Todestag: Samstag der achte – über Dominik Riedos «Die Schere im Kopf»

«Die Schere im Kopf» ist eine ausserordentliche Erzählung von Dominik Riedo. Er beschreibt in Bewusstseinsschüben die letzten fünf Tage eines «Lieber-nicht-Geborenen». Am Ende des Vexierspiels bleibt eine tödliche Gewissheit.

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Die knallharte Einsamkeit dieses Sterbens trifft oder hat zuweilen eine nur schwer zu ertragende Egozentrik zur Folge. Auch die fragmentarische Erzählweise, die an Stellen Details wie eine genaue Adresse liefert und dann wieder darauf verzichtet, ein Wort zur staubsaugenden Mutter zu erklären (wenn sie staubsaugte, konnte sie nicht keifen). «Die Schere im Kopf» ist ein Wagnis. Der Autor versucht sich der Gewissheit zu stellen, das Ende und ausschliesslich das Ende zu erzählen. (zVg)

von Andy Strässle

Was also tun, wenn die Ungewissheit fehlt? Wenn man nur allzu genau weiss, was kommt und wie es sich anfühlt? Fünf «Tagnächte» hat Dominik Riedos Erzähler in «Die Schere im Kopf» noch zu leben. Er liegt mit Krebs im Endstadium in einem Spitalbett und weiss, die Schmerzen werden trotz Medikamenten immer schlimmer werden. Dennoch fürchtet er sich weniger vor dem elenden Ende, verspürt kaum Angst vor dem nahenden Tod, den er in seinem Überdruss eigentlich willkommen heisst, den Drang weiterzuleben hat er trotzdem.

«Am Ende ist also der Leib. Jetzt sind die Schmerzen da, die dich nur noch sehr vermindert denken lassen. Nicht konzentriert. Bloss mäandernd. Und doch knapp. Dazwischen die Schübe der Spasmen, ein Leib, der nur noch wehtut und sich deswegen wie von selbst bewegt, der beruhigt werden müsste, der aber nicht mehr völlig zur Ruhe kommt. Am Ende ist der Leib. Am Anfang stand er auch, ja.»

Der vierzigjährige Schriftsteller Dominik Riedo nennt sein neues Buch einen «Lebensabriss», wobei dieses Leben, welches der Erzähler in einem Bewusstseinsstrom oder eben in verschiedenen Bewusstseinsschüben – wenn es die Medikamente zulassen – beschreibt, reisst weniger ab, sondern wird von ihm rückblickend komplett zerrissen. Der Ansatz ist und bleibt etwa der:

«Deswegen, gerade deswegen schaffst du es nicht, milde darüber zu denken. Denn ein Leben hast du schon gewollt, auch wenn es ein Danaergeschenk ist, insgesamt. Du wolltest einfach eines, das besser gewesen wäre. »

Das Leben, ein trojanisches Pferd? Bei Homer sind die Danaer, die Griechen der Antike, die am Ende die Stadtmauern von Troja überwinden, in dem sie den Trojanern ein hölzernes Pferd schenken, aus dessen Bauch fröhlich Soldaten springen. Schwierig, herauszufinden, ob uns der Autor hier auf die Schippe nimmt, es ironisch meint. Schliesslich hat uns der Erzähler kurz zuvor noch daraufhingewiesen, dass der Mensch ja nicht die Wahl hat, geboren zu werden. Also hat er auch nicht die Wahl, ob er das Holzpferd reinholt oder nicht.

Weltschmerz in Fragmenten

Aber ja, in den letzten Stunden, Stunden voller Schmerzen, können die Dinge schon einmal durcheinander geraten. Und das tun sie auch. Riedos Erzähler überlegt, ob es ihm ein Trost wäre, wenn alle Menschen gleichzeitig mit ihm aufhören würden zu existieren. Er kommt in Sachen weltweites Wettrüsten zum Schluss, dass die eine Bombe, welche die ganze Welt hochjagt, eigentlich genügen würde, und er denkt daran, dass dies dann, wie auf der zeitlos zeitnahen Pink Floyd-Platte «The Final Cut» besungen, wirklich zwei Sonnen beim Sonnenuntergang wären.

Um es kurz zu fassen. Ganz fragmentarisch denkt der Sterbende auch an die Schweiz, an die Bürgerlichkeit – nicht so toll, aber nicht zu verändern – und fasst zusammen, dass ihn auch das Reisen anwiderte, weil es da einfach nichts neues gab, als er erst einmal alles bereist hatte. Von Weltschmerz zu sprechen, ist im Fall von «Die Schere im Kopf» schwer untertrieben, aber ist ja auch kein Wunder: Der Mann liegt im Sterben.

«Nur sein Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet.»

So heisst es bei Jean Paul in «Selina oder die Unsterblichkeit der Seele». Aber hey, der war ja eben Romantiker, solch eine milde Sicht kommt bei Riedo nicht in die Tüte:

«Dir fehlt in der Erinnerung oft das Entscheidende, das Wesentliche, was Erinnerung erst wertvoll macht. Du warst der Schauplatz von Ereignissen und diese Ereignisse prägten dich. Dabei spielte gewissermassen die Trauer auf dir wie auf einem Instrument, gleichermassen die Freude. Alles ist doch bloss ein chemischer Prozess.»

