DWVEBDMSBHBEBDS #8

Von Gregor Szyndler

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Ein Beleidigungswettbewerb als Substitut eines Vater-Sohn-Verhältnisses.

Tatsächlich hat Hans Bissegger einen Augenblick lang oder zwei innerlich den Gedanken angespielt, dem elenden Tyrannen von einem Leo und Luca die Sache mit dem Rhachitiker Lalaudey abermals um die Ohren zu hauen. Einen nur ganz kurzen Augenblick hinweg tat er dies, bevor er sich eines Besseren besann.

«Immer nur schön grosskopfet rumbrüllen und durch die Nase schnaufen, du Lautsprecher von einem Hyperventilator!»

Hans Bisseggers Kniff ist ebenso gewagt wie gefuchst. Den Vater-Sohn-Austausch auf diese sportive Ebene zu hieven, ist, trotz aller damit verbundenen Gefahren, die mit dem unterliegenden Wettkampfcharakter einhergehen, der richtige Gedanke zur richtigen Zeit. Hat er denn etwa nicht im Wechselspiel von serieller Beleidigung und wie aus der Pistole geschossener Gegenbeleidigung mitunter auch schon ganz schöne Vater-Sohn-Austäusche sich erschlichen, vielleicht die ehrlichsten, ganz bestimmt aber die längsten, zusammenhängendsten Vater-Sohn-Austäusche, nach Dekaden des Schweigens, nach Dekaden des mit einer Kreditkarte-Gleichgesetzt-Werdens? Ein Hin und Her von Beleidigungen und Herabsetzungen, ja, doch stets rhetorisch ziseliert und auf gewagte Weise gekonnt, einen Restposten Anstand und Zivilisiertheit zum Ausdruck und zur Blüte bringend, eine durch Ausdrücke wie «Alter Affe» und «Stinkender Molch» mehr sich artikulierende denn verneinende Intensität des Vater-Sohn-Verhältnisses. Oft sind Hans und Leoluca sich schon nach solchen Wettkämpfen, schnaufend, keinem von den beiden fiel mehr eine neue Beleidigung ein, lachend in den Armen gelegen.

Vielleicht hofft Hans Bissegger, unvorsichtig nach unsäglicher Nacht, auch jetzt auf einen Agon der oben skizzierten Sorte, um es, nach ein, zwei Schüssen auf den Mann und Tritten ins Weiche, auf sich beruhen lassen zu können, gut es sein zu lassen, es sein zu lassen und endlich! endlich! die Bagatelle mit dem abverreckten Aufsatz, mit dem angedrohten Rauswurf Leolucas aus der Schreibschule, zu klären, hier und jetzt, unter Männern, wenn auch noch deutlich vor dem ersten Kaffee des Tages und entsprechend lethargisch.

Fatale Lethargie!

Dabei hätte schon ein ganz kurzer, flüchtiger Blick auf Leoluca es Hans Bissegger deutlich gemacht, dass der Sohnemann anderes im Sinn hat: Mit «Hyperventilator» und «Lautsprecher» wähnt er sich dermassen gut nach dem Leben getroffen, dass er den frühmorgendlichen Austausch, sukzessive und schlagartig zugleich, auf sein Kerngebiet, auf das im weitesten Sinne nach dem wahren Leben Greifende – auf das Schriftstellerische! – abdriften fühlt: auf sein, Leolucas, angestammtes Territorium.

Leoluca explodiert nicht, nicht einmal das.

