DWVEBDMSBHBEBDS #22

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

 

Von Gregor Szyndler

Frau Trullas «neue» Augen: links und rechts von der Nase, Höhe Ohrenspitzen, gleich unterm Haaransatz, die zwei Gallertkörper.

Es war also einmal Frau Trulla, und Herr Trullo war folglich einmal auch, in Hans Bisseggers Sprechzimmer in der Schönheitsklinik waren sie beide einmal – dick eingepackt von der OP – Lagen von Verbandsmaterial überm Jochbeinbogen; neugierig daneben, ungeduldig wie ein Kind auf Weihnachtsbescherung, Herr Trullo. Braucht man zu erwähnen, er ist ein Trullo, der seiner Trulla nebst Zahnseide stets auch Lockenwickler zur Mundhygiene bringt, der Trulla Tag für Tag beim Coiffieren ihres Gebisses beobachtet, sie hingegen eine Trulla, die Flausenköpfe gnadenlos herunter wäscht, jeglichen zivilstandesrechtlichen Ungehorsam im Keim erstickend. Wenn hier einer einen Nasenring trägt, daran er auf Lebzeit an einen Pflock in der auf den See gebenden Villa gebunden ist, dann Trullo, der Passive, nicht sie, die aktive, herrschende! Befehlsempfänger hier, Befehlsgeber da. So definieren sich hier die Besitzverhältnisse an Paarschaft und Mensch! Ein solches Paar und Bild von einem Paar!

Hans Bissegger nimmt Frau Trulla die Verbände ab.

So lange und ausführlich, wie Trulla sich danach im Spiegel betrachtet, wird es Hans Bissegger ganz anders. Rastlos steht sie, Trullos Arm von sich weisend, vor dem Spiegel.

«Und? Wie findest du meine Augen?», fragt Trulla Trullo. In Bissegger zieht sich alles zusammen. Wenn es schon so weit gekommen ist mit der Wahrnehmung seines Berufes, kann er es morgens gleich bleiben lassen, alles Schneiden, Schnibbeln, Modellieren. Man kann Gesichtsmuskeln botoxen, nicht aber das menschliche Geschmacksempfinden. Seine Stärke ist es, selbst einer Schädelknochenbespannung vom Schlage Trullas, einem vor einem unbehauenen Steinblock stehenden Bildhauer gleich, der ja auch an das Form- wie Machbare des Gesteins glauben muss, etwas ästhetisch Schönes abzugewinnen. Hier denkt man sich ein paar Tränensäcke weg, dort schneidet man die Ohrenläppchen klein, hier Liposuktion, dort das schubladenbreite Kinn zurechtmeisseln, chirurgische Schadensbegrenzung üben, und immer schön einen neuen Termin geben, Routinekontrollen,.

«Wie findest du deine neuen Augen», wiederholt Herr Trullo; Hans Bissegger kämpft dagegen an, links und rechts von der Nase, Höhe Ohrenspitzen, unterhalb des Haaransatzes, die Gallertkörper, zu sagen.

«Sie sollen nicht so dämlich grinsen!», fährt Trulla ihn an, «nehmen sie gefälligst das Zeug ab!» – Bissegger zuckt zusammen. Ihm schwant Übles, hat er doch einen ganz schauerlichen Tag kassiert, damals, als er Trulla operierte: Alles ist sogar noch schlimmer als befürchtet.

Das hat er grundgründlich verschlampt.

Bissegger hält die Stille kaum aus. Er rechnet mit einem Heidendonnerwetter. Die Stille und Trullas Murmeln steigern die Zeit und alles zeitliche Empfinden. Mit einem Grausen muss Bissegger sehen, dass er die Linien verwackelt hat, dass die gefrischten Augen jetzt den entscheidenden Tick zu tief hinab in eine getriebene Seele geben, das Gesicht desto verworrener erscheinen lassend. Trulla betastet das Operationsgebiet. Beim dritten Versuch schafft Herr Trullo es, seinen Arm auf den Gebirgszug ihrer Schultern zu legen.

«Das ist nicht mein Gesicht, hören sie! Dafür habe ich mein Haus nicht zum zweiten Mal belehnt, sie Kurpfuscher. Nicht mein Gesicht ist das, nicht meins! Sie machen mich zu einem Geschöpf nach ihrem Gusto: Haben sie noch nie etwas von Hypokrates gehört?»

«Hippokrates?», korrigiert Bissegger, «aber nicht doch, nein, das können Sie besser, Hippokrates betrifft Fragen von Leben und Tod, hören Sie, da geht es um brenzlige Fälle, nicht um Schadensbegrenzungen, um Wiederherstellung und Erhalt der Gesundheit geht es, nicht darum, Ihnen den Blick in den Spiegel zu erleichtern!»

Hans Bissegger fällt auf, wie sich die lange aufgesparten Dinge unvermittelt ganz einfach sagen. Trulla verzieht das Gesicht.

«Das werden Sie bereuen, Sie Scheusal, wissen Sie, wer mein Vater ist, das lasse ich mir nicht gefallen, Sie können sich schon mal einen guten Anwalt suchen.»

«Wenn ich ihnen», flötet Bissegger, «vorab das Kleingedruckte im OP-Vertrag auseinandersetzen dürfte?»

Es treten Tränen auf Trullas Gesicht; Trullo nimmt sie in den Arm, beschweigend ihr unwirtliches, beschweigend ihr noch unwohnlicheres Gesicht, beschweigend die verwackelten Linien, die Bissegger hineinoperierte, verneinend die violetten Pfützen und Schatten, welche die Disproportionen ihres Gesichtes überdeutlich aufzeigen.

Trullo greift zum Telefon, wählt und verlangt, den Familienanwalt zu sprechen. Bissegger, die Ruhe selbst, guter Dinge, lässt es geschehen, unternimmt nichts, um die Lage zu beruhigen. Als es ihm mit der Zeit unbehaglich wird, tritt er, wohl nicht zuletzt auf der Suche nach Worten, ans Fenster, und er schaut hinab auf die Strasse.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

Stichworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.