Nietzsche als Comic-Held

Michel Onfray und Maximilien Le Roy präsentieren Leben und Wirken des bekannten Philosophen in einer ungewöhnlichen Biografie. Die Idee, Friedrich Nietzsche in einem Comic zu porträtieren, ist reizvoll: Gleichermassen kompromisslos in seinem Leben wie in seinen Büchern, war kaum ein Philosoph schon zu seinen Lebzeiten umstrittener als der selbsternannte Immoralist und Wertezerstörer Nietzsche. „Keinem Glauben gehörig, keinem Lande verschworen“, beginnt die vorliegende Biografie mit einem Zitat aus Stefan Zweigs „Der Kampf mit dem Dämon“, das sich als Leitmotiv durch das gesamte Buch zieht. Im Folgenden erleben wir wichtige Stationen in Leben und Werk des Philosophen – manche fiktiv, viele davon jedoch historisch belegt – von seiner Professur in Basel über seine Reisen im Graubünden und in Italien bis hin zum Ende in Delirium und Wahnsinn.

 

Der Mensch und der Philosoph

 

Darin eingebettet finden sich immer wieder Auszüge aus den Briefen und Büchern Nietzsches, die die Bildersprache des Comics kraftvoll unterstützen. Die grafische Gestaltung Onfrays ist eher skizzenhaft, Figuren wie Landschaften sind in raschen, doch zielsicheren Linien gezeichnet. Insbesondere die Visionen und Träume Nietzsches sind hervorzuheben: Mal sind sie mit glühendem Rot und Gelb unterlegt, ein andermal verblassen sie beinahe in Schwarzweiss oder gehen in zitterndem Gekritzel verloren. Ob dies eine gute Umsetzung von Nietzsches zunehmendem Wahnsinn ist, bleibt fraglich, aber die Bilder ergänzen die philosophischeren Passagen des Buches und lockern sie sinnvoll auf.

 

Nietzsche beim Spaziergang in jungen Jahren – eins der wiederkehrenden Motive im Comic. zVg

 

Am Ende stellt sich die Frage, inwieweit ein Comic uns den Menschen Nietzsche näherbringen kann. Doch gerade hier spielt diese Biografie ihre medialen Stärken aus, da sie den Bildern denselben Stellenwert wie dem Text zugesteht. Wir sehen nicht nur, wie Nietzsche schreibt und philosophiert, sondern auch beispielsweise einen seiner langen Spaziergänge unternimmt oder ganz lapidar auf dem Markt in Genua Tomaten zum Abendessen einkauft. Natürlich sind dies wiederum mehrheitlich fiktive Szenarien, die sich weder mit Quellenangaben noch mit Fotografien belegen lassen, aber sie zeigen – oft mit einem angedeuteten Augenzwinkern – dass selbst der den Übermenschen verkündigende Philosoph Nietzsche manchmal auch nur ein Mensch war.

 

Alles in allem ist „Nietzsche“ ein äusserst lesenswertes Portrait eines der bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts und schafft es, Comic und Literatur nahtlos miteinander zu verbinden.

 

zVg

 

Nietzsche
Von Michel Onfray und Maximilien Le Roy
Erschienen im Knaus Verlag 2011
Gebundenes Buch, Pappband, 128 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0430-9
Preis: ca. CHF 28.50

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