Zitat der Woche: Elias Canetti, Aufzeichnungen 1949-1960

Aus aktuellem Anlass und in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in Paris: Elias Canettis Reflexionen über Glaube und Persönlichkeit.

Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Canetti hochaktuell. zVg

Auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod ist der Kulturhistoriker Elias Canetti hochaktuell. zVg

Von Daniel Lüthi

Nach den Terroranschlägen in Paris am vergangenen Freitag gehen Fassungslosigkeit und Schnellentscheidungen wie so oft Hand in Hand. Dass der IS als Täter hervorgetreten ist und sich mit den Anschlägen brüstet, ist zweifelsohne die Bekenntnis zu einer Schreckenstat und sollte entsprechend geahndet werden. Was sich momentan jedoch wieder einmal abzeichnet, sind Überreaktionen wie Nicolas Sarkozys Aufruf zum «guerre totale» gegen den Terrorismus und die schlichtweg unsinnige Gleichsetzung der Anschläge mit der gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Wie zahlreiche Zeitungen und Journalisten betonen, wäre es fatal, Flüchtlinge nun mit Terroristen in denselben Topf zu werfen: Die Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern flohen vor dem Terrorismus nach Europa – sie treibt dieselbe Fassungslosigkeit und Angst wie uns alle.

Glaube schwingt in dieser Angst unentwegt mit. Doch Islam ist nicht gleich Islamismus, und Glaube ist nicht gleich Fanatismus. Der IS biegt sich den Koran insbesondere mit dem Schwertvers für den Glaubenskrieg zurecht; wie die sich auf die Bibel berufende Hexenverfolgung der frühen Neuzeit ist dies das blinde Befolgen eines Teils der entsprechenden Religion. Wie so häufig liegt der Unterschied in persönlichem und indoktriniertem Glauben: Statt einer individuellen Herangehensweise und Interpretation von religiösen Schriften und Ideen wird eine absolute Wahrheit erschaffen, die die einzig richtige Auslegung darstellen soll.

Der Kulturhistoriker Elias Canetti (1905–1994) ist vor allem für sein Hauptwerk «Masse und Macht» berühmt, und tatsächlich könnten seine Reflexionen zu Massen- und Machtdynamiken auf sämtliche Diktaturen und kollektiven Bewegungen – wie auch den IS – angewandt werden. Das heutige Zitat der Woche stammt jedoch aus seinen Aphorismen und thematisiert den ungelösten Konflikt zwischen seinem Verhältnis zu Glauben und Gläubigen. Hier faszinieren Canetti nicht die grossen Massen, sondern vielmehr die individuellen Gläubigen, und es ist ein Leichtes, darin den Unterschied zwischen organisierter Gewalt und persönlicher Hoffnung (und Angst) zu erkennen – ganz egal, ob es sich um die Opfer und Betroffenen in Paris oder um die Flüchtlinge und Migranten aus den Krisengebieten handelt.

Jeder Gläubige, dem ich begegne, wenn er es nur wirklich ist, stimmt mich freundlich. Die schlichte Äusserung seines Glaubens ergreift mich, und wenn sie so absurd erscheint, dass man lachen müsste, ergreift sie mich am meisten.

Es darf aber nicht der Angehörige eines Glaubens sein, dem die Welt jetzt gehört. Kaum fühle ich die Macht einer siegreichen Kirche dahinter, kaum merke ich, dass der Gläubige sich mit dieser Macht zu decken versucht, so packt mich Ekel und Grauen.

Ist es der Glaube, der ergreift, oder nur der unterlegene Glaube?

 

Quelle: Elias Canetti. «Alle vergeudete Verehrung. Aufzeichnungen 1949-1960.» München: Carl Hanser Verlag, 1970, S. 134f.

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