DWVEBDMSBHBEBDS #17

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger macht einen Anruf. Hans Bissegger bekommt einen Anruf. Hans Bissegger will keinen weiteren Anruf. Hans Bissegger gewinnt 23 Millionen.

Die Zustände in seinem Wartezimmer kippen; die Wartenden lassen sich nicht mehr vertrösten. Hans Bisseggers Sekretärin, bar ihrer Langmut, belagert von einer Meute, die auf Armbanduhren klopft und Fäuste ballt, setzt ihm das Messer an die Kehle. Hans Bissegger fügt sich. Soll die Arbeit halt beginnen. Er bittet den ersten Patienten herein. Als Halsmann in der Türe steht und über sein triefendes, längliches und zugleich irgendwie ungemein klobiges Riechscheit jammert, trifft es Hans Bissegger wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er schickt Halsmann weg, er solle sich einen neuen Termin geben lassen, Terminkollision, Terminkollision, da könne man nichts tun: Halsmann, halb Platz nehmend, halb sitzend, kann es nicht fassen.

«Aber …», setzt er an.

«Verschwinden Sie, Halsmann! Raus!»

Halsmann poltert, wie  lange er in Dreiteufelsnamen auf diesen Termin gewartet habe, er könne ihn unmöglich wegschicken, es sei offensichtlich, dass Bissegger bloss rumsitze und Däumchen drehe. In seinen Kernkompetenzen angesprochen, wird Hans Bissegger laut.

«Däumchen drehen? Aber wie kommen Sie denn darauf?»

Mit einer ausladenden Geste verweist Halsmann auf die Spule Lötzinn, auf das Putzzeug neben dem Aquarium, die auf halbem Weg zwischen Pult und Schublade liegengebliebenen Zeitungen und Magazine, auf die Reiseprospekte und verstreuten Notizzettel, die Kaffeetassen, die kaputte Leuchtstoffröhre, die aus Hans Bisseggers Kittel lugt.

«Das sind nicht gerade die Requisiten zu einem Burnout, oder? Sie hocken hier doch nur herum, Bissegger, und lassen Ihre Kundschaft im Wartezimmer versauern!»

«Sehen Sie», schiesst Hans Bissegger dazwischen, «wie gut, dass Sie es von sich aus erwähnen. Hauen Sie ab, Halsmann, ab, Richtung Wartezimmer! Lassen Sie sich gefälligst einen neuen Termin geben!»

Halsmann trottet ab. Hans Bissegger schaut ihm hintendrein, froh um die elegante Lösung der vertrackten Lage, noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Er hört, an der Türe stehend, wie Halsmann auf die Menge der Umstehenden einredet, die sich zwischen Wartezimmer und Tresen zusammengefunden hat. Wenn er sich nicht verhört hat, erwähnt Halsmann Dinge wie launiger Schlendrian und Kurpfuscher. Solcherlei Spitzen bleiben Ernst Fröhlich nicht verborgen. Seine Stimme mischt sich in das Brouhaha, ein listiges Händereiben im Timbre. Hans Bissegger pfeift drauf, verriegelt die Türe zum Büro und setzt sich an den Computer. Auf den Seiten der Lotteriegesellschaft sucht er das Eingabefeld für die Glückszahlen. Endlich fündig geworden, tippt er die auf dem zugelaufenen Lottozettel angekreuzten Zahlen ein. Er hat das Eingabefenster für seine Koordinaten noch nicht einmal weg geklickt, als auch schon eine weitere Maske aufploppt: sie redet, wie er in der kleinen Sekunde zwischen Auftauchen und Beseitigung des Ärgernisses sieht, irgendetwas von «Gratulation», «Kein Scherz», «Nicht wegklicken» und «Gewonnen» – Hans Bissegger hofft; verflucht alsgleich seine Naivität, ein Adressfischfang nur ist es gewesen.

Das Telefon klingelt. Seine Vorzimmerdame meldet sich: sie erwähnt eine gewisse Lotteriezentrale. Hans Bissegger, von einem Zufall ausgehend, lässt sich verbinden. Es ist tatsächlich die Lotteriezentrale, oder was man darunter verstehen will, wenn sich ein paar Juxköpfe einen Spass machen, Leuten auf Arbeit anzurufen, sich als Lotteriegesellschaft auszugeben und zu salbadern davon, man habe den Jackpot geknackt.

