Wettschürfen unter Zeitdruck

Ein Riss zieht sich durch die Brettspielwelt: Auf der einen Seite des Atlantiks setzt man auf dichte Atmosphäre und Thematik, der anderen Seite des Ozeans ist vor allem die dem Spiel unterliegende Mechanik wichtig.

 

Die Rede ist von amerikanischen und europäischen Brettspielen, oder überspitzt gesagt Ameritrash und Eurotrash. Amerika bevorzugt das rollenspielartige, actionbetonte Erlebnis mit viel Würfelglück, während Europa abstrakte, uhrwerkartige Spielabläufe mag, in denen Atmosphäre zweitrangig ist und Zufallselemente weitgehend verpönt sind. Dennoch haben die „German Boardgames“ die Vereinigten Staaten längst für sich erobert, und auch in der Alten Welt würfelt und kämpft man sich gerne durch amerikanische Rollenbrettspiele – aber die Grenze zwischen den beiden Kontinenten bleibt bestehen. Selten, sehr selten trifft man auf ein Spiel, das den Spagat über den Atlantik schafft und beides, Atmosphäre und Spielmechanik, gleichermassen miteinander zu vereinen vermag. Jenseits von Theben von Peter Prinz ist eine dieser goldenen Ausnahmen.

 

Ausgrabungen und Forschungsreisen

 

Wir drehen die Uhr über ein Jahrhundert zurück und finden uns im Zeitalter von Howard Carter und Heinrich Schliemann wieder: In Jenseits von Theben schlüpfen wir in die Rollen von Archäologen, die Ausgrabungen in Griechenland, Mesopotamien und weiteren Stätten organisieren. Wertvolle Schätze und grosser Ruhm erwarten uns, doch dafür müssen wir auch Wissen ansammeln, um an der richtigen Stelle zu graben. So reisen wir pausenlos zwischen Europa und dem Nahen Osten hin und her, schleppen Assistenten und Ausrüstung mit, halten Vorlesungen und Ausstellungen über unsere Entdeckungen – immer auf dem Sprung zur nächsten Ausgrabung, bevor das Jahr um ist oder uns jemand zuvorkommt. Denn was Jenseits von Theben antreibt und von vielen anderen Brettspielen unterscheidet, ist die Bedeutung der Zeit. Eine Skala von 52 Wochen zieht sich am Rand des Spielbretts entlang, und auch die kleinste Aktion kostet uns wertvolle Zeit. Eine Reise von Berlin nach Ägypten? Kostet vier Wochen, mit Auto drei. In Moskau zusätzliches Allgemeinwissen erlernen? Kostet mindestens drei Wochen, bei mehr Wissensdurst sogar sechs. Nur drei Jahre lang haben wir insgesamt Zeit, um möglichst viel Ruhm (und Siegpunkte) zu erarbeiten, und jede Woche zählt.

 

Forschen, Reisen, Schätze ausgraben – von London bis Mesopotamien bieten sich ständig neue Möglichkeiten.

 

Auf der Suche nach der optimierten Zeit

 

Das gnadenlose Verrinnen der Zeit verleiht Jenseits von Theben eine ungewöhnliche Dynamik und Spannung, die sich besonders dann zeigt, wenn wir endlich nach Schätzen graben. Jedes Ausgrabungsgebiet besitzt einen Jutesack, in dem sich fünfzehn Schätze, aber auch fünfzehn leere Plättchen befinden. Investieren wir zwei Wochen in eine Ausgrabung, dürfen wir weniger Plättchen ziehen als wenn wir beispielsweise fünf oder sogar acht Wochen lang graben. Hier zeigt sich das Glückselement im Spiel, da wir gerne mal hintereinander fünf Nieten oder auch gleich drei Schätze ziehen können. Es macht unglaublich Spass, den anderen Spielern beim blinden Wühlen in den Säcken zuzusehen, und man leidet oder neidet je nach Glück oder Pech mit ihnen – genauso wie man selbst hofft, für sich die besten Stücke herauszufischen. Das Zusammenspiel aller Elemente erschafft eine Atmosphäre, die tatsächlich an das unstete und wandelhafte Schicksal eines Archäologen um die Jahrhundertwende erinnert; von einem Zug auf den anderen kann sich das Blatt wenden, ohne dass das Spiel dadurch willkürlich oder unfair würde. Dazu kommt, dass meist bis zum Ende offen bleibt, wer gewinnen könnte oder nicht, da man erst am Schluss des dritten Jahres alle Siegpunkte zusammenzählt.

Selbst nach zwanzig oder dreissig Partien verliert Jenseits von Theben so nichts von seinem Reiz: Glück und Taktik halten sich die Waage, und alles ist exzellent ausbalanciert, egal ob zu zweit, zu dritt oder zu viert gespielt wird. Da wundert es auch nicht, dass das Spiel 2007 zum Spiel des Jahres nominiert wurde!

zVg

 

Jenseits von Theben
Von Peter Prinz
Für zwei bis vier Spieler
Dauer ca. 90 Minuten, ab 10 Jahren
Circa CHF 50.-
Erschienen 2007 bei Queen Games

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