Sex, Kondome und andere Problemzonen – «The People Upstairs» im Englischen Seminar

Mit «The People Upstairs» bringt die Basler Theatergruppe «The Gay Beggars» ein gutes Dutzend Ministücke von Alex Broun auf die Bühne. «Zeitnah» berichtet von einer der Hauptproben.

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Mehrschichtig: Die Bühne im Theaterkeller des Englischen Seminars wird optimal genutzt. © David Portmann

Von Daniel Lüthi

Neugierde ist der Motor der Menschheit. Vielleicht hätten wir über Umwege und mit genügend Zeit oder Zufall einen anderen Ast der Evolution gefunden, aber ohne Fragen wie «Was geschieht, wenn ich dies ins Feuer werfe?» oder «Sollte ich es vielleicht andersrum machen?» sässen wir heute wohl kaum mit Minicomputern im Café. Dass dieser Wissensdrang bei den kleinen Dingen des Lebens nicht aufhört, ist manchmal problematisch. Wer schon mal die gegenüberliegenden Balkone mit dem Fernglas beobachtet hat oder statt Arbeiten lieber eine halbe Stunde lang Katzenvideos geguckt hat, wird wissen, wovon die Rede ist. Solche Neugierde behalten wir für uns. Wäre ja peinlich, wenn wir sowas offen zugeben würden. Aber insgeheim lieben wir sie doch.

Nun bieten die «Gay Beggars», die Theatergruppe des Englischen Seminars der Universität Basel, einen Abend lang die Gelegenheit, dieser heimlichen Freude ohne Scham zu frönen. Sex, Liebe, Dating, Beziehungsdrama – in einem guten Dutzend Kurzstücken des australischen Dramatikers Alex Broun wird die ganze Bandbreite des Zwischenmenschlichen aufgezeigt. Der übergreifende Titel ist schön gewählt: Es geht um «The People Upstairs» – jene Leute, die wir kennen oder meinen, zu kennen. Und für einmal dürfen wir hinter ihre verschlossenen Türen blicken.

Beziehungen – und alles, was dazugehört

Die Aufführung beginnt im WG-Badezimmer. Ein ahnungsloser Mitbewohner trifft auf den One-Night-Stand des anderen Mitbewohners, und zwischen Peinlichkeit und Zähneputzen entwickelt sich fast so etwas wie Vertrautheit. Kaum fünf Minuten dauert das Ganze. Solche Prägnanz zeichnet auch die anderen Stücke aus – salopp könnte man sagen, dass damit für jeden wenigstens etwas dabei ist. Doch von Langeweile oder Hektik keine Spur. Die schauspielerische Varianz und die Unterteilung der Bühne ergeben vielmehr ein stimmiges Gesamtbild. Dass beispielsweise die Figuren des nächsten Stücks teils bereits im Hintergrund an der Bar oder am Cafétischchen sitzen und auf ihren Handys tippen, bevor ihr Einsatz kommt, passt genial und hält Unterbrüche auf ein Minimum beschränkt.

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Manche Nachbarn stehen offen zu ihren Leidenschaften, andere möchten davon lieber erst gar nicht wissen. Oder hören.  © David Portmann

Und so eröffnet sich ein Reigen von Beziehungen und Beziehungsproblemen: Mal ist das knutschende Pärchen am Nebentisch gar zu knutschig-laut, mal wird das Flirten knallhart mit Aktenkoffer und Vertrag samt Zeitangabe zum Oralsex verhandelt. Die gewählten Stücke sind stellenweise recht derb, in einigen Fällen etwas plakativ oder übertrieben, aber Highlights wie ein todgeweihtes Loblied auf Zigaretten oder die Situationskomik eines falsch entsorgten Kondoms überwiegen deutlich. Nichts für Liebhaber eines gediegenen Abends mit allzu ästhetischen Ansprüchen. Dennoch sind die Texte von Alex Broun häufig tiefgründiger, als es die grelle Oberfläche vermuten liesse.

Es ist eine Binsenweisheit, dass wir uns in Theaterfiguren wiedererkennen. In «The People Upstairs» gehören wir jedoch selbst dazu. Auch wir sind die Leute, die gleich nebenan wohnen, die in derselben Kneipe sitzen und zufällig und oft ungewollt am Leben der anderen teilhaben. Die Situationen auf der Bühne sind uns vertraut, vom Treppenhaus, vom Lift, von zahllosen peinlichen ebenso wie erinnerungswerten Erlebnissen. Gerade dies macht die neue Aufführung der «Gay Beggars» lohnenswert. Und wie immer ist man neugierig, was als Nächstes kommt.

«The People Upstairs» im Englischen Seminar der Universität Basel
Aufführungen am 14., 18., 21., 24., 26. und 29. April
Beginn: 20 Uhr (Tickets müssen spätestens um 19:30 Uhr abgeholt werden)
Preis: CHF 15.- regulär, CHF 10.- für Studenten/AHV/IV
Reservationen unter http://www.gaybeggars.ch/tickets

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