DWVEBDMSBHBEBDS #12

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Motorsägen-Wartungsarbeiten. Einiges über den Hamster Agatho. Ein Frühschoppen der anderen Art.

Hans Bissegger lässt ein paar Sekunden verstreichen, bevor er in den Bastelraum geht. Dort holt er die Säge aus ihrem Versteck und nimmt sie auf den Arm. Er verfällt in tänzelnde Schritte, eins, zwei, drei, noch ein bisschen Öl, vier, fünf, sechs, abwischen, sieben, acht, neun, hin und her, hin und her, und dann nichts wie ab mit der Säge auf den Treppenabsatz. Nicht auszudenken, wenn er sie vergässe.

Ausgerechnet heute.

Hans Bissegger geht in die Küche, lässt sich einen Kaffee raus und schlingt ein Croissant herunter. Jetzt gilt es nur noch, Agatho zu füttern.

Agatho.

Von jeher schwingt Sympathie in ihm an, wenn er Agatho sieht. Einfach nur Rad laufen bis an den Punkt der Erschöpfung, dann raus aus dem Rad und schlafen, fressen, trinken, dem unteren Ende des Stoffwechsels frönen, und dann auch schon wieder ab, zurück ins Rad, geradeaus und doch im Kreis; im Kreis. Weit mehr als nur Hamster, dieser Hamster. Ein Geburtstagsgeschenk von Leoluca. Dauernd bekommt Hans Bissegger solche appellativen Geschenke, zu allen Gelegenheiten, von Familie und von Kollegen. Eva zum Beispiel hat ihm neulich einen in ein Hawaiihemd gewickelten Reiseführer, samt Flipflops, ultrakompakter Hängematte und Selbstbräuner geschenkt. Aber Leoluca hat dem Fass den Boden rausgehauen – eine solche Dumpfheit ohne Verhängnis, Bedenken, Nebensätze, Pläne: Verbringt drei Viertel des Tages im Rad. Ob Hamster das von sich aus so machen oder ob man sie darauf abrichten muss, hat Hans Bissegger noch nicht entscheiden können. Vielleicht hat Leoluca ja einen Hamsterflüsterer oder Tiercoach darauf angesetzt. Zuzutrauen wäre es ihm, Leoluca hat schliesslich ein Auge für Details; bloss, was will er damit sagen? Er sollte dem Jungen das Taschengeld kürzen. So etwas kostet ganz sicher ein Heidengeld. Bissegger nimmt sich mehr Strenge vor: Wer weiss, wozu der Junge das Benzingeld sonst noch braucht.

Ein natürliches Verhalten kann hier nicht zugrunde liegen; um nichts in der Welt würde ein normaler, gesunder Hamster mehr als drei Viertel seiner Existenz in einem Laufrad verbringen, da gehört selbst bei einem nur bohnengrossen Hirn gehörig Abrichtung und Manipulation dazu, das Werk eines Hamstertrainers eben, der das Viech dazu brachte, so vorwurfsvoll tagein, tagaus, seine Runden, die man kaum so nennen mag, zu drehen. Nur einmal schaffte Bissegger es, Agatho für längere Zeit aus dem Laufrad zu locken: Indem er ihm eine Hamstrerin in den Käfig stellte. Da schniegelte und striegelte sich Agatho und wuchs über sich hinaus, haute sich auf die faule Haut und sah der Hamstrerin beim Rund-und-runder-Werden zu. Nach Wochen wurde die Lage prekär, und sie kippte, als der Käfig von Fellknäueln überquoll. Der Versuch musste abgebrochen, denn bald schon lagen sie alle, die Hamstrerin nicht ausgenommen, in ihrem Blut. Seither läuft Agatho, abermals Single, Rad, als gälte es, etwas Schreckliches abzuwenden. Ein Getriebener ist das, kein Hamster: Dass es überhaupt so kleine Dämonen gibt, denen sein Fell genügt; die es erfüllen; es auffüllen.

Ohne Blutvergiessen gibt es nur eine Methode, Agatho für eine Weile aus dem Rad zu kriegen. Hans Bissegger schmunzelt, als er den Côtes du Ventoux entkorkt; Trüffeln schweben einher und Eichen. Noch bevor das Fläschchen aufgefüllt ist, bremst Agatho scharf ab und wendet den Kopf, die Nüstern geweitet, in Richtung der Kredenz. Dann rennt er, seiner Träge entflohen, hin, und er säuft den Rotwein rülpsend aus.

Stempel_KORR_Klein

 

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

 

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