Hier sind wir kurz vor der Mitte des Buches. Ein wortgewaltiges Donnerwetter folgt auf das andere, aber was wissen wir über den Sterbenden, über seine Geschichte, ausser, dass er die Welt nicht nach seinen Ideen verändert hat, also Macht immer noch missbraucht wird, das Berufsleben mühsam und mit der Zeit gar verlogen ist und ähnliche bekannte Einsichten?
Wir wissen, dass der Erzähler «vor über sechzig Jahren» dachte, er werde das grosse Werk schreiben, wir wissen, er spielte zwei Instrumente, war aber nicht ganz so musikalisch wie Mozart. Wir wissen, er war lange Lehrer, einmal sogar Literatur-Dozent an der Uni. Er hat aber auch im Gefängnis gearbeitet (wo er festgestellt hat, dass sich auch Verbrecher selbst beschwindeln) und hat unterschiedliche Gelegenheitsjobs gehabt. Wir erfahren auch:

«Das war aber auch so eine Idee: Du hast wie der perfekte Schweizer oder der perfekte Wissenschaftler dir das Ziel gesetzt, 100 Prostituierte zu beschlafen. Du hast dich dafür auch gehasst, Du hast das eigentlich abgelehnt, trotzdem: Du hast 100 beschlafen.»

Ein lustiger Satz, ob freiwillig oder nicht. Endlich wird klar, was der perfekte Schweizer oder der perfekte Wissenschaftler für Ziele haben. Und dann noch dies:

«So, wie steht es mit der Liebe? Der so genannten. Also dem Sex und was damit einherkommt. Da hast du wenigstens ganz schön im Töpfchen gerührt, nicht? Du hast mit 129 Frauen geschlafen. Was Du zwar keinem sagen konntest, nicht mochtest, aber immerhin: Wer hat das schon? Fellini wohl und Simeon und Walter und auch Klaus Kinski.»

Wir wissen, von diesen 129 Töpfchen zerbrach eines durch Selbstmord, während das Töpfchen, welches der Erzähler vor den Altar führte,  ein halbes Jahr nach der Vermählung lesbisch wurde, schlicht aus einem Grund: Seine Frau wollte sich der Gesellschaft zuliebe um jeden Preis umprogrammieren lassen, musste sich dann aber doch eingestehen, dass sie  auf Frauen stand. Es bleibt genau ein erwähnenswertes Töpfchen. Dasjenige, mit dem der Erzähler hätte alt werden wollen, aber leider verstirbt die Frau vor ihm.

Was wir vom Vexierspiel wissen

Gut, man weiss noch mehr, mehr vielleicht, als man wissen will. Tolstoi etwa stand vom Totenbett nochmals auf. Mozart nahm seine Werke mit ins Grab mit und über die Katzen sei an dieser Stelle der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Bei allen Absurditäten dieser Erzählung, und der unglaublichen Fallhöhe, die der Autor in Kauf nimmt und bewusst einsetzt – etwa den kleinen verzweifelten Wünschen und der Wut, die den Erzähler in der ausweglosen Lage überkommen – ist «Die Schere im Kopf» ein faszinierendes und streckenweise extrem kunstvolles Vexierspiel. Kleine Beobachtungen, wie diejenige, dass es auf der Krebsstation keine Spiegel hat, treffen auf die aggressive Feststellung, die Naturlandschaft sei als voller Vaginen und Schwänze zu sehen.

Die knallharte Einsamkeit dieses Sterbens trifft oder hat zuweilen eine nur schwer zu ertragende Egozentrik zur Folge. Auch die fragmentarische Erzählweise, die an Stellen Details wie eine genaue Adresse liefert und dann wieder darauf verzichtet, ein Wort zur staubsaugenden Mutter zu erklären (wenn sie staubsaugte, konnte sie nicht keifen).

Wagnis Unmöglichkeit

«Die Schere im Kopf» ist ein Wagnis. Der Autor versucht sich der Gewissheit zu stellen, das Ende und ausschliesslich das Ende zu erzählen. Es gelingt nicht immer. Auch auf der intuitiven, suggestiven Ebene bleibt es manchmal schwer dranzubleiben. So wird ein grundsätzlich sprachlich und inhaltlich eindringliches Finale erneut durch Wichtigtuerei unterbrochen. Yep! Es geht wieder um ein Töpfchen. Diesmal erzählt der Erzähler, er habe eine Nacht mit PJ Harvey verbracht und auch das habe niemand gewusst.
scheissegal, will man brüllen, das Buch in die Ecke pfeffern, aber dazu ist es eben doch viel zu gut.

Ungelebte Lebensfülle

Und doch. Es ist in aller Deutlichkeit zu sagen: «Die Schere im Kopf» schildert Frauen als Objekte. Irgendwo in der Mitte, abmildernd, ist Sex ein Spiel. Für den Autor und für uns Leser ist der Sex in diesem Buch allerdings ein Danaergeschenk. Immer wieder blitzt ein Abenteuer auf, reisst einen aus der Endzeittragik, und doch, die Fragmente sind weniger ein Zeugnis eines Verlangens, sondern Zeugnis eines erstarrten, ungelebten (oder vielleicht gelebten und nicht wahrgenommenen) Begehrens. Irritierend ist – nicht nur wegen PJ Harvey – dass der Erzähler sagt, es seien bald achtzig Jahre um. Es mag ja durchaus alles eine Frage der Chemie sein, aber selbst bei Kinski oder Henry Miller liess die Sexbesessenheit mit den Jahren etwas nach. Am Schluss lehrt uns Dominik Riedo aber eines; als Autor scheitert er teilweise daran: Es bleibt nicht viel Raum, nicht viel, wenn die Ungewissheit fehlt. Es ist das Fehlen der Ungewissheit, das tötet. Darum ist es wichtig, dieses Buch zu lesen. Auch wenn es nicht immer eine einfache Lektüre ist.

Dominik Riedo
«Die Schere im Kopf»
128 Seiten | gebunden
mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-907496-97-8
CHF 24.00/€ 19.80

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