Setz Dich zur Unruhe! – Dominik Riedo über Kurt Hiller

Am 17. August 1885 in Berlin geboren. Am 1. Oktober 1972 in Hamburg gestorben. Noch selten hat man aus einem Leben durch die üblichen zwei Eckdaten so wenig herauslesen können wie im Fall von Kurt Hiller. Denn von ihm lässt sich eine Menge mehr sagen als dass er immerhin 87 Jahre lang nicht gestorben sei.

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«Es ist hier einer, der gibt jenen, die immer wieder meinen ganz allein zu stehen gegen die unverfrorene Dummheit und Machtgier der Mehrheit, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man nie aufgeben darf, Gegendruck zu geben.» (Bild: Wikipedia)

von Dominik Riedo

Nach einer noch recht normalen Schullaufbahn doktoriert Kurt Hiller bereits 1907 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zum Dr. jur. Die Dissertation ist Teil einer rechtsphilosophischen Arbeit unter dem Titel «Das Recht über sich selbst», in der der 22-Jährige die Forderung aufstellt, das Strafrecht müsse die Selbstbestimmung des Menschen stärker berücksichtigen und nicht nur die Selbsttötung zulassen, sondern auch Abtreibung, Homosexualität und ‹Beihilfe zur Selbsttötung›:

«Beim Studium des in Deutschland geltenden Strafrechts entdeckte ich plötzlich, dass die Befugnis des Individuums, körperlich über sich selbst zu verfügen und über andere voll Willensfähige mit deren freier und ernstlicher Zustimmung, gar auf ihre flehentlichen Bitten, an allen Ecken und Enden unsres Gesetzbuches verneint und verweigert wird. Das Freiheitsfeindliche, Gedankenlose, Barbarische dieses legalen Zustands erschütterte mich, und ein Zwang überkam mich, ihn mindestens aufzudecken.»

Aufgrund der ersten Publikationen tritt Magnus Hirschfeld, Arzt, Sexualforscher und Pionier der Homosexuellen-Bewegung, an den jungen Universitätsabgänger heran. Es entsteht ein Kontakt, der im folgenden Vierteljahrhundert ein intensives Engagement Hillers im ‹Wissenschaftlich-humanitären Komitee› zur Folge hat, das es sich seit 1897 zum Ziel gesetzt hatte, gegen antihomosexuelle Strafgesetze vorzugehen. Auch dem ‹Institut für Sexualwissenschaft› ist Hiller danach aktiv verbunden.

In der Anfangszeit des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch wird Hiller in Berlin vor allem als Schriftsteller zum Pionier des Literarischen Expressionismus. 1909 gründet er mit Jakob van Hoddis die Vereinigung «Der Neue Club», zu dem bald auch Georg Heym stösst. Nach dem Rückzug aus dem «Club» gründet Hiller das literarische Cabaret «Gnu» mit. Dazu schreibt er für die Zeitschriften «Pan» und «Der Sturm» zahlreiche Beiträge, ebenso wie für Franz Pfemferts «Aktion», bei deren Gründung er 1911 ebenfalls mitwirkt. 1912 schliesslich gibt Hiller die erste expressionistische Lyrikanthologie «Der Kondor» heraus.

Seine Hauptbestimmung als «politischer Geist» entdeckt er dann mit dem Kriegsausbruch 1914: Kurt Hiller wird zum Begründer des (literarischen) Aktivismus, der die dekadente und korrupte Politik durchgeistigen will:

«Da alle bisherige Erfahrung zeigt, dass die Verwalter der Nationen auf das blosse Wort des Geistes nicht hören, müssen die geistigen Menschen selbst die Verwaltung der Erde in die Hand nehmen.»

Um die eigenen Ziele genauer zu definieren und auch um sie zu verbreiten, gründet Hiller 1917 den «Bund zum Ziel» sowie den «Aktivistenbund» und veröffentlicht in der Folge von 1916 bis 1924 fünf Jahrbücher «Das Ziel. Aufruf zum tätigen Geist» (Buch 1 und 2 werden von der Zensur sofort verboten). Auch der 1918 nach der Novemberrevolution gegründete «Politische Rat geistiger Arbeiter» hat zum Hauptziel, «die Idiotokratie in der Menschengesellschaft, die ungeheure glückhindernde Macht der Inferioren zu brechen».

