DWVEBDMSBHBEBDS #7

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Die Causa Matteo Bibus noch einmal. Leolucas Vorstrafenregister.

Hans Bissegger geht, alles Hin und Her zum Trotz, noch immer die Causa Matteo Bibus, Mathematiklehrer, durch den Kopf. Er schielt verzagt auf den eigentlichen Grund für die Auseinandersetzung. Er hat noch gar nicht grossartig die Zeit gehabt, sich mit dem Verweis auseinanderzusetzen, den ihm seine Frau, Bin Bim Bissegger-Xi, vor nun bereits einer Weile in die Hand gedrückt hat. Auch weiss Hans Bissegger – bis auf die ans Deliktische grenzende Höhe der fälligen Gebühren! – nichts über Leolucas aktuelle Schule, nichts über die dort veranschlagten Toleranzschwellen. Keinen Schimmer hat er, wie schnell es dort zu einem Rauswurf kommt, und noch viel weniger hat er einen Begriff davon, wie es von Leolucas Höchstnote zur Schlechtestnote gekommen sein soll, geschweige denn, ob solche Massnahmen an Leolucas aktueller Schule Gang und Gäbe sind oder letzter Strohhalm von verzweifeltem Lehrpersonal, das sich an seinem feinen Herrn Sohnemann die Zähne ausbeisst; verständlich ist vieles, wo nichts verstanden ist. Wenig weiss Hans Bissegger, und wenig mehr nur hat er in Erfahrung bringen können, seitdem er seinen Sohn zur Rede stellte. Gut möglich, dass ihm eine gewisse Fertigkeit im Leichenpräparieren, ein Grundgeschick in der Kunst, den Leuten das Innerste aus der Nase zu ziehen, zupass gekommen wäre. Auch nicht auszuschliessen ist, dass ihm ein ein wenig solideres Vater-Sohn-Gespür eine Hilfestellung hätte sein können. So aber, wie die Dinge lagen zwischen Hans und Leoluca Bissegger, wird es ihm alles, je länger die Auseinandersetzung dauert, desto ausdrücklicher, so, dass er nur noch ein lebendiges Rätsel sehen kann in ihm, eine schnaufende Leerstelle, und es scheint Hans Bissegger einmal mehr, als gebe es nur eine einzige Gewissheit zwischen ihm und seinem Sohn, nämlich, dass Bin Bim und er, als sie sich nicht entscheiden konnten zwischen den Namen Leo und Luca, sich auf den goldenen Mittelweg einigten. Dazwischen gähnen Leeren zwischen den beiden, Abgründe, kaum zu überbrücken, denn wo der Sohn sich stromlinienförmig macht, würde der Vater aufmucken und umgekehrt.

Die Causa Matteo Bibus ist das schlechteste Beispiel nicht. So hat der Vater es noch nie ganz begriffen, geschweige denn verwunden, dass der Sohn sich damals nach der Sache mit den Fotos von dem Mathematik-Lehrer, einfach so mir nichts, dir nichts von der Schule spedieren liess, ohne Gegenwehr. Der Schutz seiner erschlichenen Mathematik-Bestnoten kann ja wohl kaum dahinter gestanden haben, einerlei, wie laut und wie lange Leoluca dies behauptete. Einen Lehrer mit solchen Fotos zu erpressen, gut, dahingehend kann argumentiert sein, ist nicht die feine Art, aber genauso wenig gab es der Schulleitung das Recht, so mit seinem Sohn umzuspringen, ihn einfach so auszuschliessen von der Schule, und dass, wo er doch nur auf das kurlige und extrem mit der öffentlich einsehbaren Oberfläche des Mathematiklehrers und Volks-Pädagogen-Partei-Granden Matteo Bibus sich beissende nächtliche Doppelleben aufmerksam gemacht hatte. Schliesslich hatte Matteo Bibus täglich Zugang zu Jugendlichen, Himmelarsch, sollte Leoluca da nicht besser mehr auf den Putz gehauen haben, bis dass des Lehrers Kopf anstatt sein eigener, rollte? Was ist von einer Schulleitung zu halten, die einen Schüler in eine Lage bringt, wo er nur noch durch die Nennung seiner «Komplizen» vor dem Rauswurf gerettet werden kann?

