Zitat der Woche: Hugo Ball, Totentanz

Am Vorabend des 28. Juli 2014 erinnert das Zitat der Woche mit Hugo Balls Gedicht «Totentanz» an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren.

Cabaret Voltaire

1916 inmitten des Ersten Weltkriegs gegründet: Das Cabaret Voltaire, Zentrum des Dadaismus. zVg

Eine der grössten Fehleinschätzungen im Ersten Weltkrieg war dessen Länge. Sämtliche Nationen gingen davon aus, dass der Krieg bis Herbst, spätestens Winter 1914 zu Ende sein würde. Gebiete würden erobert worden sein, Grenzen verschoben, doch schlussendlich wäre nach einigen heftigen Scharmützeln wieder Ruhe in Europa – eine Vorstellung, welche durch Stellungskrieg und Versorgungsnöte rasch zunichte gemacht wurde. Die Modernität und Ausmasse dieses Krieges waren unterschätzt worden: Noch nie zuvor waren dermassen viele Soldaten im Einsatz, die mit Flugzeugen, Schiffen, U-Booten, Panzern und weiteren technischen Neuentwicklungen dem Feind entgegen rückten. Gefechte wurden zur Materialschlacht, der Mensch selbst wurde zum Material, welches als Kanonenfutter in den Ermüdungskrieg zog.

Der Schock solcher Kriegsmaschinerie ohne ersichtliches Ende erfasste sämtliche Schichten der Gesellschaft; Neuigkeiten von monatelangen Ausblutungskämpfen in Verdun oder an anderen Fronten hatten nichts mehr damit zu tun, was man allgemein unter «Krieg» (sprich: tapferem Kampf Mann gegen Mann) verstand. Auch in Kunst und Kultur fand dieser Schock seinen Ausdruck: Man schrieb Manifeste, rief zur Zerschlagung aller Werte auf oder verstieg sich in grellem Patriotismus. Eine der berühmtesten Bewegungen fand am 5. Februar 1916 in der Spiegelgasse 1 in Zürich ihren Anfang, als Hugo Ball mit Emmy Hennings und später Tristan Tzara das Cabaret Voltaire und damit formell den Dadaismus gründete.

Als Reaktion auf den Krieg nahm sich der Dadaismus zum Ziel, sämtliche Normen und Werte zu missachten, Ordnungen zu zerstören und sich keiner etablierten Philosophie zu verschreiben. Den Grausamkeiten auf den Schlachtfeldern setzte er wilde Experimente wie Lautgedichte und abstrakte Tänze entgegen, eine anarchistische Rebellion des Individualismus gegen das uniformierte System des Krieges. Hugo Balls 1916 veröffentlichtes Gedicht «Totentanz» ist eines der stilleren Werke des Dadaismus, doch es fängt den Wandel des Kriegsbildes vom stilisierten Kampf zur industrialisierten Massenschlacht gut ein. Tod ist hier nicht mehr heldenhaft, sondern bloss noch eine Statistik auf dem Tagesbericht.

So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben lässt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends schon zuunterst im Grabe drin.

 

Die Schlacht ist unser Freudenhaus.
Von Blut ist unsere Sonne.
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
Weib und Kind verlassen wir –
Was gehen sie uns an?
Wenn man sich auf uns nur
Verlassen kann.

 

So morden wir, so morden wir.
Wir morden alle Tage
Unsre Kameraden im Totentanz.
Bruder, reck dich auf vor mir,
Bruder, deine Brust
Bruder, der du fallen und sterben musst.

 

Wir murren nicht, wir knurren nicht,
Wir schweigen alle Tage,
Bis sich vom Gelenke das Hüftbein dreht.
Hart ist unsere Lagerstatt
Trocken unser Brot.
Blutig und besudelt der liebe Gott.

 

Wir danken dir, wir danken dir,
Herr Kaiser, für die Gnade,
Dass du uns zum Sterben erkoren hast.
Schlafe nur, schlaf sanft und still,
Bis dich auferweckt,
Unser armer Leib, den der Rasen deckt.


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