Zunächst Tadellos, dann aber banal: Garth Davis’ «Lion»

Garth Davis legt mit «Lion» ein mehr als nur solides Debüt vor, das allerdings mit der Zeit immer vorhersehbarer wird. Vielleicht hält sich Davis einfach zu stark an die Vorlage. Ein kreativerer Umgang mit dem autobiografischen Material wäre hier von Vorteil gewesen.

Saroo, ein kleiner Junge aus einer mausarmen Familie, verliert seinen älteren Bruder aus den Augen und wird mit einem Zug aus seinem heimatlichen Madhya Pradesh nach Kalkutta verpflanzt – einem Ort mit einer fremden Sprache, weit weg von seinem Bruder und seiner Mutter. Nun lauern viele Gefahren, darunter skrupellose Menschenhändler. Schliesslich kommt er in ein Kinderheim und wird zur Adoption freigegeben…

Dem kleinen Saro bleibt fast nichts erspart... (Bild: zVg)

Dem kleinen Saro bleibt fast nichts erspart… (Bild: zVg)

Mit «Lion» erzählt der Regisseur Garth Davis eine wahre Geschichte, nach den Erinnerungen von Saroo Brierley. Nun ist der Film vom Typus «based on a true story» meist eine zwiespältige Angelegenheit: gerade die Anlehnung an eine wie auch immer geartete wahre Geschichte verhindert ein Fokussieren auf wirklich filmisches Erzählen, an ein dem Medium wirklich angemessenes Umsetzen eines Stoffes. Der erste Teil von Davis’ Debüt ist aber nun wirklich tadellos umgesetzt und packt mit starken Bildern. Der zweite Teil, der dann in Australien spielt, ist aber nur allzu vorhersehbar und vermag filmisch nicht wirklich zu überzeugen, sondern geht eher in Richtung Dutzendware. Was nicht heisst, dass Davis teilweise nicht auch im zweiten Teil anrührend erzählt. Problematisch ist dann aber doch, dass der erste sozialkritische Teil in Indien spielt, während im zweiten Teil typisch australische Probleme wie der Rassismus, die Unterdrückung der Aborigines oder die notorische Ablehnung libanesischer Einwanderer keine Rolle spielt.

Wenn Saroos Adoptivbruder Mantosh also ein schwieriges Kind ist und auch als Erwachsener seinen Nächsten nichts als Sorgen bringt, dann ist das ein rein persönliches Problem, das mit seinen schlimmen Erlebnissen als Kind in Indien zu tun hat und nichts mit den systemimmanenten Problemen Australiens. Gleichzeitig mag dies ja auch alles zutreffen und den Erlebnissen Mantoshs im wirklichen Leben entsprechen, was aber nichts an der filmischen und inhaltlichen Banalität des zweiten Teils des Films ändert. Garth Davis legt mit «Lion» insgesamt natürlich nichtsdestotrotz keinen schlechten Film vor. Der der erste Teil des Films deutet darauf hin, dass Davis noch viel Potenzial besitzt. Sein nächstes Projekt – ein Film über Maria Magdalena – könnte durchaus interessant werden.

«Lion». Australien/USA/UK 2016. Regie: Garth Davis. Mit Dev Patel, Sunny Pawar, Rooney Mara, Nicole Kidman, David Wenham, Divian Ladwa u.a. Deutschschweizer Kinostart am 16. Februar 2016.

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