Immerhin muss man es Leoluca hoch anrechnen, dass er seine Klassenkameraden deckte. Es baut Hans Bissegger auf, eine solche Regung in Leoluca zu wissen, denn diese Deckung der Kumpane gründet nicht einfach nur, wie Bin Bim und er es ihm am Anfang unterstellten, auf der Amnesie, die mit einer Alkoholvergiftung einhergeht: Leoluca war es ein Bedürfnis, die anderen zu decken, nicht noch mehr Unheil anzurichten. Warum Leoluca im gleichen Atemzug aber auch den eigentlichen Schuldigen, den offensichtlich in seiner Stellung denkbar fehlplatzierten Bibus, deckte, wollte und will Hans, kurz und gut, nicht in den Kopf.

Genauso wenig ging es ihm in den Kopf, warum in Dreiteufelsnamen der Sohn schon wieder, erst Monate zuvor einer neuen Schule unterstellt, einen solchen Ärger sich eingehandelt haben konnte, wie er mit der Runterstufung seiner Note wie auch mit dem damit einhergehenden Verweis, gleich doppelt zum Ausdruck kam. Ein klein wenig mehr Gespür für Zwischentöne im Austausch mit Autoritätspersonen hätte Hans Bissegger dem Sohn nach all den gemeinsam durchgemachten Querelen zugetraut. Nicht, dass jetzt gleich davon auszugehen sei, dass sich ein Sperrkopf von Leolucas Hutgrösse aus eigenen Stücken, aktiv, daran gemacht haben sollte, diese Querelen zur Kenntnis zu nehmen, sie zu lesen und zu deuten und die sich aufdrängenden Konsequenzen in Bezug auf Mundwerk und Verhalten, zu ziehen. Die Herstellung der rudimentärsten Ableitungen zwischen seinem Gebaren und seiner mäandrierenden – um nicht die Floskel zu bemühen: stagnierenden – schulischen Karriere, hätte er aber wider Erwarten eben doch von ihm erwartet, von ihm, seinem Sohnemann, andernfalls seine nun in ihm Einzug haltende Enttäuschung nicht zu begründen wäre: sonst hätte sich Hans Bissegger ja bloss zu sagen brauchen, was solls, es ist sein eigener Sohn, und das Einzige, was er gesichert von ihm weiss, ist, er heisst Leo und Luca und ähnelt der Mutter und dem Vater zum Glück auch.

«Ich versteh’ dich einfach nicht!», sagt Hans Bissegger nach einer geräumigen, einsam durchdachten Sekunde zu seinem Sohn. Das Glaskinn Leoluca legt über diesen Rüffel den Mantel nicht sosehr des Schweigens, als vielmehr, verhüllender, so, wie er es auf Twitter gelernt hat: des Plapperns. Da geht es vom Hundertsten ins Tausendste, ins Hunderttausendste weiter geht es, weiter, weiter, Ablenkungskulissen werden hin- und hergeschoben, da wird Hans Bisseggers Krawatte ins Verhältnis gesetzt zu seiner väterlichen Tauglichkeit, höhnisch hackt es auf ihn ein, dieweil die Stimme des Sohnes kippt, vom Gläsernen und Klirrenden zum immer wie Poltenderen, Stampfenderen, Tobenderen, wohl nur noch medikamentös zu Sedierenden, da werden dem Vater unterlassene Geschenke vorgerechnet, gekürzte Taschengelder werden ihm vorgeworfen, angemahnte Ausflüge in Erinnerung gerufen, verpasste Vater-Sohn-Ereignisse ausgemalt, ein schlechtes Gewissen wird Hans Bissegger gemacht anhand von Lässlichkeiten, und der Sohn, stets leichter zu entflammen als zu löschen, teilt aus und teilt aus und teilt aus, er teilt aus, als ob er ein Schwergewicht wäre und sein Glaskinn ein längst überstandenes Gebrechen aus fernen Tagen, stetig steigt sein Wortverschleiss, er füllt Nebelpetarden mit Wörterschwall und lässt sie detonieren, Leoluca, der Galgenhumorist, der immer erst dann auf Touren kommt, wenn es ihm an den Kragen geht. Als ihm keine Einwände mehr einfallen, begleitet Leoluca sein Verstummen mit eindringlicher, raumgreifender Mimik, fuchtelt mit den Händen, als wolle er des Vaters Worte nicht nur von sich weisen, sondern sie ungesagt und mehr noch, unhörbar und undenkbar machen. Hans Bissegger weiss, es gibt Namen für diese Redebeiträge seines Sohnes, und er weiss, für nichts und wieder nichts fühlt er sich bei Leolucas Anblick nun auch wieder nicht an den schmollenden Giel Kim Jong Un mit seinem unlängst gegen Atomraketen eingetauschten Chäpselipischtöleli erinnert. Die Momente, die der Vater nun vorsichtshalber schweigt, und die dergestalt durchschwiegen werden, deuten immerhin, aus Hans Bisseggers Sicht, darauf hin, dass da einer tatsächlich nach beruhigenden, weniger kriegerischen Erwiderungen auf eine nüchterne Feststellung fahndet. Ehe dies Leoluca gelungen ist, nutzt Hans Bissegger die Gunst der Stunde und wird enzyklopädisch, konfrontiert den Rotzlöffel mit seinem Vorstrafenregister (worauf er ja ursprünglich hinauswollte):

