gesichtet #80: Die Mission des Dimitrios

Von Michel Schultheiss

Schnurrbart, Hut und Mantel sind seine Kennzeichen. Stets führt er auch einen Kofferkuli mit sich und an seinem Kragen ist eine kleine Taschenlampe befestigt. Bisweilen scheint er wie ein Fremder durch die gehetzte Menschenmenge im Bahnhof SBB zu irren. Meistens aber kann ihm die Pendler-Hektik nicht viel anhaben und so lässt er sich mit seinem Gepäck auf einer Art Insel mitten im Getümmel nieder: Das «Caffè Spettacolo» auf der Bahnhofspasserelle ist längst zu seinem Stammlokal geworden.

Bisweilen fällt auch ein Kopfhörer an der einen Ohrmuschel auf, was einen speziellen Grund hat: «Das Gerät dient als Frühwarnsystem, denn der Feind gibt immer meine Position an», erklärt der geheimnisvolle schnauzbärtige Mann. «Ohne Hilfe der Einsatzgruppen 1,2 und 3 im Umkreis von 50 Kilometer wären die Übungen zwecklos, da ich auf ihre Kontrollpunkte angewiesen bin», ergänzt er.

Dimitrios

«Das Ziel ist, dass Frauen Europa regieren können»: Dimitrios arbeitet im Auftrag Organisation «Haus der europäischen Kulturen». (Foto: smi).

Im Einsatz für die europäischen Frauen

Wegen seiner Aufmachung kennt man ihn in Basel als den «Geheimagenten». Dieser Spitzname entlockt dem 58-jährigen Herrn namens Dimitrios ein Lächeln, da ihm diese Bezeichnung nicht bekannt war. Freundlich erklärt er daraufhin bei einem Kaffee, worum es bei seinen «geheimen» Aufträgen tatsächlich geht. Wenn er auch alles andere als ein Spion ist, so hat sein Verweilen auf der Passerelle einen bestimmten Grund. Wer deshalb glaubt, der Mann sei nur zur Musse hier, muss sich eines Besseren belehren lassen. Seine Anwesenheit im Lokal erinnert an den einsamen Hauptdarsteller in Jim Jarmuschs Streifen «The Limits of Control», der immer wieder das gleiche Strassencafé aufsucht, um zwei Espresso in zwei verschiedenen Tassen zu bestellen. Wie auch in Jarmuschs Film erfolgt dies nicht bloss aus einer Laune heraus, sondern bildet einen winzigen Bestandteil eines ausgeklügelten und wichtigen Plans.

Dimitrios hat eine Aufgabe und strikte Anweisungen. Auch bei ihm dreht sich alles um ein grösseres Ziel. Er lässt seine volle Kaffeetasse eine Weile stehen und erzählt von seinem Auftrag: Seit Jahren arbeitet er für das «Haus der europäischen Kulturen». Diese internationale Organisation wurde am 7.7.2007 in Oslo gegründet und ging aus einer Vorgängerorganisation in Moskau hervor. «Unser Anliegen ist es, Frauen, die Probleme haben, zu helfen», erklärt er. Es geht aber nicht nur um das: «Das Ziel ist, dass Frauen Europa regieren können», betont Dimitrios.

Dimitrios mit Kamera

«Es gibt viele Provokateure, Paparazzi und Geheimdienste, die neidisch sind auf unsere Erfolge», erklärt Dimitrios. Daher ist er selbst mit einer Kamera gewappnet, um zurückblitzen zu können, sobald ihm jemand auflauert (Foto: smi).

