The Good, the Bad and the Very Beautiful – Paolo Sorrentinos «La grande bellezza»

Paolo Sorrentinos fulminanter neuer Film liest sich wie ein Kommentar zu seinem eigenen Werk, wieder mit Toni Servillo in der Hauptrolle.

Jep Gambardella (Toni Servillo) ist ein bekannter Schriftsteller und Journalist – und auch ein grosser Ladies‘ man. Geschrieben hat er aber seit seinem jugendlichen Début kein einziges Buch mehr. So schlägt er sich als Journalist durch; seine zwergwüchsige Chefin hat immer wieder interessante Interviewpartner für ihn: etwa die Künstlerin, die sich ihre Schamhaare mit Hammer und Sichel verziert hat und selbstzerstörerisch gegen eine Wand rennt. Oder die «Heilige», eine Art parodistische Mutter Teresa après la lettre, die sich nur von Wurzeln ernährt und die Kranken pflegt. Doch beide Interviews scheitern. Zu sehr ist Jep eingenommen von einer sich zu Tode feiernden High Society; so eingenommen, dass er nur noch das Hässliche sieht. Die Suche nach der «grande bellezza» hat er schon lange aufgegeben.

zVg

Ein Film über einen, der die Schönheit nicht mehr sehen kann, da er im Verlauf seines Lebens immer wieder enttäuscht wurde (Foto zVg).

Paolo Sorrentino ist der wohl wichtigste italienische Filmemacher und zweifellos einer der wichtigsten auteurs des Weltkinos unserer Zeit. Von seinem Début «L’uomo in più» bis zu seinem ersten englischsprachigen Film «This Must Be The Place» mit Sean Penn hat er immer fünf absolut unvergessliche Streifen vorgelegt, die sowohl mit ihrer Härte als auch mit ihrer Schönheit bestechen. «L’amico di famiglia» – sein Film über einen Geremia Cuore d’Oro (Goldherz) genannten herzlosen Wucherer – war sein vielleicht härtester Film überhaupt. In «La grande bellezza» steht tatsächlich das Schöne viel stärker im Vordergrund. «L’amico di famiglia» war beinahe ein Film, wie ihn Jep (ausgesprochen wie italienisch «gep» bzw. deutsch «dschep» – eine Anspielung auf Gepetto?) Gambardella hätte drehen können. «Il divo», Sorrentinos Film über Italiens heiliges Polit-Monster Giulio Andreotti (ebenfalls mit Servillo in der Hauptrolle), war ebenso berauschend schön wie auch anspruchsvoll und politisch. «This Must Be the Place» war dann zwar auch durchaus unangenehm; vor allem Sean Penn in der Hauptrolle war aber auch urkomisch. Das Komische ist bei Sorrentino immer mit dabei; auch wenn Geremia Cuore d’Oro bereits nicht mehr lustig war. «La grande bellezza» wiederum ist ein oft witziger, aber auch berauschend schöner Film, ein Film über einen, der die Schönheit nicht mehr sehen kann, da er im Verlauf seines Lebens immer wieder enttäuscht wurde – nicht zuletzt von der Politik. Aber auch die Korruption in Kunst und Kirche zeigt Sorrentino (seines Zeichens auch Romancier) mal subtiler, mal allzu luzid.

Ist «La grande bellezza» also ein Metafilm über Sorrentinos Werk? Vielleicht. Aber auf jeden Fall ein weiteres vielschichtiges Werk, in dem bezeichnenderweise dem populären Dancefloor-Sound einen ziemlich grossen Platz eingeräumt wurde – «We no speak Americano» (das auf einem Sample des napoletanischen Klassikers «L’americanoč» basiert), eine neue Dance-Version von «A far l’amore comincia tu» und «Mueve la colita» von El Gato DJ – dazu kommen Mariachis, die den Sound subvertieren. Sorrentinos Schönheit ist eben nicht die von Bob Sinclar, sondern eher die von Arvo Pärt, den er auch zitiert, oder die des Indie-Rock, der in «L’amico di famiglia» bezeichnenderweise einen völlig deplatziert wirkenden Auftritt bei einem Schönheitswettbewerb hatte. Trotzdem ringt Sorrentino auch den mit den Dance-Sounds unterlegten Parties eine seltsame grosse Schönheit ab – und ist damit trotz allem so nahe beim Mainstream wie noch nie. Und wenn Jep Gambardella jahrelang neben einem Mafioso gelebt hat und nichts davon gewusst haben will, dann zeigt dies seine Blindheit ebenso wie seine Unfähigkeit, die grosse, verlorene «grande bellezza» wiederzusehen.

«La grande bellezza».  Italien/Frankreich 2013.  Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servillo, Carlo Verdone, Sabrina Ferili, Giovanna Viognola, Carlo Buccirosso u.a. Deutschschweizer Kinostart: 25.7.2013.

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