Geschichte – populär und unterbewertet?

 Von Silvia Flubacher

Geschichte boomt. Fernsehsendungen, Computerspiele, Feuilletonartikel und Jubiläen zeugen vom florierenden Interesse an der Geschichte. Und doch: Wenn es um die Finanzierung geschichtswissenschaftlicher Forschungsprojekte geht, wird die Geschichtswissenschaft – insbesondere der weiter zurückliegenden Epochen – oft als „nutzlos“ wahrgenommen. Investitionen in die Geschichtswissenschaft – so kann man in Zeitungskommentaren lesen und in Fernsehdebatten hören – seien verlorenes Geld. Zwar werden die Historiker und Historikerinnen durchaus wahrgenommen, dabei jedoch nicht immer ernst genommen. Während die Aufarbeitung kriegerischer Auseinandersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert noch halbwegs sinnvoll erscheint, so fällt es vor allem Mittelalter- und Frühneuzeitforschern zuweilen etwas schwer, ihre Arbeit vor dem Fiskus zu legitimieren. Da helfen auch die zahlreich ausgestrahlten Sendungen über grausame Hexenverfolgungen, bahnbrechende Entdeckungsfahrten und nachgestellte Schlachtszenen nicht.

Ich erinnere mich noch an eine Folge der „Wissenschaftssendung“ Galileo Mystery, welche die in unseren Köpfen herumschwirrenden Hexenmythen – beispielsweise, dass Hexen hässlich und bucklig seien – zu dekonstruieren suchte. Für eine breitere Öffentlichkeit schien dieses Thema offenbar interessant. Wenn dabei jedoch von mittelalterlichen Hexenverbrennungen die Rede war, dann blieb die Sendung leider wieder im Bereich des Mythos stecken. Vermutlich könnte ich, wenn ich diese Sendung verfolgen würde, noch zahlreiche weitere Beispiele anführen. Dass solche Sendungen stark vereinfachend sein müssen und wissenschaftlich oft nur ungenügend recherchiert werden, ist zumindest unter Historikern und Historikerinnen kein Geheimnis. Es fragt sich jedoch, was für ein Bild von der Geschichtswissenschaft damit der Öffentlichkeit gezeigt wird. Liegt die Diskrepanz zwischen zunehmender Geschichtspopularisierung und zugleich abnehmender Anerkennung ihrer Erforschung vielleicht in diesem Bild der Geschichte begründet?

Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde und darauf meist zögerlich antworte, dass ich Historikerin bin, wird mir meist nachdrücklich versichert, dass Geschichte wirklich höchst interessant sei. Sogleich wird mir dann das ganze, in der Schule erlernte Wissen über Hitler und dem zweiten Weltkrieg entgegengeworfen. Die Fragen, die mir anschliessend gestellt werden, kennen ihre Antworten bereits. So wurde ich beispielsweise, nachdem ich mein Forschungsgebiet genügend weitläufig auf den Bereich der „frühneuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte“ eingeschränkt hatte, gefragt, wie der erste Anatom, der Menschen sezierte, denn nun schon wieder heisse? Meine Arbeit war es dann als gute Historikerin, die Antwort zu wissen, oder als schlechte Historikerin, die Antwort in den Büchern nachzuschlagen. Geschichtsforschung besteht, so vermutlich eine weit verbreitete und wohl auch nicht unbedingt vollkommen falsche Meinung, im Aufspüren und Zusammenfassen desjenigen, was bereits geschrieben steht. Geschichte ist Allgemeinwissen; kennt jeder, kann jeder. Dabei frage ich mich manchmal, mit welchen Fragen eigentlich ein Physiker am Familienfest konfrontiert wird? Gerne gestehe ich, dass ich über die aktuelle Forschung in der Physik vermutlich absolut gar nichts weiss. Und mit diesem Geständnis bin ich sicher nicht die Einzige. Physik, so die öffentliche Wahrnehmung (und wissenschaftliche Realität), ist hoch komplex und für den Laien nicht mehr nachvollziehbar. Physik ist eine Dunkelkammer, aus der zeitweise zwar vereinzelte Lichtstrahlen hervortreten, für deren Beschreibung und Erklärung es jedoch zwingend einen Physiker braucht. Zwar werden auch physikalische Fragen in Fernsehsendungen thematisiert, allerdings würde kaum jemand ernsthaft behaupten, nach der Sendung die aktuellen Erkenntnisse der Physik wirklich verstanden zu haben.