All diesem Engagement liegt sein als Korrekturmodell zur Demokratie konzipiertes Ideal einer «Logokratie» (‹Geistigenherrschaft› – gemeint ist die Herrschaft der Vernunft beziehungsweise der Vernünftigen in der Gesellschaft) zugrunde, das – anknüpfend an Platons Idee der ‹Philosophenkönige› – die politische Herrschaft zwischen dem gewählten Parlament und einem Ausschuss der geistigen Elite und damit den Intellektuellen teilen soll (‹elliptische Verfassung›). Wenn dieses Ziel bis heute auch nicht erreicht worden ist, so wurde Hiller doch ein wichtiges Mitglied der deutschen Friedensbewegung: 1919 gründet er zusammen mit Helene Stöcker und Armin T. Wegner den «Bund der Kriegsdienstgegner»; 1920 tritt er der «Deutschen Friedensgesellschaft» bei; und 1926 schliesslich gründet er die «Gruppe Revolutionärer Pazifisten».

Nachdem er vor dem Ersten Weltkrieg schon für ‹Die Fackel› von Karl Kraus geschrieben hatte, publiziert Hiller in der Weimarer Republik höchst aktiv für die «Weltbühne», unter anderem mit Kurt Tucholsky als Chefredakteur oder Carl von Ossietzky. Vor allem in dieser Zeit macht ihn sein fast ununterbrochenes «Denken als Erlebnis», sein «erbarmungslos-konsequentes Nachdenken» auch zum Gegner selbst der Republik, da Hiller merkt, dass gegenüber allen bisherigen Herrschenden nur Opposition die Lösung sein kann:

«Den Antipoden überzeugen zu wollen, kam mir nie bei; ihn durch unwiderlegbare Argumente, die ihn rasend machten, zu schwächen – das war immer mein Begehr.»

Denn solange der «Sprung ins Helle» noch nicht stattgefunden hatte, solange der «Aufbruch zum Paradies» zumindest nicht ernsthaft angegangen wurde, solange nicht eine totale «Umkehr der Aussenpolitik» stattfand, konnten die Herrschenden in dieser Welt nur Unrecht haben. Gerade dabei zeigte sich jedoch, dass Hiller immer ein konstruktiver Kopf blieb: Zwar verwarf er viele Eigenschaften und Einrichtungen von Staaten, doch nie den Staat als Prinzip. In späteren Jahren wird er dann sogar zum gemässigten Pazifisten («Pazifismus der Tat»), als er auch zum eigenen Leidwesen merken musste, dass es Staatsformen und ihre Profiteure gab, die durch Worte allein nicht zur Räson zu bringen waren.

Zuerst aber erfährt Hiller den Unterschied zwischen «menschlicher Edel- bzw. Pöbelware»an sich selbst, als er von den Nazis schon 1933/1934 mehrfach verhaftet und in den Konzentrationslagern Brandenburg beziehungsweise Oranienburg schwer gepeinigt wird (sein Bericht darüber in den Lebenserinnerungen gehören zu den eindrücklichsten überhaupt). Erst 1934 flieht er nach Prag ins Exil, wo er versucht, die linken Exilanten zu vereinigen. Er schreibt weiter für die «Neue Weltbühne» oder gibt die «Prager Erklärung» mit heraus, ein Manifest gegen das faschistische Deutschland der Nazis.

1938, beim Einmarsch der Deutschen in der Tschechei, muss Hiller nach London weiterfliehen. Auch dort strebt er mit der Gründung des «Freiheitsbundes Deutscher Sozialisten» eine Vereinigung aller Sozialisten im Exil an. Doch sein mangelhaftes Englisch lässt seine Bedeutung in England kleiner werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg vermag er mit der am 31. Mai 1947 in Hamburg gehaltenen Rede über die «geistigen Grundlagen eines schöpferischen Deutschlands der Zukunft» einige Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