Befehle aus Moskau

Die Organisation soll Frauen aus ganz Europa Arbeitsstellen anbieten. Dabei ist Dimitrios der Kopf der Prüfungskommission. «Pro Monat melden sich rund 300 Bewerberinnen bei uns», erklärt er. «Jede Arbeitnehmerin kann machen, was ihr gefällt und es sind auch Umschulungen möglich», erläutert er. Wer Vollmitglied ist, geniesst Mutterschaftsurlaub und kann zum Beispiel im Kulturbereich arbeiten. «Die Produktion wurde jedoch in den Osten verlegt», so etwa die Herstellung «hochempfindlicher Empfangsgeräte, welche die Organisation nicht bei anderen Produzenten kaufen könne, wie er sagt. Zudem erhalte die Organisation auch finanzielle Unterstützung von aussen: «Wir haben Sponsoren, nicht nur aus der Schweiz», erklärt Dimitrios. So gesamteuropäisch wie sein Projekt ist auch die Herkunft des Prüfungsverantwortlichen: Dimitrios ist gebürtiger Grieche. Im Alter von fünf Jahren sei er nach Moskau gezogen.

Wie sein Projekt ist auch seine Abstammung sehr paneuropäisch: Sein Grossvater war Deutscher, seine Mutter hat finnische und schwedische Wurzeln, wie er sagt. 1996 konnte er einen Posten der Organisation in Lörrach übernehmen und ist seither für ganz Baden-Württemberg verantwortlich. Dort darf er aber kein Büro eröffnen. Daher arbeitet er stets vom «Caffè Spettacolo» in Basel aus. Vor 30 Jahren wurde die Organisationen von seiner Frau ins Leben gerufen. Sie ist gebürtige Libanesin, hat aber die russische Staatsbürgerschaft und leitet von Moskau aus das Netzwerk. Seit 1996 hat er seine Frau und Chefin aber nicht mehr gesehen. Er kennt auch ihren eigentlichen Namen nicht: «Sie hat ihre Identität geändert und um ihren aktuellen Namen zu erfahren, müsste ich nach Moskau reisen», sagt er. «Sie kann nicht ausreisen, da sie so beschäftigt ist», hält er fest. Die beiden hätten kein Privatleben mehr, daher habe die Ehe früher funktioniert, jetzt aber nicht mehr. Hier in Basel hat Dimitrios strikte Anweisungen von oben zu befolgen. Er musste einen Eid auf die Organisation erheben. Internet-Zugang ist für ihn tabu und für jede Ausreise aus Basel muss er bei der Hauptzentrale in Moskau eine Bewilligung einholen.

Gegen Paparazzi und feindliche Spione

Auch seine Hobbys musste der Russe abschreiben: Bis 1996 hat er Briefmarken, Automodelle, Antiquitäten und Bücher gesammelt; jetzt aber nicht mehr. «Kein Platz, keine Zeit, kein Geld», sehr traurig. «Wenn ich eine grössere Wohnung hätte, meinst du ich wäre dann hier im Café?», meint er. Zudem widerstrebe die Sammelwut auch dem Geist der Partei: Wenn er sich an Modelle festklammern würde, gelte er als Materialist. Sein Kaffee erkaltet langsam. Eine Gruppe Jugendlicher schlendert vorbei. Grölend machen sie ihm ein unmissverständliches Handzeichen, was wohl auf seine Vorliebe bei der Rasur gemünzt war. Dimitrios lässt sich davon nicht beeindrucken: «Es gibt viele Provokateure und Geheimdienste, die neidisch sind auf unsere Erfolge», erklärt er lakonisch. Auch Paparazzi würden ihm manchmal das Leben schwer machen. Daher ist er selbst mit einer Kamera gewappnet, um zurückblitzen zu können, sobald ihm jemand auflauert. Bei «Zeitnah» macht er eine Ausnahme: Ein Bild von ihm ist auf der anderen kleineren Passerelle gestattet, jedoch mit ernster Miene – der Befehl von oben lautet schliesslich, dass er auf den Fotos nicht lächeln darf. «Wenn jemand die Richtlinien verletzt, entscheidet die Parteileitung über Strafe und Ausschluss», stellt er klar. Trifft sich etwa jemand mit Parteifeinden, so gibt’s ein Disziplinarverfahren oder einen Platzverweis «Wir haben keine Verbrecher und Extremisten in der Partei», betont er.