Liegt das Problem der Geschichtswissenschaft somit vielleicht gar nicht so sehr darin, dass man zu wenig von ihr weiss, als vielmehr darin, dass man zu viel zu wissen glaubt? Müssten wir Geschichte nicht eher als Dunkelkammer statt als offenes Buch präsentieren? Ist Geschichte ein Mythos, den es aufzudecken gilt, oder ein offenes Wesen, das der Öffentlichkeit nur in Einzelteile zerlegt dargelegt werden sollte? Zweifellos ist es richtig, dass sich Historikerinnen und Historiker um Sichtbarmachung ihrer Forschung bemühen. Doch vielleicht müssten wir auch darüber diskutieren, in welcher Form ein Gegendiskurs zum allgemeinen Handbuchwissen etabliert werden könnte. Anstatt die historischen Rätsel aufzulösen und die Geschichte dem vermeintlich „tumben Volk“ in leicht verdaulichen Portionen zuzuwerfen, könnte man Rätsel schaffen und die Herausforderungen der Geschichte, ihre Knochen und Nervenstränge, auch mal unverdaut wiedergeben. Vielleicht geht es in der Öffentlichkeitsarbeit der Historiker und Historikerinnen weniger darum, „das Mittelalter“ oder „die Frühe Neuzeit“ einem breiten Publikum näher zu bringen, als darum, über differenzierte Auseinandersetzungen mit Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft Abstand zu gewinnen. Aus dieser Entfernung würde Geschichte womöglich nicht mehr lediglich als Bestätigung oder allenfalls auch als Ausweitung des eigenen Schulwissens wahrgenommen, sondern für eine breite Öffentlichkeit auch als Wissenschaft wieder interessant. Die zeitliche Distanz des Mittelalters und der Frühen Neuzeit zur Gegenwart könnte sich dabei noch als Vorteil erweisen.

3 Gedanken zu “Geschichte – populär und unterbewertet?

  1. Andrzej Sincow

    ausgezeichneter essay! halt schade, dass öffentlich sichtbare geschichtswissenschaft dann unweigerlich auf guido knopp und co. reduziert wird. oder sonst halt auf irgendwelche glorifizierungen, wie gerade momentan im fall des osama bin laden films – history in the faking, gewissermassen!

  2. gsz

    Geschichte ist heute wichtiger denn je. allein die Frage des Gebrauchswerts der Geschichtsbilder: wer strickt aus welchen Fakten welches Geschichtsbild und warum? — spannender Text.

  3. Mirco Melone

    Wirklich toller Beitrag!

    V.a. die Passagen zu: Was ist eigentlich dein Beruf? Und die anschliessenden Schulbuchwissensfetzen, die einem entgegen geworfen werden… kenne ich leider nur zu gut…

    Ich habe mich aber gefragt, ob der Vergleich mit der Physik wirklich standhält. Analog dazu die Geschichte öffentlich als ‚Dunkelkammer‘ darzustellen würde zwar vielleicht die Disziplin wieder als komplexe Wissenschaft in den Fokus rücken. Im Gegensatz zur Physik ist Geschichte aber ein Themenfeld, dessen gesellschaftliche Verankerung und ‚Relevanz‘ wohl eher darin besteht, Themen aufzuarbeiten, aufzubereiten und auch zu vermitteln.

    Während komplexe Physik grundlegend für Elektrotechnologie, Ingenieurswesen und dergleichen ist (auch ich bin hier Laie), hat die Geschichte nicht in diesem Ausmass eine Anbindung an Industrien, die mit Forschungsergebnissen Produkte generieren und Kasse machen. Physik muss ich nicht verstehen, ihren Nutzen habe ich täglich in den Händen, wenn ich mein iPhone aus der Tasche nehme (oder so ähnlich…).

    Resultate der geschichtswissenschaftlichen Forschung ‚verwertbar‘ zu machen – ob das dann sinnvoll bzw. Zweck der Forschung sein soll, darüber lässt sich wohl streiten – würde dann doch eher Richtung ‚Vereinfachung‘ gehen, da die potenziellen Interessenten davon eher kein Expertengrüppchen sind, die damit dann einen weitergehenden ökonomischen Nutzen generieren. Wo liegt also der Sinn von Geschichte und Geschichtswissenschaft (Lässt sich wohl nicht abschliessend beantworten)? Für wen ‚machen‘ wir Geschichtsforschung?

    Die Frage die sich mir hier aufdrängt wäre dann: kommt Geschichte ohne Laienpublikum (die ‚Nutzer‘ von Geschichte) als rein wissenschaftliche Disziplin aus und kann trotzdem Forschungsgelder generieren? Wie wären diese Gelder zu legitimieren, wenn keine Vermittlungsleistung oder eben ein daraus folgende industrieller Gewinn (technische Produkte, Software, Verkehrstechnologie etc.) geltend gemacht werden kann? …

    Public History/Geschichte und Geschichtswissenschaft so zu vereinen, dass allen Rechnung getragen wird.. irgendwie ein paradoxer Kunstgriff, bleibt also was zu tun


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