Aber es braucht dann seine Rückkehr nach Deutschland 1955, neu nach Hamburg, um ihn bis zum Lebensende wieder vielfältig wirken lassen zu können: Wie er schon vor dem Exil mit Geistesgrössen wie etwa Max Brod, John Heartfield, Albert Einstein, Sigmund Freud, Thomas, Heinrich und Klaus Mann, Franz Werfel, Walter Benjamin und Kurt Tucholsky in Kontakt stand, tauscht er sich nun im Nachkriegsdeutschland unter anderem aus mit Karlheinz Deschner, Peter Rühmkorf, Klaus Rainer Röhl, Hans Wollschläger und Werner Riegel. Er bleibt radikaler Demokrat, bekämpft restaurative Tendenzen, fordert weiter die Schaffung einer ‹Kammer der Geistigen› bzw. ein «Weltbund des Geistes» und gründet den ‹Neusozialistischen Bund›. Dazu beteiligt er sich stark an der unabhängigen Zeitschrift «Lynx» und schreibt für «Konkret», «Vorwärts» sowie «Die Andere Zeitung». Immer noch kämpft er gegen die «tumben Wirrköpfe, gegen die Verschwommenen und Sülzhirnigen», versucht «Köpfe und Tröpfe»für alle sichtbarzu unterscheiden und bleibt seiner fachübergreifenden Arbeitsweise zwischen Ethik, Kunsttheorie, Staatsphilosophie und Politik treu.

Immer weiter schreibt Kurt Hiller auch im hohen Alter als grosser Stilist viele Manifeste, Pamphlete gegen Krieg, Klerus und Kapitalismus, hält Reden, verfasst Aufrufe, offene Briefe und polemische Essays. Fast ohne Unterlass geht er vor gegen die «Philister und die Pseudodenker», gegen ein «herrschendes System, das nur zulässt, was den Instinkten der Mittelmässigen, den Interessen der Geldmacher und gewissen lächerlichen Lehrer entspricht, mit denen den Osten namentlich Laotse, den Westen Hegel und seine Brut vergiftet haben.» (Übrigens erledigt Hiller den Philosophen Hegel gewissermassen in zwei Sätzen: «Ein bis heute von allen Blutskonservativen zum Riesen aufgeblasenen Denkknirps und Pfuscher, der die menschliche Vernunft madig machte, mit der Begründung, dass sie erstens nichts vermöge und zweitens unnötig sei, weil eine objektive, ja absolute Vernunft sowieso dem All innewohne, mithin auch dem Staat, nämlich der Erscheinungsform der göttlichen Idee, – dem Staat [jedem zu jeder Zeit], an welchen der Verständige keine Forderungen zu stellen, sondern den er zu begreifen habe, als jenes Wirkliche, das stets vernünftig sei. Dieser Hegel – noch sein Gerippe möchte man boxen, dass es nur so klappert!») Immer mehr steht er in jenem «Wirrwarr-Säkulum» als ein Mensch, der konsequent versucht, ein richtiges Leben im Falschen vorzuleben. Immer mehr wird seine Haltung zum ‹eigentlichen Werk›.

Kurt Hiller wird zum lebenden Beispiel, dass Resignation und selbstbeschiedene Isolation die falsche Reaktion sein können auf die Missstände in der Welt. Sein Werk als Ganzes zur an sich ungeschriebenen ‹General-Abrechnung› mit seinen Kritikern. Bis am letzten Abend zuhause, einen Tag vor der Einlieferung ins Krankenhaus, sitzt er über einer Schrift zur aktuellen Unpolitik in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Dann, siebzehn Jahre vor einer weiteren Zeitenwende, die keine entscheidende Wende brachte im Denken, braucht Hiller «nie mehr zu leiden, doch (schlimmer!)», er darf auch «nie mehr mitspielen». Immerhin steht sein Denken, seine ganze Art zu sein einem schon nur beim Lesen des erstes Kapitels seiner Lebenserinnerungen – schlicht «Vorbemerkung» betitelt – vor Augen, als kämpfte er noch heute. Es ist hier einer, der gibt jenen, die immer wieder meinen ganz allein zu stehen gegen die unverfrorene Dummheit und Machtgier der Mehrheit, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man nie aufgeben darf, Gegendruck zu geben. Das bleibt seine ‹unverlierbare Gegenwärtigkeit›: «Es ist kein Kampf nach rückwärts; wo sind denn die rechtlichen Regelungen, die eine Wiederholung der Schande unmöglich machen suchen; es ist, so vergangen das Vergangene sein mag, ein Kampf nach vorwärts.»

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