Verfinstertes Herz

Ulrich Köhlers Reise ins Herz der Finsternis der europäischen Seele wurde an der Berlinale völlig zu Recht mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

Der Arzt Ebbo (Pierre Bokma), seine Frau Vera (Jenny Schily) und Tochter Helen wollen zusammen von Kamerun nach Deutschland zurückkehren. Helen (Maria Elise Miller) besucht dort nämlich bereits ein Internat. Während Vera und Helen, welche zu Besuch kommt, danach nach Deutschland zurückfliegen, bleibt  Ebbo vorübergehend noch in Kamerun. Drei Jahre später ist er aber immer noch in dort. Der französische Arzt Alex Nzila (Jean-Christophe Folly) soll für die WHO Ebbos Wirken als Arzt überprüfen. Sind die grosszügigen Gelder noch gerechtfertigt?

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Vielleicht ist der Arzt Ebbo eine Metapher für die immer noch ausstehende Entkolonialisierung Afrikas (Bild: zVg).

Ulrich Köhler legt mit Schlafkrankheit zweifellos ein starkes Werk vor, das nicht zuletzt die Tiefen der europäischen Seele auslotet. Was hat Ebbo dazu veranlasst, in Kamerun zu bleiben? Ist es das Kurtz-Syndrom aus Joseph Conrads «Heart of Darkness»? Oft wird die Schuld an der Misere ja auf afrikanische Eliten zurückgeführt, aber ohne die Unterstützung durch weisse Helfer liesse sich der Stillstand kaum aufrechterhalten.

Der Franzose Alex Nzila wiederum ist ebenso ein Fremder in Afrika wie Ebbo. Eigentlich ist er Europäer, doch weder Afrikaner noch Europäer sehen ihn als Europäer. Weshalb schicken die uns einen Kongolesen, fragt ein Kameruner. Doch Nzila sieht sich keineswegs als Kongolesen, während Ebbo von sich behauptet, er würde an einheimische Mythologien glauben. Du bist ja afrikanischer als ich, erwidert ein Kameruner darauf. Auch bei Joseph Conrad (und Coppola in der Conrad-Verfilmung «Apocalypse Now») ist natürlich immer die Frage, von wessen Herz der Finsternis denn nun die Rede ist. Ist es die Finsternis im Herz der Europäer, oder die des afrikanischen (bzw. asiatischen) Kontinents? In Köhlers Film ist es eindeutig die Finsternis in Ebbos Herz. Wir erfahren zwar nicht, weshalb er in Afrika geblieben ist – ist es seine neue afrikanische Kindsmutter? Oder hat ihn der etwas zwielichtige Gaspard dazu überredet? Vielleicht ist Ebbo aber auch eine Metapher für die immer noch ausstehende Entkolonialisierung Afrikas. Am Schluss hören wir «Moments in Love» von Art of Noise. Erinnerungen an die 80er Jahre, Erinnerungen an eine Zeit, in der Ebbo vielleicht noch besser wusste, wo er hingehört, Erinnerungen zweifellos an seine Zeit mit Vera – ihr Name heisst auf Russisch Glaube, auf Lateinisch die Wahre. Ebbo hat wohl nicht nur Vera, sondern wirklich auch seinen Glauben verloren. Denn: anfangs versucht er wirklich noch, etwas zu verändern. Im zweiten Teil des Films ist davon aber keine Rede mehr. Die Schlafkrankheit hat Ebbo erfasst, und so dämmert er vor sich hin.

 

«Schlafkrankheit».  Deutschland/Frankreich/Niederlande 2011. Regie: Ulrich Köhler. Mit Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Maria Elise Miller, Sava Lolov, Isacar Yinkou u.a. Basler Premiere: 18.4.2013 im Stadtkino Basel.


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