Zitat der Woche: Felix Salten, Bambi

Zum Herbstbeginn ruft das heutige Zitat der Woche den wunderschönen Blätterdialog in Felix Saltens Buch «Bambi» in Erinnerung.

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Poetische, doch ungeschönte Vergänglichkeit: Felix Salten stellt den Kreislauf der Natur vom Grössten bis ins Kleinste dar. zVg

Von Daniel Lüthi

Wenn man genau hinguckt, sieht man sie bereits: Die ersten gelblich verfärbten Blätter in den noch grünen Bäumen in der Stadt oder auf dem Land. Die Tage sind noch warm, doch die Abende künden bereits kältere Temperaturen an, und bald werden die vereinzelten gelben Flecken im Laub grösser werden und sich auch in feurigem Orange oder Rot präsentieren.

Eine leise Poesie wohnt diesem Wechsel inne, den manche mehr, andere weniger mögen. Im Farbenspiel des Herbstes schwingt stets ein Gefühl der Vergänglichkeit mit, wenn immer mehr Blätter von den Ästen fallen und sich das Jahr langsam zum Winter neigt. Zahllose Gedichte und Geschichten wurden zu diesem Thema geschrieben – auch hier manche davon besser, währende andere schnell in zu viel Sentimentalität versinken können.

Der Österreicher Felix Salten (1869–1945) gehört zu jenen Autoren, die fast vergessen gegangen sind, obwohl ihr Hauptwerk zum festen kulturellen Repertoire der Abendwelt zählt. Bei «Bambi» denkt man automatisch an den Zeichentrickfilm von Disney aus dem Jahre 1942, der auch über 70 Jahre nach seinem Erscheinen bei Kindern und Erwachsenen gleichermassen beliebt ist. Saltens Buchvorlage von 1923 trägt den Untertitel «Eine Lebensgeschichte aus dem Walde», und zahlreiche Kritikerinnen und Kritiker haben bereits darauf hingewiesen, dass das Buch den Begriff «Lebensgeschichte» weitaus realistischer und harscher umsetzt als der Film. Kein Wunder, denn Felix Salten war passionierter Jäger und liess Einflüsse der realen Jagd direkt in sein Schreiben mit einfliessen.

Doch trotz der unverfälschten, manchmal gar brutalen Offenheit des Buches ergänzt Salten solche Stellen häufig mit melancholisch-schönen Betrachtungen zum Leben und dessen natürlichem Verlauf. Alles steht im Wandel und bildet Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, vom Grössten bis ins Kleinste, vom Jäger über Hirsche bis hin zu den letzten Blättern, die noch an einer kahlen Eiche hängen:

Von der grossen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und langte weit hinaus zur Wiese. An seinem äussersten Ende sassen zwei Blätter zusammen.

«Es ist nicht mehr wie früher», sagte das eine Blatt.

«Nein», erwiderte das andere. «Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind beinahe schon die Einzigen hier auf unserem Ast.»

«Man weiss nicht, wen es trifft», sagte das Erste. «Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiss nicht, wen es trifft.»

«Jetzt scheint die Sonne nur selten», seufzte das zweite Blatt, «und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.»

[…]

«Ich bin wohl sehr verändert?», erkundigte sich das zweite Blatt schüchtern, aber dringend.

«Keine Spur», beteuerte das Erste, «du glaubst wohl, weil ich so gelb und hässlich geworden bin. Nein, bei mir ist das etwas anderes …»

«Ach, geh», wehrte das Zweite ab.

«Nein, wahrhaftig», wiederholte das Erste voll Eifer, «glaub mir doch! Du bist so schön wie am ersten Tage. Hier und da vielleicht ein kleiner gelber Streifen, kaum zu merken, und er macht dich nur noch schöner. Glaub mir doch!»

«Ich danke dir», flüsterte das zweite Blatt gerührt. «Ich glaube dir nicht … nicht ganz … aber ich danke dir, weil du so gut bist … du bist immer so gut zu mir gewesen … ich begreife es jetzt erst ganz, wie gut du warst.»

(S. 68-70)

Quelle: Felix Salten: «Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde». Zürich: Unionsverlag, 2012.

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