Nazarets Odyssee – Fatih Akins «The Cut»
Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) ist Armenier und lebt mit seiner Familie nahe der syrischen Grenze. Doch es herrscht Krieg, und das Osmanische Reich hat sich entschieden, auch die armenische Bevölkerung in den Krieg zu schicken – das sagen die Gendarmen, die Nazaret abholen, jedenfalls. Doch bald schon wird klar, dass Nazaret nicht als Soldat, sondern als Zwangsarbeiter eingesetzt wird. Nazaret verliert alles – seine Familie, ja sogar seine Stimme. Nur sein Leben bleibt ihm noch – da erfährt er, dass seine Töchter überlebt haben. Eine Odyssee beginnt, die ihn über Syrien, Libanon und Kuba in die USA führen soll…
Mit «The Cut» geht für den deutsch-türkischen Filmemacher Fatih Akin ein Traum in Erfüllung: vermittelt von seinem Idol Martin Scorsese liess er das Drehbuch von Mardik Martin überarbeiten, dem im Iran geborenen armenisch-amerikanischen Drehbuchautor, der u.a. «Raging Bull», «New York New York» und «Mean Streets» mitgeschrieben hatte. «The Cut» ist nicht nur ein Film über das Schicksal der Armenier im Ersten Weltkrieg, es ist auch eine Hommage ans Kino selbst, in dem wir regelrecht eintauchen in die Schrecken des Krieges, in die fremden Landschaften, in das Leben selbst. Der Film ist der dritte Teil von Akins Trilogie «Liebe, Tod und Teufel»: «Gegen die Wand» handelte von der Liebe, «Auf der anderen Seite» vom Tod, nun ist der Teufel dran. Gemeint ist damit das unermessliche Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen. Akin schreckt dabei nicht davor zurück, auf ein sehr kontroverses Thema zu fokussieren – auch wenn «The Cut» viel mehr ist als ein Film über den an der armenischen Bevölkerung verübten Genozid. Der Rassismus in den USA wird ebenfalls thematisiert – anhand einer versuchten Vergewaltigung einer Indianerin notabene. Und Nazaret Manoogian überlebt nur dank eines Türken, der ihn trotz Befehl nicht umbringt. Auch wenn in der Türkei nationalistische Kreise Akin angreifen: «The Cut» ist natürlich kein antitürkischer Film, sondern ein ausgewogenes Werk, in dem die Menschlichkeit aller Menschen bekräftigt wird – aber auch die Fähigkeit aller Menschen, unmenschlich zu handeln. Ein grosser Film, der zeigt, dass Akin der wohl wichtigste deutsche Regisseur seiner Generation ist. In Nebenrollen sind u.a. Arsinée Khanjian, Hindi Zahra (in ihrem Début auf der grossen Leinwand), Simon Akbarian, Makram J. Khoury und Moritz Bleibtreu zu sehen.
«The Cut». Deutschland/Frankreich/Polen/Türkei/Kanada/Russland/Italien 2014. Regie: Fatih Akin. Mit Tahar Rahim, Arsinée Khanjian, Simon Akbarian, Makram J. Khoury, Hindi Zahra, Kevork Malikyan, Trine Dyrholm, Moritz Bleibtreu u.a. Deutschschweizer Kinostart: 16.10.14.

