Kommentatort 50: „Ein neues Leben“

Der neue Münchner Tatort „Ein neues Leben“ fällt auf mit einer durch durch bösen Mörderin. Sie muss erst noch erschossen werden, bevor sie zum ersten Mal lächelt.

 

BESUCH VOM FINANZAMT? SCHON WIEDER DIE STEUERFAHNDUNG? ZAHLT DIE KRIPO MÜNCHEN SO LAUSIG, DASS KOMMISSAR BATIC EINEN NEBENJOB ALS HAUSIERER ANNEHMEN MUSSTE? FRAGEN ÜBER FRAGEN, TEILWEISE BEANTWORTET VOM NEUEN MÜNCHNER TATORT „EIN NEUES LEBEN“. (ZVG)

 

Isabella und Sandra kommandieren eine Drückerkolonne: Von Tür zu Tür tingelnd versuchen sie, kanadische Robbenbabys vor dem Abschlachten zu retten. Was im echten Leben eine selbstausbeuterische, mit viel Herzblut unterfütterte, ehrenamtliche Aufgabe ist, wird hier mit hohen Provisionen belohnt – Artenschutz im Jahr 2012, samt saftiger Gewinnspanne.

Skimming für Fortgeschrittene

Die beiden Frauen hoffen, mit dem Geld eine neue Existenz aufbauen zu können – ein Traum, dessen Erfüllung angesichts von zappendüsteren Wirtschaftszahlen, Jobaussichten und bewegten Vergangenheiten alles andere als selbstverständlich ist. Die Mitglieder der Drückerkolonne werden darauf abgerichtet, mit hohen Abschlusszahlen von Tür zu Tür zu tingeln. Die nichtsahnenden Leute lassen sie mit EC-Karten spenden; mobile Kartenkopierstationen ermöglichen ihnen Bankomaten-Betrug in riesigem Ausmass.

Drastischer Mord zum Auftakt

Ungewohnt drastisch ist der Auftakt von „Ein neues Leben“: Wir sehen, wie ein Mann hinter einem Auto durch den Wald geschleppt wird. Er bettelt um Gnade, versucht, sich loszumachen – erfolglos, er kann nicht entkommen. Wenig später taucht er als verbrannte Leiche wieder auf. Der junge und ambitiöse Polizeianwärter Fechner ist Batic und Leitmayr bei den Ermittlungen behilflich. Sie freuen sich über seine tatkräftige, unkomplizierte Hilfe. Fechner versucht, sich im Zuge der Ermittlungen unverzichtbar zu machen. Allmählich kommen die Kommissare dahinter, welch hohes Tier Fechner den Rücken stärkt.

Rechtsstaatlich bedenkliche Operation

Weil die Ermittlungen nicht vom Fleck kommen, entscheidet sich Batic, sich in einer rechtsstaatlich nicht ganz lupenreinen Aktion in die Drückerkolonne aufnehmen zu lassen. Es gelingt ihm, das Vertrauen der beiden Chefinnen zu erschleichen. So kann er fortan als Pseudo-Verdeckter-Ermittler aus dem Inneren des Geschehens zu den Ermittlungen beitragen. Das rentable Geschäft mit dem Robbenschutz operiert mit grösster Diskretion und ohne jegliche Skrupel.

Münchner Tatort mit Vorschusslorbeeren

Der Münchner Tatort ist seit mittlerweile über sechzig Fällen eine feste Grösse, die sich auszeichnet durch zwei starke Schauspieler sowie immer mal wieder durch erfreulich intelligente Drehbücher, die den Mut haben, sozial relevante Themen auf verstörende Weise anzupacken (Missstände in der Altenpflege, Antisemitismus, Polizeiübergriffe et cetera). Wer den Kommentatort regelmässig liest, weiss, dass der Münchner Tatort an dieser Stelle einen gewissen Stellenwert geniesst. Dieser liegt darin begründet, dass man hier kontinuierlich an den Figuren arbeitet, mit und für die Figuren arbeitet – ohne sich an Publikumserwartungen anzuschmiegen oder krampfhaft das Rad neu erfinden zu wollen.

Was es für einen Tatort braucht

Latenter Kollegenneid, Reibereien im Stile eines alten Ehepaars, exzessive Autofahrten, ein Hang zum Kalauer, zum Moralisieren, zum Zeigefinger-TV: Im Münchner Tatort geht es stets so tatorthodox zu und her, wie es nur möglich ist, und dennoch stechen die Filme erfreulich regelmässig aus dem verdriesslichen Tatortmittelmass heraus. Dafür werden sie oft genug mit Preisen bedacht, so etwa mit dem Grimme-Preis für „Nie wieder frei sein“ oder im Jahr 2012 vom Bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises. Der Filmwissenschaftler Karl Prümm formuliert es so: Das Münchner Erfolgsrezept liege in der „unverbrüchlichen Freundschaft zwischen Batic und Leitmayr, die trotz aller Querelen im entscheidenden Augenblick zusammenhalten und füreinander einstehen“.

Wo ein Spaziergang revolutionär ist

So kontinuierlich arbeitet der Münchner Tatort an und mit seinen Figuren, dass es an Revolution grenzt, wenn, wie geschehen in „Ein neues Leben“, die Kommissare für einmal auf ausgiebige Autofahrten verzichten und den Fall stattdessen auf einem Spaziergang besprechen. München ist ein (manchmal allzu ruhiger) ruhender Pol im ansonsten letztens arg hibbelig gewordenen Tatortland.

Was von „Ein neues Leben“ bleibt

„Ein neues Leben“ ist kein Glanzlicht der Reihe, besonders nicht in München und Umgebung. Trotzdem ist es ein Tatort mit einem ebenso gesuchten wie gefundenen Motor sowie mit einer Mörderin, die von A bis Z überzeugt und, ja, stellenweise auch mächtig einschüchtert.

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