Seelenruhig bleibt er, abgeklärt, Arme verriegelt vor der Brust, kein Wippen, kein Zuhauen, kein Zurückhauen, kein Sichaufschaukelnlassen, wie es für ihre Agone sonst so typisch war. Als hätte der Vater, nicht er selbst, die Grenzen überschritten, schaut er ihn an und missachtet die innersten, ungeschriebenen Regeln, den Kern in einem gewissen Sinn, ihres Vater-Sohn-Seins. Alles lässt er weg, Leoluca, seine gewohnten Reflexe unterdrückt er, sein in solchen Lagen obligatorisches Zischen, Brüllen, Keifen, Kläffen, Toben, Zetern, Stampfen. Die Lippe geschürzt, die Schultern ganz leicht an die Wand gelehnt, steht er schon wieder, schlimmer gangsta bis auf das fehlende Bandana, da, ein Pflock oder Holzbrett oder was auch immer, an die Wand gelehnt, vor seinem Vater.

Der fordert ihn noch einige Male zum Tanz.

«Du hobbyloser Sextourist von einem überarbeiteten Fettsack!», erwidert Leoluca endlich, nach einer geräumigen, gedanklich in Hans Bissegger widerhallenden Weile. Hans Bissegger klappt der Kiefer auf den Brustkasten, ihm schwindelt es, er taumelt unter diesem Schlag, sein Blut gefriert in den Adern. Kinnhaken versetzen will er dieser missratenen Brut, er sieht sich auf ihn einprügeln, ihn in den Schwitzkasten nehmen und ihm die gammeligen Dreadlocks ausreissen, den Kopf ihm auf die Fliesen donnern, ihn ins Bad schleifen und waterboarden, bis er sich entschuldigt, endlich einmal entschuldigt, ein einziges Mal nur sagt, es tue ihm dieses leid oder jenes.

Nichts geschieht von Leolucas Seite, und nichts sieht man Hans Bissegger tun.

Nicht einmal seine Hand rutscht aus. Stattdessen drängt, inwendig noch, doch wohl nicht mehr lange, Wasser gegen seine Augendrüsen, verräterisches Glitzern und Schillern.

Leoluca hat die Oberhand behalten; er schweigt; geniesst seinen Triumph.

Hans Bissegger, dem keine erzieherisch zielgerichtete Erwiderung auf diese Demütigung einfallen will, nimmt den Fehdehandschuh an sich und verrennt sich in einer harmlosen Serie von Beleidigungen, «Samstagabendtwitterer» nennt er den Sohn und «Pornoyoutubeanalkanalbetreiber», lauter solche Dinge, zutiefst deskriptive Spitzen, die wohl dem Dammbruch in Hans Bisseggers Gallertkörpern zuvorkommen, keineswegs aber den Filius auch nur im Ansatz aus seiner selbstzufriedenen Ruhe bringen.

«Sag‘ doch einfach mal, worum es geht, du Arsch», erwidert Leoluca nach einer missglückten Kanonade weiterer väterlicher Beleidigungen. Hans Bissegger, vergleichsweise gut weggekommen mit dieser neuerlichen Reduktion auf sein hinteres Gesicht, erinnert sich an zahllose Beleidigungswettkämpfe, die mit ähnlich deutlichen Niederlagen seinerseits endeten (damals war Leoluca durch Hans Bisseggers ungleich sportivere Stimmung aber auch deutlich mehr gefordert), und die bis zu so fatalen Beschimpfungen geführt hatten, wie:

«Du abverreckte Missgeburt!»

«Du Scheissalkoholiker!»

«Du kannst mich nicht enterben, ich kenne meine Rechte!»

Zernichtende Worte und Worte doch auch, die sein Innerstes nicht rührten, die keine Tränen zur Folge hatten, nicht so wie jetzt, da der Sohn bei diesen Beschimpfungen damals nicht, wie eben nun, in statuenhafter Reglosigkeit verharrte und seine Worte nicht mit Bedacht und Kälte, sondern geifernd, auf den Wogen eines beiderseits äusserst engagiert und zusehends rücksichtslos geführten Streits, äusserte.

«Was willst du denn jetzt wirklich von mir?», fragt Leoluca noch einmal, gesitteter mit einem Schlag, ein bisschen wenigstens, denn der Vater kann das Wasser nicht mehr halten.

Stempel2

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