Ödipus herrscht – Călin Peter Netzers «Child’s Pose»
Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer überzeugt mit einem starken Familiendrama, in dem die Mutter die Hauptrolle spielt, Sohn und Vater aber nur als Statisten fungieren dürfen.
Cornelia (Luminița Gheorghiu) ist eine Dame von Welt. Nicht mehr ganz jung, tanzt sie aber trotzdem noch begeistert zur Musik von Gianna Nannini und geht in die Oper. Wo aber ist ihr Ehemann? Er bleibt nur Statist. Cornelia is running the show! Aber nicht nur ihr Mann spielt die zweite Geige, auch das Leben ihres geliebten Sohnes Barbu (Bogdan Dumitrache) will Cornelia orchestrieren. Dieser hat soeben ein Kind überfahren, die Familie des nun toten Kindes ist traurig – und wütend. Nun zieht Cornelia alle Register, um ihren Sohn zu retten: sie versucht, ihn und seine Freundin Carmen (Iliinea Goia) von ihren Plänen zu überzeugen. Am Schluss fährt sie zusammen mit Carmen und Barbu in das ärmliche Quartier, in dem die Familie des toten Kindes lebt.
Netzer fokussiert in seinem Film einerseits auf den ödipalen Konflikt, andererseits aber auf die schichtspezifischen Unterschiede in seinem Heimatland. Auf der einen Seite das einfache Leben der Familie des toten Kindes, auf der anderen das mondäne Leben von Cornelia. Besonders interessant ist eine Szene, in der Cornelia einen Zeugen davon überzeugen will, nicht gegen ihren Sohn auszusagen. Hier zeigt aber Cornelia Brüche, da sie von der Situation überfordert ist: dieser Zeuge, genannt Dinu Laurențiu, weiss nämlich mehr als Cornelia. Was Cornelia für die Familie des toten Kindes ist, das ist dieser Dinu Laurențiu für Cornelia. Sein Name erinnert dabei sicherlich nicht von ungefähr an den grossen italienischen Filmproduzenten Dino de Laurentiis (1910-2010): dieser Laurențiu ist einer, der inszeniert, während Cornelia eben doch nur ein «pawn in the game» ist. So muss Cornelia am Schluss eine andere Strategie verfolgen, denn diesen Dinu Laurențiu kann auch sie nicht kaufen – was möglicherweise allerdings nicht eine Frage des Geldes ist, sondern eines des Prestiges. Wichtiger aber ist die Frage, ob Sohn Barbu es schafft, aus dem Schatten seiner Übermutter auszubrechen. Netzer gibt aber keine Antworten auf diese und andere Fragen, die der Film aufwirft. Völlig zu Recht wurde dieses vielschichtige Werk in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
«Poziția copilului». Rumänien 2013. Regie: Călin Peter Netzer. Mit Luminița Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Ilinea Goia, Vlad Ivanov, Adrian Titieni u.a. Deutschschweizer Kinostart: 27.6.2013.

