Hommage an die Kampfkunst – Wong Kar-wais «The Grandmaster»
Ip Man (Tony Leung) ist ein Kung-Fu-Meister aus dem Süden Chinas, Gong Er (Zhang Ziyi) eine Meisterin aus dem Norden. Sie lernen sich kurz vor der japanischen Invasion in Ip Mans Heimatstadt kennen. Grossmeister Baoshen (Wang Qing-Xiang) – Gong Ers Vater – sucht im Bordell Gold Pavillon derweil einen würdigen Nachfolger…
Wong Kar-wai ist zweifellos einer der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure. Und obwohl bei ihm dem Stil einen sehr grossen Stellenwert eingeräumt wird, ist sein Motto nie «style over substance»: Auch wenn Wong oft fantastische Geschichen erzählt – sein Interesse für das Historische sorgt immer für einen ganz in der Realität (auch sein Science-Fiction-Film «2046» spielte nur teilweise in der Zukunft), vielleicht noch mehr in der Vergangenheit verwurzelten Background. Schon in «In the Mood for Love» (quasi dem Prequel zu «2046») spielte die Geschichte Hong Kongs eine wichtige Rolle. Wong Kar-wai wollte darin zwar kein politisches Statement sehen, die ehemalige britische Kronkolonie ging aber 1997 zurück nach China, «In the Mood for Love» stammt aus dem Jahr 2000. Auch die Geschichte von Ip Man ist nur zu verstehen, wenn der politische Kontext berücksichtigt wird: Ip Man stammt aus einer wohlhabenden Familie und ist Beamter der Kuomintang (Nationalisten), hat also im kommunistischen China keine Zukunft. Deshalb muss er sich im britischen Hong Kong eine neue Existenz aufbauen – ein grosser Schritt für einen Menschen, der aus einer wohlhabenden Familie stammte. Wobei selbstverständlich bereits die japanische Besatzung viel von ihm abverlangte.

Historisches trifft auf Kampfkunst und Action: Wong Kar-wais neuer Hongkong-Streifen «Yi dai zhong shi» (Foto zVg).
«The Grandmaster» ist darüber hinaus auch eine Hommage an Bruce Lee, wahrscheinlich immer noch der bekannteste Vertreter sowohl der Kampfkunst als auch des Hong-Kong-Kinos. Der Film schliesst denn auch mit einem Zitat von Bruce Lee, der notabene Schüler Ip Mans war. Es erscheint durchaus logisch, dass Wong Kar-wai nun tatsächlich einen historischen Stoff verfilmt hat – allerdings natürlich auf seine ganz eigene Art, die mit einem Dokumentarfilm etwa so viel gemein hat wie mit einem Louis-Leterrier-Film – auch wenn er natürlich die Action mit Leterrier teilt und (wie schon in früheren Filmen, namentlich «In the Mood for Love») auch einige wenige dokumentarische Aufnahmen (bzw. found footage) zu sehen sind. Wie dem auch sei: Wong Kar-wai ist und bleibt ein Grandmaster seines Fachs.
«Yi dai zong shi». Hong Kong 2013. Regie: Wong Kar-wai. Mit Tony Leung, Zhang Ziyi, Chang Chen, Cung Lee u.a. Deutschschweizer Kinostart: 11.7.2013.
