Zwischen Fantasie und Überleben – Identität in Jeremy Levens «Don Juan DeMarco» und Adewale Akinnuoye-Agbajes «Farming»

Jeremy Leven gelang es 1995 mit seinem ersten Kinofilm, eine an sich sehr ernste Thematik witzig aufzubereiten. In seinem Debüt verarbeitet Adewale Akinnuoye-Agbaje seine schreckliche Kindheit und Jugend als fremdplatziertes Kind in England.

Der junge Don Juan DeMarco (Johnny Depp) ist überzeugt: Er ist der grösste Liebhaber der Welt. Nach einem gescheiterten Suizidversuch landet er in einer psychiatrischen Anstalt, wo ihn der Psychiater Dr. Mickler (Marlon Brando) behandelt. Mickler versucht zwar, den jungen Mann zur Vernunft zu bringen – doch die von DeMarco erfundene Lebensgeschichte fasziniert ihn immer mehr…

«Don Juan DeMarco» (1995) ist zwar einerseits leichte Kost, andererseits reflektiert die Komödie Fragen, die uns alle angehen. Heute ist viel von identity politics die Rede, aber eigentlich müsste man das Thema umgekehrt angehen: ohne Identität läuft gar nichts.

Dazu eine Szene aus einem anderen, weniger komödiantisch veranlagten Film: In «The Good Shepherd» von Robert de Niro fragt der Mafioso Joe Pesci den WASP-Agenten, was denn mit ihnen los sei, denn anders als die anderen, die Italiener, die Iren usw. hätten die WASPs ja gar keine eigene Kultur. «Wir haben die Vereinigten Staaten von Amerika», erwidert der Agent. (Die Mehrheit muss sich nicht ihrer eigenen Identität versichern, da diese ja bereits Standard ist.) 

Es ist sicherlich nicht so, dass die Mehrheit keine eigene Identität, keine eigenen Interessen hat. Das versteht sich von selbst: deshalb haben sogar die meisten weissen Amerikanerinnen auch beim zweiten Mal Donald Trump gewählt. Wer ist Don Juan DeMarco? Ist er nun ein Weisser, ein ganz normaler Italoamerikaner wie Rudy Giuliani, der gerne doch ein bisschen exotischer rüberkommen würde? Eine Light-Version der weissen Amerikanerin Rachel Dolezal, die sich als schwarze NAACP-Aktivistin ausgegeben hat?

Natürlich ist «Don Juan DeMarco» dabei ein Plädoyer für die Fantasie, ein Plädoyer auch dafür, den eigenen Träumen zu folgen. Der schwarze Pfleger Rocco, inspiriert von Don Juan, verlässt seinen Job in den USA und lebt nun in Madrid, so der Film. Ein Plädoyer für die Fantasie, ähnlich wie Tim Burtons «Big Fish». Und doch sagt der Film eben auch viel über Identität gerade in den USA aus.

Dazu muss man auch wissen, dass Johnny Depp angeblich selber nordamerikanisch-indianische Wurzeln hat, und wie Brando hat er sich immer mit den wirklich einheimischen nordamerikanischen Indianern identifiziert, im einzigen von ihm selber inszenierten Film («The Brave», 1997), in dem notabene auch Brando zu sehen ist, spielt er sogar einen, wie dann auch später in «The Lone Ranger». (Immerhin hat Depp wohl wirklich afrikanische Vorfahren; dies aber doch eher am Rande; der Name Depp kommt vom französischen Dieppe…)

Auch der Nigerianer Eni (Damson Idris) hat versucht, seine Identität zu kaschieren – seine afrikanischen Eltern haben ihn bei einer weissen britischen Familie platziert; dieses Phänomen wurde Farming genannt, und so heisst auch Adewale Akinnuoye-Agbajes Film, der auf seinen eigenen Erfahrungen als in England fremdplatzierter Afrikaner basiert. Anders als in den Zusammenfassungen des Films (auch auf dem Backcover der DVD) kolportiert wird Eni aber nie Anführer einer rassistischen Skinhead-Gang. Ganz im Gegenteil: Er ist der Unterhund der rassistischen Skinheads, bis zum bitteren Ende.

Dass die Geschichte auf Adewale Akinnuoye-Agbajes eigener Biografie basiert, deutet aber schon an, dass es am Schluss doch noch zu einer Wendung zum Besseren kommt. Der afrobritische Regisseur ist als Schauspieler bekannt aus «Lost», «Oz» und «Suicide Squad».

Der Film ist leider kein grosser Wurf – er zeigt aber deutlich, was der Rassismus mit einem Menschen, mit einem Kind machen kann. Schlecht ist der Film zudem nicht, die SchauspielerInnen, aber auch der Regisseur machen ihre Sache gut. Trotzdem würde man doch gerne mehr erfahren über das Phänomen des Farming, mehr aber auch über den Rassismus in Grossbritannien…

Eni will seine Identität als schwarzer Afrikaner hinter sich lassen, doch seine Hautfarbe gibt ihm nur wenig Spielraum.

Was der Film zudem nur implizit (via Soundtrack) erwähnt: Die ursprünglichen Skinheads waren Reggae-Fans; der Rassismus ist erst später gekommen – mehr Infos dazu liefern die sehenswerten Dokfilme des Regisseurs Daniel Schweizer.

Aber natürlich kann ein Film nicht alles zeigen – und muss er auch nicht. Adewale Akinnuoye-Agbajes erster Film als Regisseur ist nicht zuletzt eine Verarbeitung der eigenen Biografie, und diese muss bruchstückhaft, muss persönlich sein.

«Don Juan DeMarco». USA 1995. Regie: Jeremy Leven. Mit Johnny Depp, Faye Dunaway, Marlon Brando, Géraldine Pailhas, Rachel Ticotin, Talisa Soto u.a. DVD im Handel erhältlich.

«Farming». UK/Nigeria/USA/Frankreich 2018. Regie: Adewale Akinnuoye-Agbaje Mit Damson Idris, Gugu Mbatha-Raw, Kate Beckinsale, John Dagleish u.a. DVD im Handel erhältlich, Titel der deutschen DVD: «In My Skin».

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