  • Körperverletzung in den Schillerfestwochen
  • Kiffen im Leistungskurs Gesundheit
  • Spicken bei Abschlussprüfungen
  • Aufwieglertum in Turnstunden
  • Vollsüffe, Kotzanfälle im Museum …
  • … die abgefackelte Schulküche …
  • … und schliesslich die Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey

Regungslos lässt Leoluca Bissegger es über sich ergehen, er hat zu viele gangsta filma gesehen, denn es fehlt ja, nebst seinem Gesichtsausdruck, den wandschrankgleich vor der Brust verschränkten Armen, der rausgestülpten Lippe und der Art und Weise, wie er den Kopf in den Nacken wirft, eigentlich nur noch ein um den Kopf geschlungenes Bandana, eine Handschelle und ein wummernder Ghettoblaster, und schon wäre sie perfekt, die Kongruenz zwischen Leolucas Innensicht und Erscheinung. Hans Bissegger, verzagt, muss angesichts der Aktenlage schon froh sein, dass Leoluca, der Wirrkopf, es nicht wortwörtlich nimmt mit seinen Hollywood-Rap-Schmonzetten, dass er sich noch nichts wirklich Gravierendes hat zuschulden kommen lassen, keine Penner zu Tode geprügelt hat zum Beispiel im Rauschsuff im Klassenlager in München. Die Herabstufung einer Aufsatzbewertung von 6 auf 1 gehört sicher nicht zu den finstersten Abschnitten von Leolucas Dossier. Vielleicht hat jemand zu viel Kaffee getrunken oder Schnaps beim Aufsatzkorrigieren, und so kam es zu einer Verwechslung von Aufsätzen, und es setzte eine 6, wo eine 1 hätte stehen sollen. Oder so ein bestallter und beamteter Jubelperser hat seinen ersten Eindruck überschlafen und ist zum ohnehin in ihm schlummernden Prügelperser zurückgekehrt, die für Leoluca gehisste Flagge flugs umfunktionierend zur pädagogistischen ultima ratio. Für eine solche Herabstufung der Note gibt es Dutzende Erklärungen, vom schlechten Tag über die Beziehungskrise bis hin zu Obstipation nach einem verregneten Urlaub in Amalfi, dank welcher sich die Scheisse bis über beide Ohren in einem stapelt. Für den Verweis und angedrohten Schulrauswurf hingegen gibt es nur eine einzige Erklärung: und die steht ihm rudernd und helikopternd gegenüber und variiert das Thema «Das war ich nicht, die Welt ist gegen mich!» – Hans Bissegger durchschaut das Spiel; dennoch muss er darauf eingehen, den Sohn konfrontieren, um die Misere ganz zu begreifen, endlich die richtigen Folgerungen zu ziehen und zu handeln, wie zu handeln ist.

