Das Echo eines Mords

Die 1820 im freiburgischen Rechthalten ermordete Christina Aeby ist auch heute noch in Liedern und Folklore ein Begriff. In seinem Roman «Im Schatten der Linde» verarbeitet der Schweizer Autor David Bielmann die historischen Ereignisse.

David Bielmann am Gedenkstein von Christina Aeby. © Fabienne Bielmann, Dimorph

Von Daniel Lüthi

Die Schweiz ist selten ein Ort der Sensationen. Dem Klischee zufolge leben wir unsere Neutralität nach innen wie auch nach aussen und behalten die unangenehmen Dinge lieber für uns, anstatt sie zu Skandalen oder Empörung aufzubauschen. Was heute vielleicht nicht mehr ganz so strikt zutrifft, war früher – so könnte man meinen – bestimmt gang und gäbe.

Wo liegt also der Reiz, einen seit fast 200 Jahren unaufgeklärten Mord im Kanton Freiburg fiktiv zu rekonstruieren? Wie David Bielmann im kurzen Vorwort zu seinem Roman «Im Schatten der Linde» ausführt, ging vieles, «was damals genau geschah, […] vergessen oder wurde dem Volk bis heute vorenthalten». Die Begebenheiten fanden in Liedertexten und schaurigen Gutenachterzählungen ein Echo, aber die wahren Umstände gingen im Lauf der Geschichte weitgehend verloren.

Ironische Ansätze eines Schauerromans

Hier setzt David Bielmann an. Zwar ist auch sein Bericht keine Auflistung der Tatsachen, doch es liegt nahe, dass sich die genauen Abläufe nach so langer Zeit überhaupt nicht mehr feststellen lassen. Interessanter ist es, den Leserinnen und Lesern ein Gefühl zu vermitteln, wie es hätte sein können. Dementsprechend lässt der Roman das zentrale Ereignis – den Mord an Christina Aeby – unbeschrieben und konzentriert sich stattdessen auf die Ereignisse vor und nach der Tat. Aebys Tod und seine Umstände werden so quasi Stück für Stück, Aussage für Aussage rekonstruiert.

Diese Leerstelle mitten im Erzählfluss ist brillant. Die Entscheidung Bielmanns, den Mord selbst auszulassen, unterstreicht seine Ungeheuerlichkeit und die Sprachlosigkeit, die er in der Schweiz bis heute hinterliess. Stellenweise tönt das Buch in leiser Ironie den Stil eines Schauerromans an: «Hinterher erzählte Niklaus Rumo, wohnhaft in Eichholz, die Nacht sei so dunkel gewesen wie noch nie. Schon beim Aufstehen habe er gespürt, wie das Böse über das Land zog. Am Abend zuvor seien die Flecken auf der Sonne zurückgekehrt.» Christina Aebys Ermordung legt den versteckten Aberglauben offen, der im 19. Jahrhundert trotz Aufklärung immer noch im Volk verbreitet war. Wie in seinen fiktionalen Krimis – allen voran «Freedom Bar» – tritt auch hier stets wieder ein leichtes Augenzwinkern des Autors hervor, ohne das Geschehen zu verharmlosen.

Fakt neben Fiktion

Dennoch basieren auch manche Indizien und Zeugenaussagen mehr auf Hörensagen als auf genauer Protokollierung. Hierin liegt ein weiterer Schachzug Bielmanns. Er vermengt Fakt und Fiktion – manchmal im selben Satz: «Ich trank etwas, lag auf der Ofenplatte, wurde müde, gegen neun Uhr ging ich dann heim.» Trotz der Unterscheidung im Schriftbild gehen zitierte Details so je nach Stärke der Ergänzung leider etwas unter. Mehr Hintergrundinformationen zu den Quellen Bielmanns wären ebenso gut gewesen und hätten vielleicht zusätzliches spannendes Lesematerial geliefert. Dennoch: die Sprache bleibt stets nüchtern und auf den Punkt gebracht. Grell gezeichnete Bösewichte oder dunkle Machenschaften sucht man in «Im Schatten der Linde» zum Glück vergebens.

Der Mord an Christina Aeby bleibt auch nach der Lektüre von David Bielmanns Roman ein Rätsel. Das Freiburg von 1820 und seine Menschen hingegen treten uns lebendig entgegen. Was für ein Echo dieser Kriminalfall damals im öffentlichen Bewusstsein hinterliess, ist im Zeitalter von Twitter und Handykameras schwer nachvollziehbar. So, wie der Autor die Reaktionen im Volk schildert und Briefe des Kriminalamts zitiert, treten jedoch unangenehme Parallelen zu gegenwärtiger Willkürjustiz und Fake News hervor – auch in der dem Anschein nach neutralen Schweiz durchaus ein Thema. Mit oder ohne Sensationen.

 

David Bielmann
«Im Schatten der Linde
Die Ermordung der Christina Aeby»
Erstausgabe 2018
Geb. mit Schutzumschlag, ca. 224 Seiten
ISBN: 978-3-7296-0981-5
CHF 32.-/EUR 32.-
Erschienen im Zytglogge Verlag