Zweifelhafter Erzähler lässt keinen Zweifel – Adam Schwarz’ «Die Revolution in den Bergen»

Der Basler Autor Adam Schwarz legt mit «Die Revolution in den Bergen» eine verstörende Kurzgeschichte über Jugend, Verrat und Vandalismus in einem Alpenkaff vor.

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«Seine poetischsten Momente hat die Geschichte im Mittelland, wo die Ortschaften nicht freiwillig an den Fenstern vorbeiziehen. Grotesk ist die Wortwahl, als die vier Freunde am Schneehang stehen, ein Megafon in Händen, und versuchen, so viel Lärm zu machen, dass eine Lawine abgeht. Was schreit man denn einem Schneehang entgegen?»

von Gregor Szyndler

Zwei Mädels und zwei Jungs gehen zu Berg. Sie wollen nicht auf die Piste, sondern ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen eine vermutete Verschwörung, die in den Alpen unter dem Deckmantel einer politischen Konferenz stattfinden soll.

In den Figuren brodelt es. Auch in der Badewanne brodelt es. Dort stellen sie nach einem Rezept aus dem «Anarchist Cookbook» Brandbeschleuniger her. Wie vier Hexen rühren sie in der blubbernden Suppe, und folgerichtig beginnt diese Passage mit einem passenden Shakespeare-Zitat.

Die Geschichte lebt von einem kontrollierten Duktus. Jedes Wort sitzt, da wurde lange gerungen um Formulierungen. Doch dann steht man vor einer solchen Formulierung: Er «klopfte mir auf die Schulter und lächelte mit dem Mund». Ja, mit was soll er denn bitte sehr sonst lächeln? Eine unmotivierte Schluderig- oder Spitzfindigkeit des Autors, urteilt man vorschnell. Doch dann führt man sich vor Augen, wie lange diese vier «Helden» sonst immer an ihren Handys und Laptops kleben, und es zeigt sich einem die Ironie der Passage: Gut möglich, dass der Erzähler sein Gegenüber zum ersten Mal ohne Emoticon oder Smiley, ganz oldschool und in real life, hat lächeln sehen. Der scheinbare Verschreiber wird zur subtilen, umso kräftigeren Kritik an der unendlichen Jagd nach Likes, Views und Traffic. Es kommt aber noch besser. Die Internetfixiertheit (längst nicht nur) der vier Figuren wird auch in der folgenden Passage auf die Schippe genommen:

«Wir vier [hatten] den Blick auf die Smartphones gerichtet, weil wir nicht wussten, wohin wir sonst schauen sollten.»

Zack! In the face! Ohne Kulturpessimisten-Gerede wird hier mit einer unsäglichen Marotte abgerechnet. Mit kühler Unaufgeregtheit erreicht Schwarz hier viel mehr als das ganze andere, pseudo-selbstkritische «Ich habe mein Handy für 12 Stunden abgeschaltet und lebe immer noch»- oder «Wie ein Netzausfall mich zu einem besseren Menschen machte!»-Offliner-Erfahrungsprosa-Marktsegment (selbstverständlich inkl. Making-of-Blog und Echtzeit-Twitterei!). Mit diesem Nicht-wissen-wo-sonst-hingeschaut-werden-Könnte verweist der Autor auch geschickt auf die «Seelenamputhiertheit» seiner Figuren.

Groteske Worte gegen die Natur

Seine poetischsten Momente hat die Geschichte im Mittelland, wo die Ortschaften nicht freiwillig an den Fenstern vorbeiziehen. Grotesk ist die Wortwahl, als die vier Freunde am Schneehang stehen, ein Megafon in Händen, und versuchen, so viel Lärm zu machen, dass eine Lawine abgeht. Was schreit man denn einem Schneehang entgegen? Jetzt eher weniger erwarten würde man Worte und Wendungen wie: «Metze!» oder der Ruf: «Deine Corporate Identity stinkt gewaltig, meine Gute!» Dieser Ruf geht übrigens an Mutter Natur, mit der die Protagonisten nicht gut zurande kommen. Aber ob das reicht, um eine Lawine auszulösen?

