Die Big Shots im System
Costa-Gavras seziert mit seiner neuen Literaturverfilmung ein weiteres Mal den Kapitalismus.
Marc Tourneuil (Gad Elmaleh) wurde zum CEO der Phénix-Bank ernannt. Der ehemalige Chef Marmande (Daniel Mesguich) will aber eigentlich einen nützlichen Idioten, der schnell wieder entsorgt werden kann. Tourneuil ist aber nicht dumm und engagiert einen Schnüffler; einen ehemaligen Bullen. Dieser versorgt ihn mit aktuellen Informationen über Freund und Feind, über den Engländer (sic) Dittmar Rigule (Gabriel Byrne), der die Phénix-Bank in sein eigenes Unternehmen inkorporieren will, über das rätselhafte Model Nassim (Liya Kebede) und viele andere.
«Le capital» ist ein Film über den Kapitalismus, mehr noch aber ist es ein Film über Informationen. Es wirkt doch leicht anachronistisch, wenn Tourneuil ausgerechnet einen altmodischen Schnüffler engagiert. Vielleicht ist diese Figur aber nur eine Metapher. Seine Methoden sind allerdings wohl gänzlich in der Jetztzeit verhaftet. Auch ist das Model Nassim nur als Metapher verständlich: Marcs Interesse für sie ist völlig unverständlich, wirkt an den Haaren herbeigezogen – mehr sei hier aber nicht verraten. Verblüffend wirkt denn auch Marcs Beziehung zu seiner Gattin. Diese interessiert sich nicht sonderlich für Geld und Macht, gibt ihrem Mann aber einen wichtigen Tipp, mit dem er seine Macht festigen kann.
Costa-Gavras (bürgerlich Konstantínos oder Constantinos Gavrás) war schon immer ein politisch – vielleicht der politische Regisseur par excellence. Ob sein heimatliches Griechenland zur Zeit der Diktatur («Z»), lateinamerikanische oder US-amerikanische Obsessionen («Missing», «Mad City»), ob das Schicksal von Flüchtlingen («Eden à l’ouest») oder die düstere Zeit des Nationalsozialismus («Music Box» sowie seine Hochhuth-Verfilmung «Amen.») – Costa-Gavras ist ein Regisseur, vor dem kein brisantes Thema sicher ist. Schon in «Le couperet» hat er die Auswüchse des Kapitalismus bissig und satirisch seziert anhand eines Losers, der sich auf unkonventionelle Weise einen Job verschafft – in seinem neuen Film zeigt er nun die Seite der big shots oder fat cats, die es im System wirklich zu etwas gebracht haben.
Costa-Gavras-Filme sind eigentlich immer sehenswert. Umso bedauerlicher ist es, dass es sein letzter Film («Eden à l’ouest») nicht in die Deutschschweizer Kinos geschafft hat. Wir empfehlen deshalb: «Le capital» auf der grossen Leinwand – und «Eden à l’ouest» im Heimkino nachholen!
«Le capital». Frankreich 2012. Regie: Costa-Gavras. Mit Gad Elmaleh, Gabriel Byrne, Natacha Régnier, Liya Kebede, Hippolyte Girardot, Daniel Mesguich u.a. Deutschschweizer Kinostart: 25.4.2013.

