgesang auf das Nachtigallenwäldeli

Von Michel Schultheiss

Schon öfters wurde sie als Schandfleck, Unort oder Niemandsland bezeichnet. Nun wird Basels umstrittenste Grünanlage, die wohl jeder Kuppel- und Zoobesucher kennt, völlig umgekrempelt. Ihr Name mag etwa an einen lauschigen Lustgarten, an eine englischen Park oder sonst eine romantische Gegend erinnern. Wie die verwahrloste Uferpromenade in den Genuss des Namens «Nachtigallenwäldeli» gekommen ist, bleibt bis heute unklar. Beim Anblick der Gegend zwischen dem Zoo und dem Birsigtunnel fällt es schwer, zu glauben, dass hier je eine Nachtigall freiwillig aufgetaucht ist. Als einzige Tiere sind hier wohl ein paar Enten und Ratten zu sichten.

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Im Zeichen der Aufwertung: Eine Anlage, die in Achtzigerjahren steckengeblieben scheint, kommt nun unter das Skalpell (Foto: smi).

Bis Mitte 2017 soll eine neue Parkanlage entstehen – Grund genug, um zurückzuschauen. Wie in die «Die Basler Strassennamen» zu lesen ist, wurde das Nachtigallenwäldeli um 1840 beim damals noch durchwegs offenen Birsig angelegt. Später wich es jedoch dem Zoo und dessen Erweiterung. Was wir also heute sehen, ist nicht mehr der eigentlich Wald. Amtlich benannt wurde die Anlage um 1970. Der Name soll an das einstige Gehölz erinnern. Wie Fotos aus dem Staatsarchiv aufzeigen, war die Birsig-Uferpromenade zum Zoo um 1930 noch dichter bewachsen und wurde damals ihrem Namen noch gerechter. Offenbar war der Ort auch beliebt, um heimlich Waldreben zu rauchen: Laut dem Baseldeutsch-Wörterbuch von Rudolf Suter war der südliche Teil davon in der Schülersprache bis etwa in die Dreissigerjahre auch als «Nielewäldeli» bekannt.

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Graffitikunst beim Viadukt (Foto: smi).

Nun kommt wohl einer rauesten Gegenden der Stadt – wie auch schon bei ähnlich zwielichtigen Gegenden wie dem Steinenbachgässlein ansatzweise versucht – unter das Skalpell der Aufwertung. Wer wird ihr nachtrauern? Obschon man gespannt sein kann auf den neuen Park, war diese Gegend doch so etwas wie ein Zeitzeuge, ein Abbild der weniger schönen Seiten der Stadt. Das begann schon ziemlich früh: Wo heute ein Parkplatz steht, befand sich ab 1559 der Kopfabhaini, eine Richtstätte ausserhalb des Steinentors. Anno 1819 wurden dort zum letzten Mal enthauptet.

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Auf dem Weg zum «Zolli»: Bevor es die Tramhaltestelle beim Eingang gab, musste die Besucherschar hier durch (Foto: smi).

Vielleicht mag noch dieser Fluch auf der Gegend liegen: Ein mancher mochte die Promenade, nicht sonderlich. Dabei spielte wohl die spezielle Lage des Wäldchens eine Rolle. Wo einst ein Gassenzimmer stand, gleich dahinter das Gefängnis, eine düstere Unterführung, ein Viadukt und ein Hallenbad, kam viel Verschiedenes zusammen. Nicht umsonst war nebst dem Wäldeli auch die Heuwaage während Jahrzehnten immer wieder Gegenstand von Debatten um Aufwertung, vom abgelehnten Multiplex-Kino bis zum geplanten und nicht unumstrittenen Ozeanium.

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Der Birsig soll verbreitert und schliesslich auch bei der Heuwaage wieder geöffnet werden (Foto: smi).

Dennoch weckt die verruchte Gegend, die teilweise vielleicht in den Achtzigerjahren stehengeblieben scheint, möglicherweise bei manchen Zoo- und Discobesuchern Erinnerungen. Einst erklomm jeweils ein Dreikäsehoch auf dem Weg zum «Zolli» die (mittlerweile abgebrochenen) Mäuerchen. Dort erblickte er ziemlich verwirrt, wie sich vor seinen Augen zwei Typen eine Nadel setzten. Später, auf dem Weg in den Ausgang, waren es vielleicht die markanten gebogenen Lampen an der Plakatwand, von denen Spinnennetzen herunterhingen, pöbelnde Kuppel-Besucher, die einander in den Birsig jagten, und die Graffiti beim Viadukt, welche die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Somit wurde die Anlage immerhin aufgrund der vielen Nachtschwärmer ihrem Namen gerecht – Lerchenwald hätte wohl weniger gepasst.

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Versiffte Idylle: Noch ist das alte Nachtigallenwäldeli zu sehen – aber nicht mehr lange (Foto: smi).

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