Die Wortwahl ist meist messerscharf und zuweilen klirrend kalt, stellt alles in grosser Klarheit dar. Dennoch kommt man an den Punkt, an dem sich nicht nur der Erzähler fragt: «Ja träumt’s mir?» – Da erfahren wir alles so deutlich und unverstellt, und dann kommen wir doch nur an diesen Punkt? Das hat was für sich und spricht für den Autor.

Aber dieser Erzähler! Was ist der nicht hochgradig unzuverlässig! Er sagt von sich selber:

«Ich werde nun einmal wütend, wenn Leute Unwahrheiten verbreiten und die Dinge anders erzählen, als sie geschehen sind.»

In dieser Aussage steckt der Grundwiderspruch der Erzählung. Nach eigenem Bekunden müsste der Erzähler toben und ausrasten, kochen und dampfen, so sehr beisst sich seine «Ich mache jetzt reinen Tisch»-Attitüde mit dem, was wir tatsächlich erfahren. Seine Unzuverlässigkeit erstreckt sich nicht nur auf die Wiedergabe der Ereignisse, sondern auch auf die Selbstbeobachtung.

Hoffnung auf Antworten

Bleibt eine Frage: was wollen Ausdrücke sagen wie «missgünstiger Misanthrop» oder «rückgratloser Geselle»? Will der Autor, indem er eine so grosse Fallhöhe aufbaut zwischen seiner seziermesserscharfen Gegenwartsanalyse und solchen sprachlichen Manierismen – die nicht nur aus der Zeit fallen, sondern glatt einer anderen Geschichte entstammen könnten! – betonen, dass diese Geschichte für ihn nur eine kleine Studie ist? Ein Text, geschrieben zwischen zwei anderen, grösseren Texten? Ist die Erzählung etwa «nur» das Nebenprodukt einer viel umfassenderen literarischen Produktion? Etwa des in der Autorenvita erwähnten «parahistorischen Romans»?

Fragen, auf die man sich Antworten erhofft. Von Adam Schwarz würde man auf jeden Fall gerne mehr lesen. Seine kleine, saukomische, luzide Studie macht Appetit auf mehr. Dass da noch mehr im Köcher ist, kann man verfolgen, wenn man die Spuren von Adam Schwarz liest, die er unter anderem auf «Zeitnah», im «NaRr» oder in der Zeitschrift «Entwürfe» gelegt hat.

Alle positiven Aspekte können nicht von einem Einwand absehen lassen: der brodelnde Hass und die kochende Wut, die Cholerik, wird hier nur behauptet (wenn auch wiederholt), jedoch nie gezeigt. Da diese Kräfte und Andeutungen auf sie aber einen so gewichtigen Teil der Geschichte dominieren, wünschte man sich, einiges davon auch umgesetzt zu sehen. So bleibt ein verstörender, nicht in Handlung umgesetzter Kontrast zwischen dem angeblichen Brodeln und der Geschmeidigkeit der Erzählung.

Am Ende hockt der zweifelhafte Erzähler im Knast, und er wundert sich, wie er die Kontrolle verlor. Ein solcher Kontrollverlust würde auch dem Autor gut anstehen. Er sollte nicht nur die Figuren gegeneinander, sondern auch gegen ihn, gegen seinen mit so viel Können durchgezogenen Erzählplan, antreten lassen. Sie dagegen revoltieren lassen. Dass er das kann, macht die Geschichte zweifellos klar. Sie schreit förmlich nach einem wesentlich längeren literarischen Werk. Wir warten auf mehr.

Adam Schwarz
Die Revolution in den Bergen
Ebook, 30 Seiten,
CHF 2.00
Salis Einsnull
ISBN: 978-3-906195-46-9

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