«Wissen Sie eigentlich, was in meinem Wartezimmer los ist?», baunzt Hans Bissegger. «Verschwinden Sie aus meiner Leitung!»

Die Stimme reagiert zurückhaltend-einfühlsam, auch auf Hans Bisseggers Poltern, des Inhalts, es sei sechzehnter Juni und nicht erster April, was der Scheiss solle, er sei kein Spieler, Lotto schon gar nicht.

«Sie haben gewonnen», wiederholt die Stimme, «Jackpot, Herr Bissegger … 23 Millionen.» – Eine Pause tritt ein, dieweil Hans Bissegger sich fragt, warum er nicht den Hörer auf die Gabel schmettert: Warum sich diese versteckte Kamera, warum sich diesen Radioscherz auch nur eine Sekunde länger antun! «Hallo?», hakt die Stimme nach, «Herr Bissegger? Sind sie noch da? Am besten setzen Sie sich, so lässt es sich besser verkraften. 23 Millionen, eine 23 mit sechs Nullen, Gratulation, Herr Bissegger. Herr Bissegger? Ich rate Ihnen, was wir unseren Gewinnern immer raten: verhalten Sie sich unauffällig, tätigen Sie keine Investitionen, das lockt Schmarotzer an. Hallo? Herr Bissegger? Antworten Sie doch. Die Lottogesellschaft wird Sie beraten und begleiten. Vergessen Sie nicht, 23 Millionen, eine 23 mit sechs Nullen, Gratulation!»

Hans Bissegger legt auf. Vor den Kopf geschlagen fühlt er sich. Ihm schwindelt es. Er muss sich verhört haben, das wäre ja noch schöner, er, der Nichtspieler, den Jackpot geknackt? Illusion, Illusion, Telefonscherz, ignorieren, schliesslich hat er Besseres zu tun. Das Telefon klingelt.

Die Lotteriegesellschaft schon wieder.

«Jetzt gehen Sie schon aus der Leitung, Mensch, das ist nicht lustig. Ich bin doch nicht blöd. Adieu!» – Es meldet sich aber nicht – unwahrscheinlich genug! – die Lotteriegesellschaft, sondern eine salesperson, die auf Akquise ist im Auftrag einer Rabattgutscheinplattform.

«Guten Morgen, Herr Bissegger. Erinnern Sie sich?», fragt der Fernverkäufer, «… ich rufe an im Auftrag der Rabattguschein-Plattform www.giiznäpster.ch. Sie haben mich letzte Woche gebeten, in ein paar Tagen noch einmal anzurufen.»

In Hans Bissegger zieht sich etwas zusammen, eigenlebendig, pulsierend, so. Es ist ihm schleierhaft, wo dieses Gegenüber telefonisches directmarketing gelernt hat, dem muss es ins Gehirn georgelt haben. Hans Bissegger hat die salesperson beim letzten Anruf aus der Leitung geschmissen. Baff erstaunt es ihn, wie der Gauner sich seiner bemächtigt, nichts als sein sonores Organ in Anschlag bringend sowie einen stupenden Unwillen, sein «Nein» ein «Nein» sein zu lassen. Immerhin kommt Hans Bissegger der Anruf auch zupass, denn Ernst Fröhlich steckt gerade seinen Kopf ins Büro.

«Los! Weg mit ihnen!», fährt er ihn an: Fröhlich tippt kopfschüttelnd auf seine Uhr. «Weg mit ihnen, gopfeidoria, sehen Sie nicht, dass ich in einer Besprechung bin!»

Ernst Fröhlich öffnet und schliesst sein Maul, öffnet und schliesst sein Maul immer wieder, immer wieder, und auch seine Stimmbänder kommen Mal ums Mal zum Zug:

«Was haben sie bloss mit Halsmann getan, Bissegger? Wissen Sie eigentlich, was uns ein solcher Wartezimmeraufstand kostet!»

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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