«… das ist jetzt aber alles schon ein bisschen viel, was, dein Vorstrafenregister, Leoluca, um immer die anderen dafür verantwortlich zu machen, findest du nicht? Alleine dein Streich bei der Aufführung von Schillers ‚Tell’ …»

Da fährt es mit Wucht in den zuvor apathischen Sohn, und er lehnt nicht mehr länger wie ein Brett oder Balken an der Wand, lässig, mit kaum nur den Schulterblättern, die die Wand berührten. Er baut sich vor dem Vater auf; stemmt die Arme in die Hüfte, lehnt sich vor:

«Du weisst ganz genau, Paps, verdammter Nudelkopf», brüllt Leoluca, «dass ich damals nichts zu tun hatte damit. Was kann ich dafür, wenn sich die Scheisssehne von der Scheissarmbrust löste! Erst recht nichts damit habe ich zu tun, dass ein scharfer Bolzen statt der Plastikpfeil, auf der Armbrust lag! Schau mich gefälligst nicht so an; ich habe die Plombierung der Scheissarmbrust jedenfalls nicht manipuliert, hörst du, was kann ich für das Loch im Kopf von Wälti! Obendrein war ich der erste, der bei den Proben auf die Gefahr hinwies, eine echte Armbrust zu verwenden! Man kann mir ja viel nachsagen, ich bringe guten Stoff nicht nur zum Anschauen in die Gesundheitswochen, ausserdem bin ich nicht der Letzte, der den anderen zu Hilfe eilt, wenn es darum geht, den Turnlehrer im Geräteraum einzuschliessen und den Rest des Tages blau zu machen, auch gebe ich zu, dass ich im Kunsthaus auf einen Picasso gekotzt hab’ – aber muss man das alles so aufbauschen? Skandalisier’ doch nicht immer jeden kleinen Scheiss, Paps: Wir waren Käsefondue essen, der Féchy war eine Katastrophe und der Schnaps konnte die Wogen auch nicht glätten. So Furz wie Flatulenz. Das wars. Mehr war da nicht. Hörst du, Paps! Musst du wirklich so viel mehr da hineinlesen? Ich kotze doch nicht aus freien Stücken Bilder an, das war kein kunsthistorisches Statement, Paps, es war Not am Mann. Auf halbem Weg zum WC ist es aus mir herausgebrochen! Statt den Picasso hätte es grade so gut einen Radiator treffen können! Die Szenen in München, OK, da war ich zu passiv, da hätte ich wohl dazwischen gehen können – intervenieren hätte ich sicher müssen. Aber glaubst du etwa allen Ernstes, Paps, ich wollte einen solchen Muni von Hohlkopf wie den Meiermeierueli stoppen, dessen Vater mit einer vollautomatischen mobilen Besamungsanlage für Zuchtkühe reich geworden ist, und dessen Mutter ihn im Rahmen eines Hosenlupfs ins Sägemehl mehr plumpsen liess als warf? Ich soll dazwischen gehen in einer solchen Szene, wenn so ein gefährlicher Schläger wie der Meiermeierueli, den ich, Schulwechsel sei Dank, erst ein paar Monate kenne, und bei dem ich schon froh sein muss, wenn er nicht mich, sondern irgendwen traktiert, auf irgendeinen einen am Boden Liegenden einkickt, nur mich nicht! Selbst du wirst dich überdies erinnern, Paps, schliesslich hat der von dir und Bin bezahlte Anwalt grössten Wert auf diese Feststellung gelegt, dass man mir nichts nachweisen konnte, nie (bis auf mangelnde Zivilcourage) – nie konnte man mir etwas nachweisen – über mich urteilten Gewohnheit und Koffeinentzug – Nachlässigkeit – das hat alles nichts mit mir zu tun – weder die Prügelei noch die brennende Schulküche! Du musst dich schon an die Fakten halten, Paps, an die Sprachregelungen und Narrative, die zu meiner Verteidigung ersonnen wurden, du drückst ja schliesslich auch genug Kohle ab dafür, hörst du, Paps, und: schau mich gefälligst nicht immer so schief von der Seite an, als wäre ich ein Monster! Fuck! Und jetzt spar’ dir den Schnauf und komm’ mir nicht schon wieder mit Lalaudey! Ich kann’s nicht mehr hören!»

Stempel2

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