Zitat der Woche: Andrei Tarkowski, Stalker

Das heutige Zitat der Woche nimmt sich Zeit für einen der grössten Regisseure des späten 20. Jahrhunderts: Andrei Tarkowskis Film «Stalker» von 1979 steht jenseits aller Klischees und Eindeutigkeit.

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Die reale Traumlogik in der Sperrzone: Andrei Tarkowskis «Stalker» zitiert zahllose Geschichten, ohne sich auf eine davon zu fixieren. zVg

Von Daniel Lüthi

Mark Twain sagte einst, dass Geschichte sich zwar nicht wiederholt, sich aber auf jeden Fall reimt. Und tatsächlich finden wir in manchem Ereignis im gegenwärtigen Weltgeschehen immer wieder Situationen, die so schon ähnlich vorgekommen sind – sei es in Politik, Sport, Kultur oder anderswo. Die Namen und Titelzeilen in Zeitung oder Internet lauten vielleicht anders, doch die Grundstruktur ist oft dieselbe. Wir lesen zum wiederholten Male von Rettung in letzter Sekunde, vom grossen Aufstieg oder bitteren Fall, und langweilen uns dabei kein bisschen… sofern die Geschichte gut ist. Der Mensch ist ein Geschichtentier. Wir lieben es, Fakt in Fiktion zu verwandeln, aus einem realen Ereignis ein ideales Märchen zu machen, wo Menschen zu Helden oder zu Monstern werden.

Gerade in Filmen lässt sich diese Grundstruktur sehr gut erkennen. Ein Blick auf die Liste der Blockbuster im Kino reicht, um auch dort die tausendfach repetierte, aber unverändert unterhaltsame Story von Heldentum, Horror oder ewiger Liebe unter neuen Titeln zu finden. Mittlerweile ist es längst ein Lehrstück geworden, dass ein erfolgreicher Film im Schnitt 30 Minuten Einführung in die jeweilige Geschichte bietet, anschliessend 30 Minuten auftauchenden Problemen und Eskalation widmet, bevor die letzten 30 Minuten das Ganze zu einem (guten oder schlechten) Ende bringen. Auch hier reimt sich schlussendlich vieles, egal ob die Hauptfigur Luke Skywalker, Lara Croft oder Jack Sparrow heisst.

Filme sind vergrösserte Projektionsflächen für «Was wäre, wenn… ?»-Szenarien, die wir in Gedanken tagtäglich abspielen, wenn uns die Realität gerade zu langweilig oder langwierig wird. Dennoch gibt es auch zahlreiche Regisseure, die sowohl diese Fiktionalisierung als auch die Grundstruktur von Geschichtenerzählen brechen. Geradezu beispielhaft hierfür ist der 1979 erschienene Film «Stalker» des sowjetischen Regisseurs Andrei Tarkowski. Die Grundgeschichte ist schnell zusammengefasst: Drei Personen dringen in eine abgesperrte und militärbewachte Zone irgendwo auf der Welt ein, um deren Zentrum – welches die tiefsten Wünsche eines Menschen erfüllen soll – zu erreichen. Doch die märchenhafte Struktur des Films geht nicht auf. Teile von «Stalker» bestehen aus minutenlangen Aufnahmen von Naturlandschaften, andere Szenen brechen ab und Figuren wachen auf einmal anderswo wieder auf. Die Zone wie auch die restliche Welt des Films bleiben unerklärlich: tödliche Fallen werden ungeahnt überwunden, Dialoge enden im Nichtssagenden, überhaupt wird oft geschwiegen.

Was «Stalker» und das Gesamtwerk Tarkowskis auszeichnet, ist das Gefühl des Träumens. Wie zahlreiche Kritiker feststellen, folgen Tarkowskis Filme oft der Logik oder auch Unlogik eines Traums: Fragmente bekannter Geschichten tauchen aus dem Unbewussten auf und versinken sogleich wieder, Bilder und Eindrücke wirken in all ihrer Befremdlichkeit dennoch vertraut.

Wir erleben hier keine Geschichte à la Grundaufstellung-Problem-Problemlösung, sondern eine freie Assoziation zahlloser Stories und Erlebnisse. Und wie nach dem Aufwachen aus einem Traum fragen wir uns vielleicht, wie das Ganze Sinn machen oder erklärt werden soll – doch am Ende bleibt das Rätsel des Films bestehen. Zum Glück.

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