Biopic gegen den Strich – Pablo Larraíns «Neruda»

Der Kommunist, Abgeordnete und Schriftsteller Pablo Neruda, geboren als Ricardo Reyes Basoalto, befindet sich auf der Flucht vor dem unehelich geborenen Beamten und Polizisten Óscar. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín legt seinen vielleicht besten Film vor, ein Werk zwischen Fiktion und Realität, zwischen Literatur und Film.

Pablo Neruda (Luis Gnecco), gefeierter Dichter, bewunderter Liebhaber, gehasster und geliebter Kommunist und Abgeordneter, ist auf der Flucht. Er will sein heimatliches Chile verlassen, doch wird ihm die Ausreise verwehrt – angeblich aufgrund seines Pseudonyms. Der 1904 als Ricardo Eliécer Nefatalí Reyes Basoalto geborene Neruda lässt sich aber nicht unterkriegen, auch wenn ihm der unehelich geborene Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal), der behauptet, ein Sohn des Begründers der chilenischen Polizei zu sein, dicht auf den Fersen. Oder auch nicht…

Ein skeptischer Blick des Poeten Neruda (Luis Gnecco). (Bild: zVg)

Ein skeptischer Blick des Poeten Neruda (Luis Gnecco). (Bild: zVg)

 Der Regisseur von «Jackie», «El Club» und «No» legt mit «Neruda» (den er noch vor «Jackie» gedreht hat) seinen wohl stärksten Film vor, ein Werk, das zwischen Literatur und Film, zwischen Realität und Fiktion oszilliert und immer wieder überrascht. Ein Film, der  anders als viele generische Biopics ganz Film ist, trotz (oder vielleicht auch gerade) wegen des starken Voice-Overs von Gael Garcia Bernal als Óscar.Pablo Larraín hat eindeutig ein Faible für historische Stoffe, und mit Neruda hat er bereits vor «Jackie» eine Art Biopic vorgelegt. Ein Biopic aber, das neben dem stärksten Arthaus-Film bestehen kann und vielleicht doch eher ein Anti-Biopic ist. Film ist bei Larraín immer Filmkunst; dabei verneint er aber nie die Wurzeln im Populären. Neruda selbst (zumindest der Film-Neruda) liest gerne Kriminalromane; zur Ablenkung, wie er sagt, aber denken wir an Umberto Eco, der (angeblich?) sagte: «Wenn ich mich entspannen will, lese ich Proust. Wenn ich etwas Seriöses lesen will, lese ich Corto Maltese.» Drehbuchautor Guillermo Calderón hat übrigens bereits «El Club» geschrieben; Larraín ist aber – wie Alfred Hitchcock – ein Auteur, der gerne mit verschiedenen Drehbuchautoren zusammenarbeitet. Nerudas Frau Delia, liebevoll Hormiguita (kleine Ameise) genannt, sagt an einer Stelle: «yo soy real – y eterna». Genau so muss das Kino sein. Mit «Neruda» bestätigt sich Larraín als einer der Grossen des zeitgenössischen Filmschaffens.

«Neruda». Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien/USA 2016. Regie: Pablo Larraín. Mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Jaime Vadell, Diego Muñoz, Alfredo Castro u.a. Deutschschweizer Kinostart am 23. Februar 2017.

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