gesichtet #97: Basels Untergrund

Von Michel Schultheiss

Der Kanalisationsbösewicht Pinguin aus Batmans Rückkehr von Tim Burton könnte locker da unten hausen: Der Birsigtunnel würde wohl eine geeignete Kulisse dafür abgeben. Auch Gespenster, Hexen und Kannibalen wurden dort schon gesichtet – zumindest ist das in einer alten Basler Kindergeschichte so: Vielleicht mag sich noch der eine oder andere an das Schulbuch «dr Ueli» erinnern.

Birsigtunnel illegale Party

Leider gibt’s nur ein trashiges Bild mit einer alten Handy-Kamera: Im Innern des Birsigtunnels (Foto: smi).

In einem Text der Schriftstellerin Maria Aebersold (1908-1982) dreht sich alles um den überdeckten Fluss. Der Erzähler und sein «Gspänli» namens Schmolle wollen ihren Kollegen mit einer Mutprobe imponieren: Den berüchtigten Birsigtunnel vom Nachtigallenwäldeli bis zur Rheinmündung zu durchqueren. «Fünfzig Meter weit werdet ihr kommen, dann habt ihr Angst», höhnt das Hausi, eine schadenfreudige Klassenkameradin. Die beiden Buben wollen en es aber wissen.

Die Faszination, welcher dieser finstere Schlund unter der Altstadt ausübt, ist auch heute noch vorhanden. Schmolle und sein Freund aus dem Schulbuch könnten sich wohl nicht mehr so einfach als Klassenhelden aufspielen – mittlerweile gibt’s geführte Touren durch den Kanal. Dennoch reizt nach wie vor das Inoffizielle: Bisweilen wird unter der Stadt gefeiert. Dabei ist der Tunnel wohl der ausgefallenste Partyort Basels. Ob verlassene Gewerbezonen, Unterführungen oder Krafwerkinseln – immer wieder wollen versteckte Orte bespielt werden, doch der Birsigtunnel übertrifft wohl alles. Bei den illegalen Partys kriegt man jedoch keine nassen Füsse: Eine Plattform gleich neben dem Bach dient gut als Tanzfläche. Dabei gibt’s Eingänge zum unterirdischen Bachbett – wo sich die aber befinden, sei hier nicht verraten.

Lange vor den illegalen Partys wollte man den Untergrund für ganz andere Zwecke nutzen: In einer Broschüre aus dem Jahr 1929 wurde vorgeschlagen, eine Tramlinie durch den Birsigtunnel zu führen. Der Autor Ferdinand Musfeld sah darin die «Lösung der Verkehrsfrage» in der Altstadt und eine «Entlastung der City» – wohlgemerkt über achtzig Jahre bevor das unmögliche Polit-Trendwort «Dichtestress» aufkam. Dazu hätte man den Birsig vor der Stadt abgezweigt. Er argumentierte, dass der Fluss schliesslich schon «viel Schlimmes» gebracht hätte, wie Hochwasser und Seuchen.

Birsigtunnel_Eingang

Heute ein zahmes und überdecktes Bächlein, früher ein Problemfluss: Der Birsig verschwindet heute bei der Heuwaage unter der Erde (Foto: smi).

Damit spielte Musfeld auf die Zeit vor der Birsig-Überdeckung an. Das Birsig-Hochwasser bereitete der Stadt immer wieder Probleme: Wuchtige Fluten sollen im 14. Jahrhundert sogar dem Steinentor einen Turm weggerissen haben. Ein anderes Mal verwandelte er Basel in ein temporäres Venedig, da man sich beim Fischmarkt nur mit Booten fortbewegen konnte. Den Gipfel des Horrors erreichte der Birsig ein anderes Mal im Mittelalter: Beim Barfüsser-Kirchhof wurden gar die Toten aus den Gräbern geschwemmt.

Durch ein Gatter beim Steinentor floss der Birsig dorthin, wo sich heute die Kino- und Barmeile Steine befindet – die dem steinigen Ufergebiet übrigens ihren Namen verdankt. Auch die berüchtigten Basler Bronx, das Steinenbachgässlein, erinnert noch an den aus dem Birsig abgezweigten Gewerbekanal, der auch als Rümelinsbach bekannt war. Als Antrieb für Mühlen und Stampfen war der Birsig mit seinem Nebenfluss für Handwerker sehr wichtig. Wie ein Blick auf Archivfotos verrät, muss der Anblick etwa muss so urchig wie die Seestadt Esgaroth aus Tolkiens Hobbit gewesen sein: Kleine Brücken, eine davon war zum Beispiel als Snürlinssteg bekannt, verbanden die beiden Flussseien in der Innenstadt. Der Fluss muss damals für einen auch schmuddeligen Eindruck gesorgt haben. Ob Schlachtabfälle, Exkremente oder Gerblaugen: Alles blieb im meist sanft fliessenden Bach, so dass sich Teile der Innenstadt in eine Kloake und ideale Brutstäte für Seuchen verwandelten.

Schon im Mittelalter begann man damit, gewisse Flussabschnitte zu überdecken. Ende 19. Jahrhundert hatte man endgültig die Nase voll vom unberechenbaren und stinkenden Fluss: In zwei Etappen wurde 1887 damit begonnen, den Birsig zu überwölben. Um 1900 konnte die gewonnene Fläche, die Falknerstrasse, für die Tramlinie genutzt werden, was bis noch so ist. Allerdings wurde die Überwölbung beim heutigen Birsigparkplatz erst 1953 ganz abgeschlossen.

Heute ist ab dem Nachtigallenwäldeli alles unter die Erde verbannt. Der Fluss, der einst die Basler Altstadt massgäblich geprägt hat, ist längst gezähmt. Heute ist es kaum zu glauben, dass das gut versteckte Bächlein einst für grässliche Überschwemmungen gesorgt hat. Gerade diese längst zugeschütteten tragischen Kapitel der Stadtgeschichte vermögen vielleicht immer wieder die Neugier zu wecken – sei’s nun bei den regelrechten Untergrund-Partys oder den Geistergeschichten, in denen die Dämonen aus der Hochwasser- und Seuchenvergangenheit noch anwesend sind.

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