Ugliest Man On Campus – Amy J. Bergs «Janis: Little Girl Blue»

Amy J. Berg  legt einen starken sozialkritischen Dokumentarfilm über Janis Joplin vor – mit der Stimme von Cat Power.

Im College wurde sie zum hässlichsten Mann auf dem Campus gewählt. Nicht verwunderlich also, wenn Janis Joplin neben der Musik auch in den Drogen Zuflucht suchte – bis zum bitteren Ende. In der Zwischenzeit wurde sie aber zur Ikone der Sixties; ihre Stimme wurde weltberühmt. In Amy J. Bergs Dokumentarfilm liest ihre Nachfahrin,  die Indie-Ikone Cat Power, Janis Joplins Briefe, wir hören Stimmen von Überlebenden, Mitstreitern und Nachfahrinnen. Die Nähe zur afroamerikanischen Kultur wird dabei nicht nur im musikalischen, sondern auch im persönlichen erfahrbar: Janis Joplin hat nämlich einige Zeit mit einer Afroamerikanerin zusammengelebt. Dass der Film dabei neben der Musik auch auf Sexismus und Ausgrenzung fokussiert, ist natürlich kein Zufall: der sozialkritische Impetus verbindet alle Filme Amy J. Bergs. Themen wie sexueller Missbrauch von Kindern in Institutionen und Missbrauch von Religion oder Justizirrtümer – Berg schreckt vor keinem heissen Eisen zurück.

Von der Aussenseiterin zur Ikone der Gegenkultur. (Bild: zVg)

Von der Aussenseiterin zur Ikone der Gegenkultur. (Bild: zVg)

Dabei wird aber die Musik nie in der Hintergrund gedrängt – der vom öffentlich-rechtlichen US-Fernsehen mitproduzierte Film wird so Janis Joplin als Mensch und Musikerin gerecht und zeigt auch die Probleme auf, die sie mit ihrer Begleitband hatte. Dass sie die einzige Frau auf der Bühne war, stellte für sie – dies hat sie jedenfalls behauptet – kein Problem dar. Gut möglich, dass sie davon auch wirklich überzeugt war – unproblematisch war es aber wohl doch nicht. Zumindest zeigt dies aber, dass eben auch in alternativen Szenen damals wie heute eben doch nicht alles so alternativ zu- und herging bzw. -geht. Im Grunde genommen sind eben doch alle Teil der ganzen Gesellschaft. Und das war wohl auch, was Janis Joplins Ende besiegelt hat. Sie konnte sich zwar distanzieren von all den Demütigungen, aber der Ruf der Drogen (die vermeintlich alles ins Positive wenden) war eben – wie auch bei Amy Winehouse – doch zu stark.

Während in Asif Kapadias Film über Amy Winehouse («Amy») sehr auf das persönliche Umfeld der Musikerin fokussiert wird, hat Berg eine eindeutig politischere Vision, die auf die reaktionären gesellschaftlichen Strukturen aufmerksam macht. Dabei wäre es interessant gewesen, Amy Winehouse nicht nur als Opfer ihres ganz persönlichen Umfeldes zu zeigen, sondern auch als Opfer der Gesellschaft als Ganzes. Wenn Kapadias Film deshalb von gewissen Stimmen Heuchelei vorgeworfen wurde, dann wohl deshalb, weil er sich eben doch zu wenig distanziert hat von der medialen Ausbeutung der Sängerin. Zugegebenermassen ist dies hier aber auch einfacher: Janis Joplin ist schon lange tot und die Medien hatten damals noch nicht den heutigen Stellenwert, vor allem nicht ihre heutige Omnipräsenz. Wahrscheinlich ist es aber doch Amy J. Bergs politischere Vision, die dem Film eine ganz andere Stossrichtung gibt. Und der kulturelle Stellenwert Janis Joplins ist natürlich ein ganz anderer als der ihrer britischen Kollegin: Amy Winehouse war immer – trotz Retro-Touch – im Mainstream verankert; sie war nie eine Ikone der Gegenkultur. Der Erfolg konnte aber natürlich weder Janis Joplin noch Amy Winehouse vor ihrem Ende retten…

«Janis: Little Girl Blue». USA 2015. Regie: Amy J. Berg. Dokumentarfilme, mit der Stimme von Cat Power.  Deutschschweizer Kinostart am 14. Januar 2016.

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