Dimitrios 2

Ein Befehl von oben: «Auf den Fotos darf ich nicht lächeln» (Foto: smi).

Das geheime Büro in Basel

Den Basler Sitz der Organisation ist nicht für jedermann zugänglich. Die Leiterin ist Jorma Rantalainen, die nur schriftlich erreichbar ist, wie Dimitrios unterstreicht. «Das Büro darf ich nicht betreten – ich bin ja kein Gruppenmitglied», ergänzt er. Das Büro des Frauenvereins «Das Haus der europäischen Kulturen» hat auch einen Telefonbucheintrag, jedoch steht dort noch der Name der ehemaligen Chefin. Es soll sich an der Rüdengasse 2 befinden und ist wohl wie auch das Gleis 9¾ bei Harry Potter für den gewöhnlichen Passanten nicht sichtbar.

Da er weder im Büro noch bei sich zuhause, wo es zu dunkel sei (daher auch die Taschenlampe) arbeiten könne, wurde das Café auf der Passerelle quasi zu seinem Arbeitsplatz. In seinem Koffer führt er die Prüfungsunterlagen des Frauenvereins mit sich. Sie beginnen mit folgender Einleitung: «Was wäre aus Europa geworden, wenn es uns nicht gegeben hätte? Der Ansturm von neuen Kandidatinnen ist riesengross und kaum noch zu bewältigen. Darum ist die Selection strenger geworden». Daneben sind auch die Ziele festgehalten: «Nicht nur für unsere Rechte auf Selbstbestimmung sondern auch schon tradizionäl für die Bewahrung der gefährdeten unterdrückten Völker Europas». Von Baskisch bis Färöisch sind verschiedenste Sprachen akzeptiert.

Liebe Bewerberinnen

Aus den Bewerbungsformularen für das «Haus der europäischen Kulturen» (Foto: smi).

Momentan werden zum Beispiel zum Beispiel als Köchinnen, Dolmetscherinnen, Gruppenführerinnen und Busfahrerinnen gesucht. Es gibt auch Sport- und Folkloregruppen mit Volkstrachten und Instrumenten. Das Ganze ist in vier Ländergruppen aufgeteilt.

Ländergruppen

Viele Bewerberinnen aus allen Ecken Europas: Die Länderliste aus den Unterlagen von Dimitrios (Foto: smi).

Die genaue Anzahl Mitarbeiterinnen in Basel ist nicht bekannt: «Resultate kommen erst Ende Monat», er schätzt die Anzahl Mitglieder in der Region auf etwa tausend. Der Aufgabenbereich des Wahl-Baslers ist genau vorgegeben: «Nach der Prüfungszeit weiss ich nichts mehr – die Gruppen arbeiten selbständig», erklärt er. Dimitrios vermutet mindestens 100’000 Mitarbeiterinnen in Europa. «Das ist nur die Spitze des Eisbergs», meint er erfreut. Das «Haus der europäischen Kulturen» ist somit Unternehmen und Eine politische Organisation zugleich, doch Agitation und Teilnahme an Demos seien strengstens verboten.

Schaut man Dimitrios bei seiner Arbeit zu, so scheint es, als hätte Jarmusch eine Erzählung von Jorge Luis Borges verfilmt: Beim von ihm geschilderten Netzwerk stehen grosse Ziele stehen auf dem Plan – wie etwa beim «Kongress» von Borges. Als Aussenstehender mag es schwierig sein, bei dieser komplexen Organisation den Durchblick zu behalten, was aber dem Idealismus des Prüfungsverantwortlichen keinen Abbruch tut – schliesslich geht es den Einsatz für Frauen, die Hilfe brauchen. Dimitrios ist zuversichtlich und nippt an seinem inzwischen wohl kalten Kaffee: «Sobald wir an der Macht sind, werden wir die Welt verändern – das werde ich nicht mehr erleben», meint er schmunzelnd.

Arbeitsvertrag

Dimitrios nimmt die Selektion vor. Zunächst müssen Interessierte dieses Bewerbungsformular ausfüllen (Foto: smi).


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