Kommentatort 53: “Dinge, die noch zu tun sind”

Der neue Berliner Tatort “Dinge, die noch zu tun sind” gefällt von A bis Y. Erst ganz am Ende, bei Z, wackelt dieser starke Film. Zu sehen bekommen wir das Leben mit dem doppelten, dreifachen, vielfachen Tod.

 

Was hat Anny Mainhard (Johanna Ingelfinger, l.) mit der Partydroge „Heaven“ am (momentan nicht aufgesetzten) Hut? Schaut ihre Mutter Melissa (Ina Weise) nur besorgt? Ist da etwa kein Abgrund in ihrem Blick? Die Kommissare Stark (ganz links) und Ritter stehen vor Fragen über Fragen über Fragen.

Ein Haarfärbemittel namens „Heaven“

Der Hersteller einer gefährlichen Designerdroge namens „Heaven“ (kann jemand dem Kommentatort diese Ironie der Benennung erklären?) wird mit seinem eigenen Stoff vergiftet. Mehrere Minuten lang verreckt er, direkt nach dem Abspann, vor der offenen Balkontür. Am Himmel über Berlin braut sich derweil, nicht ganz unpassend, ein Gewitter zusammen. Es soll nicht der letzte Tote sein. Es wiederholt sich stets die gleiche Abmurksmethode: Die Leute werden gefesselt, mit einer Überdosis „Heaven“ vergiftet und verrecken langsam und qualvoll. Lauter schmierige Figuren, auf die eine und andere Art in den Drogenhandel involviert, erwischt es. Den zynischen Chemiker, der sich mit der als Haarfärbemittel getarnten Droge selbstständig macht. Den schmierigen Zwischenhändler und Clubbetreiber. Zuletzt soll es auch den Anwalt erwischen, der es mit einem gerüttelt Mass Zynismus schafft, sich mit dem Stoff und einem Dealernetz an verschiedenen Schulen ein erquickliches Leben zu machen.

Morphiumpflaster und eine To-do-Liste

Melissa Mainhard (Ina Weise), eine erfahrene Drogenermittlerin, greift Ritter und Stark bei der Aufklärung unter die Arme. Ritter nimmt sich ihrer an, betört sie als Klugscheisser mit tausend Narben an der Seele und versucht, sie sich um den Finger zu wickeln. Derweil Ritters Wahrnehmungskraft der attraktiven Kollegin gegenüber aus naheliegenden Gründen ein klein wenig getrübt ist, kriegt Stark mit, dass sie an Krebs leidet, ihre Schmerzen nur mit Morphiumpflastern aushalten kann. Zu Hause führt Mainhard eine geheimnsivolle To-do-Liste: Es soll sich noch weisen, über welcherlei Dinge sie dabei Buch führt.

Pete Doherty in einem Tatort?

Vor allem hat Mainhard Stress mit ihrer Tochter, die ganz entschieden den falschen Umgang pflegt, ganze Nächte wegbleibt und Drogen in sich pumpt – wie überhaupt die meisten der in „Dinge, die noch zu tun sind“ vorkommenden Jugendlichen. Der Freund ihrer Tochter, ein lässig-schlabberiger Pete-Doherty-Verschnitt (Hochwasserhose, Hosenträger, Hut, Hemd, verpeilter Blick samt ebensolcher Attitüde), Schnute und vorlaute Sprüche den Kommissaren gegenüber. Ist er das Hirn hinter der Sache? Auf jeden Fall scheint es nicht abwegig, dass er über Insiderwissen verfügen könnte – weshalb ihn die Kommissare ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Er erleidet – bereits in Polizeigewahrsam! – eine Überdosis, worauf sein noch junges Herz beinahe den Dienst quittiert. Auch Mord?

Doppelter Tod

„Dinge, die noch zu tun sind“ ist ein ruhiges, ergreifendes Drama. Es gehört zur ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod„, die vom 17. bis 23. November 2012 dauert. Den Machern ist es gelungen, das Leben mit dem doppelten Tod, dem eigenen wie demjenigen irgendwelcher x-beliebiger, wildfremder Menschen, in einen ansehnlichen Film zu bringen. Der Lange mit der grossen Klappe und der Kurze mit der grossen Nase gefallen sehr, wie überhaupt der ganze Film. Als Abschluss einer einschlägigen Themenwoche kommt das Ende wohl etwas dick, stimmt – aber wer sagt denn, dass der Tatort nichts mehr wagen darf, allenfalls noch mit immer grösseren Teams oder Budgets von sich reden machen soll?

Wieder schwache letzte fünf Minuten

Mit den letzten fünf Minuten hat sich schon der sehenswerte letzte Berliner Tatort „Alles hat seinen Preis“ schwergetan (damals wurde ein packendes, intelligentes Drama zur organisierten Bankenkriminalität in den letzten Minuten mit unerträglicher Musik weichgespült). Dieses Mal also tappt man in die „Zwei Tatort Kommissare, die eins auch mal gerade sein lassen können“-Falle.

Superbe Geschichte-in-der-Geschichte

Macht nichts, „Dinge, die noch zu tun sind“ geht trotzdem in Ordnung: nicht so sehr dieser selbstverliebten Geste der Kommissare wegen, als vielmehr deswegen, weil die Geschichte-in-der-Geschichte mit der besorgten, todkranken Mutter ausgezeichnet wirklich ausgezeichnet ist. Nicht nur spielt Ina Weise auf Augenhöhe mit Ritter und Stark, sondern sie führt die beiden auch noch an der Nase herum wie einen Ochsen, der am Nasenring durchs Dorf gezerrt wird.

Was von „Dinge, die noch zu tun sind“ bleibt

Solche glaubwürdigen Figuren wie die Mainhard, an der Schnittstelle von Justiz und Selbstjustiz, wünscht der Kommentatort sich vermehrt.