Zitat der Woche: Günter Wohlfahrt, Zen und Haiku

Das heutige Zitat der Woche stammt aus Günter Wohlfarts Buch «Zen und Haiku». Der Autor setzt sich mit chinesischer Philosophie auseinander, die sich von der europäischen Gelehrtenphilosophie in einigem unterscheidet und den Vergleich gerade deshalb so reizvoll macht.

« Der Ochse und sein Hirte» ist wohl eins der berühmtesten Zen-Gleichnisse. zVg

«Der Ochse und sein Hirte» ist wohl eins der berühmtesten Zen-Gleichnisse. zVg

Eine Möglichkeit der Annäherung an Zen besteht im Verfassen von Haikus, die in kürzester Form maximale Mehrdeutigkeit erreichen können. Scheinbar absurde Aussagen offenbaren eine ungeahnte Tiefe – genauso, wie im Zen Widersprüche sich als Weisheiten entpuppen, wenn man nur richtig hinhört oder zwischen den Wörtern liest. Doch die Absurdität darf durchaus auch ernst genommen werden, denn das Lachen ist eine nicht zu unterschätzende Komponente von Zen:

Ist Lachen ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts (I. Kant), so ist vielleicht in diesem Sinne Zen eine Religion des Lachens. Eine Philosophie des Zen wäre keine von eulen-ernsten gelehrten Käuzen, die geschützt von dichtem sekundär- und tertiärliterarischem Blattwerk im Erkenntnisbaum hocken, stolz auf ihr mit pedantischem Dünkel gezüchtetes philosophisches Zwergobst. Sie wäre vielmehr eine, die insofern epikureisch genannt werden könnte, als man in ihr «philosophiert und zugleich lacht». «Se moquer de la philosophie c’est vraiment philosopher.» (B. Pascal) Zen heisst, sich selbst auf dem Kopf herumzutanzen und herzhaft zu lachen – zu lachen über die «letzten Dinge» mehr noch als über die vorletzten.

Wie die verkehrte Welt in einem Witz ist Zen scheinbar irrational, da es sich mit menschlicher Vernunft nicht fassen lässt und wir stolpern, sobald wir zu sehr darüber nachdenken. Dass die Umkehrung der Welt aber nicht irrational ist, sondern ein neues Licht auf bekannte Dinge wirft, darin steckt auch das Geheimnis von Zen. Es geht nicht darum, Gedankengerüste zu erbauen, die die gesamte Welt erklären können. Zen hat kein Ziel ausser dem Leben selbst. Diese simple Weisheit, die so weit von «Was weiss ich?» oder «Was soll ich tun?» entfernt ist, eröffnet das ganze Leben in seiner Fülle, ohne es akribisch definieren zu müssen. Als Beispiel bietet sich der Frosch-Haiku des wohl berühmtesten Haiku-Dichters Basho an:

alter Teich –
ein Frosch, hineinspringend
der Wasserton

Gedichtanalyse und eine Suche nach dem historischen Hintergrund bringen bei diesem Haiku so gut wie gar nichts, ebenso wenig wie der Versuch, ihn streng philosophisch zu ergründen. Die Wahrheit ist viel einfacher: Etwas anscheinend Einfaches und Unbedeutendes – ein Frosch, der in einen Teich hüpft – wird hier als Teil des Lebens an sich betrachtet und ohne grosse Worte hervorgehoben. Vielleicht erschliesst sich daraus auch folgendes Zen-Gleichnis: «Wer wissen will, wie Reis schmeckt, muss Reis essen.»

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